Musikalische Sprengkraft

Sir Simon Rattle und die Berliner Philharmoniker mit Werken von Brahms, Haas und Debussy

Von Sascha Krieger

Wenn eine der vier Symphonien von Johannes Brahms auf einem Konzertprogramm steht, weiß der erfahrene Konzertgänger, was er zu erwarten hat: höchste Tonsetzerkunst, komplexe und fein austarierte musikalische Strukturen, geschliffene Symphonik. Brahms gilt längst als der klassischste aller Romantiker, der kontrollierteste auch, Überraschungen sind da eigentlich nicht zu erwarten. Doch dann kommen Sir Simon Rattle und seine Berliner Philharmoniker daher und fegen schon mit den ersten Tönen jegliche Patina aus dem Saal der Berliner Philharmonie. Was Rattle in Brahms‘ Dritter als musikalischer Sprengkraft findet, ist schier atemberaubend. Es ist ein aufgewühltes musikalisches Meer, das der Chefdirigent der Berliner hier befährt: Angekündigt vom harten Herzschlag der Pauke gleich zu Beginn, taucht das Orchester tief ein unter die Oberfläche von Brahms Dritter und fördert Unter- wie abgründiges zu Tage. Mit eindrucksvoller Differenzierung nimmt Rattle den Kopfsatz: hier die zarteste Lyrik des pastoralen Nebenthemas, dort das vulkanische Brodeln des Hauptthemas. Kontrastreich lässt Rattle die beiden Welten – den Traum der unberührten Natur und die Wirklichkeit der zerstörerischen Kraft des modernen Menschen – aufeinanderpralle. Höchste Transparenz ist geboten, jedes Instrument ist hörbar, jeder noch so kleiner Lavagluckser trägt zum Ausbruch dieses klanglichen Vulkans bei. Es ist eine elementare Kraft, die Rattle hier entfesselt und die auch die anderen Sätze durchpulst.

Sir Simon Rattle (Foto: Stephan Rabold)

Sir Simon Rattle (Foto: Stephan Rabold)

Da ist das Andante: Sacht, fast zerbrechlich hebt es an, doch da ist stets das untergründige Grollen, gähnt jederzeit der Abgrund. Alles hier ist in Bewegung, bleibt aufgewühlt, treibt unablässlich voran. Die Schönheit des Satzes wird getrübt von einer kaum merklichen Fahlheit, die Oberfläche bleibt Schein, die Macht des Elementaren behält die Zügel in der Hand. Rattle legt den Finger in die Wunden, legt die Brüche offen, zeigt, welche Komplexität die elegante Oberfläche so oft verbirgt. Zweideutig, hintergründig flirrend dann auch der dritte Satz, in dem das Orchester mit einer Dramaturgie aus Pausen und Verzögerungen eine ungemeine innere Spannung aufbaut, aus der heraus dann die Solisten, insbesondere Wenzel Fuchs‘ Klarinette und Albrecht Mayers Oboe betörend schöne Sehnsuchtsgesänge formen können. Mit scharfen, harten Kontrasten und pointierter Rhythmik geht Rattle dann den Schlusssatz an, der sich in einer kaum erträglichen explosionsartigen Kraft entlädt, die trotz allem stets vollkommen durchsichtig bleibt. Ganz sachlich dann das zurückgenommene Ende, das der aufgewühlten See mit Vernunft begegnet, sie aber nicht zu glätten vermag.

Und so ist das Meer denn auch in Claude Debussys La Mer diesmal besonders wild. Bewegung und Rhythmik bestimmen die energiegeladene Interpretation, die zugleich von höchster Konzentration geprägt ist. Statt auszuufern, bewegt sich bei Rattle und den Philharmonikern alles in Richtung eines musikalischen Zentrums. Umso verstörender dann der Ausbruch im Schlussteil, der an den Finalsatz der Brahms-Symphonie erinnert. Wo Debussy von einem „Dialog des Windes und des Meeres“ spricht, entlädt sie hier die ganze zerstörerische Kraft der Natur, die Rattle zuvor in tausend Farben schillern ließ. Hochtransparent auch hier der Ansatz, wenngleich der Fokus eher auf dem Gesamteindruck liegt. Da dürfen dann im Mittelteil auch mal die Wellen funkeln, die fokussierte Spannung löst das nicht auf. Dunkel die Grundierung dann im Finalteil, zum Zerbersten die Spannung, und auch die finale Explosion löst den Druck nicht.

Es hätte ein großer, altbekannte Werke ganz neu hörbar machender Abend werden können, wäre da nicht nach der Pause die Uraufführung von dark dreams des deutschen Komponisten Georg Friedrich Haas gewesen.Dabei tut Rattle einiges dafür, dem Werk Gewicht zu verleihen. Mit großer Präzision lässt er die charakteristischen an- und Abschwellbewegungen spielen, akzentuiert die Kontraste, versucht den statischen Klangflächen jedes erdenkliche Bewegungspotenzial abzutrotzen, fokussiert die Rhythmik, betont die dramatischen Akzente und kann doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass dies vor allem eine akademische Fingerübung ist, die auf dem simplen Wellenprinzip und mikrotonalen Elementen basiert und wenig Komplexität bietet. Da wirkt das Brodeln, das Rattle seinem Orchester auferlegt, aufgesetzt, finden die finalen Soli der tiefen Instrumente Tuba, Kontrafagott oder Kontrabass auch hier keinen Platz in diesem flächigen Werk.  Es bleibt ein Schönheitsfehler an einem Abend, der zeigt, wie aufregend und aufwühlend Orchestermusik sein kann.

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