Willkommen im Nichts

Festival „Leaving is not an option?“ – Kornél Mundruczó: Dementia, or the Day of My Great Happiness, Proton Theater (Regie: Kornél Mundruczó) (Gastspiel im Hebbel am Ufer/HAU2, Berlin)

Von Sascha Krieger

Die Geschichte, die Kornél Mundruczós Stück Dementia, or the Day of My Great Happiness erzählt, basiert auf einer, die tatsächlich passiert ist, in Budapest, im Nachwende-Ungarn: Da kauft ein Investor eine bekannte psychiatrische Klinik der Stadt und setzt Belegschaft wie Patienten auf die Straße. Einfach so, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Was es in seinen Augen wohl auch ist. In einem Land, einer Gesellschaft, die selbst dement geworden ist, die die Vergangenheit anbetet, ohne von ihr zu wissen, die vergisst, indem sie behauptet zu erinnern, in der werte so volatil sind und so schnell ihren Wert verlieren wie in einem Börsen-Crash. Nur dass dieser schon mehr als zwanzig Jahre andauert. Mundruczó, einer der bekanntesten unabhängigen Theatermacher Ungarns, hat aus dieser irrwitzigen, jeglicher Logik und Vernunft, aller Menschlichkeit widersprechenden Geschichte einen Theaterabend gemacht, der ebenso durchgeknallt, absurd und wahnwitzig ist wie die Welt, von der er erzählt.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Dabei sieht das erst einmal durchaus nach Realismus aus: Mit großer detailliebe hat Mundruczó ein heruntergekommenes Krankenhaus-Intérieur aufbauen lassen, mit Krankensaal, Duschraum in der zweiten Etage und am Ende, nach dem Zuklappen der Kulisse, einer spätsozialistisch bröckelnden Fassade, die selbst die weihnachtlichen Lichterketten nicht mehr aufwerten können. Was darin geschieht, hat jedoch mit Realismus wenig zu tun. Stattdessen entspinnt sich eine Show eines auf dem Kopf stehenden Wertesystems, einer Erosion gesellschaftlichen Konsenses, in deren Mittelpunkt der leitende Arzt steht. In atemberaubender Geschwindigkeit wird er vom charismatischen Klinikleiter zum angsteinflößenden Choleriker zum gewissenlosen Opportunisten zum standhaften Fatalisten, der seine Menschenwürde so schnell an- und abstreift, dass es einem schwindelig wird. Seiner Pflegerin geht es wenig anders, selbst der Investor, dem menschliche Züge nicht ganz abgehen, wandelt durch so manchen Grad an Verkommenheit.

Dazwischen stehen die Dementen, die, die in die schöne neue, schnelle, effiziente Zeit nicht hineinpassen: die weggeworfene Operettendiva, der aus der Zeit gefallene Mathematiker, der vom rumänischen Ceausescu-Regime gebrochene Zahnarzt, die im eigenen Liebesanspruch verlorengegangene Mutter. Sie alle werden nicht gebraucht, sie darf es gar nicht geben, die Plastiktüten, die sie sich am Ende über den Kopf ziehen, sind nichts anderes als die Müllbeutel, die ihnen die Gesellschaft zugedacht hat. Eine Gesellschaft ohne Fundament, ohne Halt, eine die, weil sie das Gestern nicht achtet, kein Morgen hat, keine Verantwortung kennt und mit ihr keine Schuld, keine Reue. Eine demente Gesellschaft, in der die wirklich Dementen das letzte Glied zu einer Verankerung in so etwas wie einem geschichtlichen Zusammenhang bilden. Wie auch in Csaba Polgárs Korijolánusz lässt sich diese haltlose Welt, in der Werte nicht mal mehr Worthülsen sind, auf das postsozialistische wie auf das heutige, prädiktatorische Ungarn beziehen, erscheinen die letzten zwanzig Jahre als eine Zeit ohne Entwicklung, ohne Vergangenheit und Zukunft, als langer Moment, der nirgendwo her kommt und nirgendwohin führt. Eine demente Zeit, in der alles eins und alles nichts ist.

Hier ist alles aus den Fugen geraten und es hat sich in diesem Zustand eingerichtet. Uns, dem Zuschauer, der hier auch Komplize ist – wir werden angesprochen, zu Zeugen und Mitwissern gemacht – mag das absurd, irre, grotesk erscheinen. Wie die Form, die Mundruczó dem Ganzen gibt: eine grelle Farce, teils Horrorfilm, teils Operette, da wird aus der semirealistischen Patientenband eine Musicalnummer, da kippt der hysterische Slapstick ins skurril Ekelhafte, da wird zitiert, assoziiert, überzeichnet, bis wir mit Entsetzen merken, dass das alles seine eigene, durchaus stringente Logik hat, die Alptraumshow unterhält und das alles in Zeiten, in denen Milliarden in Sekundenbruchteilen verzockt werden und einfache Leute dafür auf der Straße landen, alles ist, nur kein Wahnsinn. Denn dieses Ungarn liegt auch an der Wall Street, zwischen der abbruchreifen Klinik und Zürcher Bankhäusern liegen nicht die Welten, die man vermuten würde, und irgendwie gehören ein außer Kontrolle und zum Selbstzweck geratener Neoliberalismus und der in so manchem Teil Europa Hochkonjunktur habende dumpfe Antworten zu geben scheinende Populismus rechter oder sonstiger Couleur zusammen. Und womöglich ist nicht dieses seltsam irritierende Ungarn näher, als wir dachten, sondern stehen wir schon vor den Türen dieses Irrenhauses. Denn wie singen die Untoten am Ende so schön: „We’ll meet again, don’t know where, don’t know when…“ Auch dies ein Filmzitat und zugleich eine Drohung. Wir sollten sie ernst nehmen.

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