Im Dunkeln

Lot Vekemans: Ismene, Schwester von, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Da sind diese Namen: Man kennt sie, ist ihnen schon unzählige Male begegnet, weiß sie einzuordnen und hat doch kaum je einen Gedanken an sie, an jene, die sie bezeichnen, verschwendet. Es sind die stumm bleibenden Nebendarsteller, Komparsen auch, der Geschichte und Mythologie. Bausteine dessen, was wir die Fundamente unserer Kultur, unseres kollektiven Selbstverstndnisses, unseres Menschseins nennen. Fußnoten, notwendige Reibungspunkte der Helden, doch selbst in der Ecke, im Schatten stehend. Wichtiger noch: Sie sind und bleiben stumm. Die niederländische Dramatikerin Lot Vekemans gibt ihnen eine Stimme. Durch sie haben wir erstmals Judas‘ Sicht auf seinen Verrat gehört, jetzt bringt sie Ismene, Antigones Schwester zum Sprechen. Überlebende beide, Opportunisten, Anpassungsfähige wohl auch, Feige sowieso, will man der konsensualen Meinung, so diese überhaupt existiert, folgen. War Judas zumindest noch Handelnder, geht Ismene einen Schritt weiter: Sie verdammt sich durch das Nichtstun, ist die Verachtete ihrer Familie – und ist bis heute nicht besonders gut beleumundet –, weil sie überlebt, weil sie sich am kollektiven schlachten nicht beteiligt. Bei Sophokles ist sie bis zu einem gewissen Grad gar die Stumme der Vernunft, doch nicht sie verehren wir als Heldin, sondern ihre Schwester, die das Leben opfert für eine scheiternde Geste opfert. Sie gilt als eine, die ihr Leben für ihre Prinzipien gibt. Und nichts erreicht. Und Ismene? Sie ist nicht als die „Schwester von…“.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Mitläufertum, Opportunismus, Heldenverehrung: Was hätte sich aus dieser Geschichte, dieser Figur alles machen lassen! Und vielleicht ist es diese Fülle der Möglichkeiten und Anknüpfungspunkte an unsere heutige Wirklichkeit, an unsere Grundüberzeugungen als Menschen, die Vekemans vor dem weißen Blatt Papier erstarren ließen. Anders ist kaum zu erklären, welch belangloser, nicht einmal an der Oberfläche kratzender Text dabei herausgekommen ist. Was erfahren wir schließlich: Ismene hasst ihre Schwester. Ismene wollte überleben. Ismene hatte Angst. Ismene glaubt nicht an Gut und Böse. Ismene wäre gern einmal glücklich gewesen. Ismene bewundert Tiere, weil sie nur ihren Instinkten folgten. Aufgeladen mit eher plumper Tiermetaphorik (heulende Hunde, stechende Fliegen, ein totes Kaninchen), ist Ismene, Schwester von ein Reigen an bedeutungsschweren, doch zumeist leeren Sentenzen, die keine der wichtigen Fragen stellen. Ismene sagt: „Ich wäre gern ein Held gewesen“, doch die Hinterfragung des Konzepts „Held“, gerade am Beispiel von Schwester und Brüdern, bleibt aus. Dass sie die Stimme der Vernunft sei, behauptet sie, be- oder widerlegen kann (oder will?) es der Text nicht. Ob Opportunismus nicht auch eine positive, ja, lebensnotwendige Eigenschaft sei, auch das bleibt hier nicht nur offen. Es steht nicht einmal auf der Tagesordnung.

Da passt es auch irgendwie, dass mit Stephan Kimmig einer der großen Kunsthandwerker des deutschsprachigen Theaters hier Regie führt, einer, der die theatralen Mittel so virtuos beherrscht wie kaum ein anderer. Anne Ehrlich hat ihm einen Laufsteg gebaut – in Sargform! – der von einem kleinen Loch im eisernen Vorhang zum Bühnenrand führt. Dort erscheint Ismene, dargestellt von Susanne Wolff im Gegenlicht, ein Schatten nur, langsam sich ins Licht kämpfend. Es ist ein kaltes, reduziertes, punktuelles licht, schließlich befinden wir uns im Reich der Toten, der Schatten, wie ja Ismene einer ist und immer schon war. Mit brüchiger Stimme, angstvoll tastend, verwirrt ob der plötzlichen Aufmerksamkeit nach 3000 Jahren, beginnt Wolff Ismenes Geschichte zu erzählen. Mit trotziger Schnoddrigkeit, gewollt aufgesetzter Selbstbehauptung, hinter der sich Selbsthass, Leere verbergen. Denn sie selbst ist vor dem Heldenbild, das ihre Schwester verkörpert, nicht gefeit, ist selbst Opfer ihrer Erwartungen. Wolff deutet die Brüche an, die Risse, durch die Erkenntnis dringen könnte – und die der Text und Kimmigs allzu glatte Regie ihr verweigern. Und so verfällt sie bald auch in trotz- und Leidensroutine, ihr fragender Blick nicht verleugnend, dass sie selbst nicht so recht zu wissen scheint, was sie hier tut. Sie steht auf der Bühne eines Hauses, in dem vor nicht allzu langer Zeit ein einziger Satz Sven Lehmanns, ein Schrei Constanze Beckers, ein Blick von Ulrich Matthes existenzielle Erschütterungen auszulösen vermochten. Und jetzt steht da eine Ausnahmeschauspielerin eine Stunde lang und es passiert: Nichts. Und es bleibt: Nichts. Ratlosigkeit vielleicht. Doch, die schon.

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