Stereotype mit Drehwurm

Joël Pommerat: Dieses Kind, Deutsches Theater / Box (Junges DT), Berlin (Regie: Lily Sykes)

Von Sascha Krieger

„Keine Beziehung ist so existenziell, prägend, so tief- und auch abgründig wie die zwischen Eltern und Kindern“: Mit diesem Satz legt das Programmheft schon einmal das Themenfeld fest, welches in den folgenden 75 Minuten abzuarbeiten ist. Der französische Theatermacher Joël Pommerat hat für Dieses Kind zehn Szenen geschaffen, welche die so „ideologisch aufgeladene“ (auch dies ein Zitat aus dem Programmheft und mystifizierte erste zwischenmenschliche Beziehung im Leben der meisten Menschen aus unterschiedlichen Perspektiven durchleuchten sollen. Da gibt es die junge überforderte Mutter und das kinderlose ältere Ehepaar, zwei aufeinanderprallende Vätergenerationen, die besitzergreifend übergriffige Mutter, das passiv-aggressive, die eigenen Lebensvorstellungen auf die Tochter projizierende Exemplar, den rebellierenden Teenager, der Wochenendvater. Gesammelt hat Pommerat seine Geschichten in einem sozialen Brennpunkt Nordfrankreichs, eine Herkunft, die Lily Sykes‘ Inszenierung nicht anzumerken ist.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Sykes hat die zehn Szenen aus ihrem sozialen  Umfeld gelöst und betont den durchaus in der Vorlage angelegten exemplarischen Charakter des Stücks. Sie beginnt und beendet den Abend mit einer Familienaufstellung der Spieler, die sich zu einem Familienfoto zusammenstellen. Dazwischen verteilen sie sich auf unterschiedliche Rollen, wer nicht dran ist, sitzt im Hintergrund und bewegt die manuelle Drehbühne, für die Jelena Nagorni ein Metallskelett mit Fensterattrappen und Türöffnungen geschaffen hat, die ansonsten keine wesentliche Rolle spielt. Die „Szenenwechsel“ haben vor allem die Funktion, Verbindungen zu schaffen zwischen den einzelnen Episoden, was mit Fortdauer des Abends ähnlich bemüht wirkt wie die Klammer des Familienbildes. Zuweilen sehen die Protagonisten der vorherigen Szene ihren Nachfolgern zu, darf Maike Knirsch als Jungmutter – die einzige sozial irgendwie als prekär spürbar gemachte Figur – eine Art roten Faden bilden, und doch behindern diese Versuche, Verbindungslinien zu schaffen, den Fluss des Abends mehr als sie ihn befördern, schnüren sie doch die Szenen in ein Korsett ein, das sie noch fragmentarischer erscheinen lässt, als diese Miniaturen ohnehin sind.

Zumal Sykes ohnehin auf Plakatives setzt. Manche Szenen verpuffen komplett unter der Last des stereotypen: etwa der dauertelefonierende Vater (Bern Moss), das sich schablonenhaft um Erziehungsfragen streitende Vater-und-Sohn-Paar (Bernd Stempel und Moss), oder der Konflikt um den frühpensionierten Vater (Stempel) und den frustrierten Teenager-Sohn (Ingraban von Stolzmann), den ersterer mit ausgestellter Verbitterung, letzterer mit wütendem Dauerbrüllen absolvieren. Auffällig ist, dass vor allem die Vater-Sohn-Geschichten gar nicht funktionieren, weil die Charaktere in engsten Klischeeschablonen eingeschnürt sind. Besser geht es den Frauenfiguren: Insbesondere Maike Knirsch verleiht dem Abend als naiv-optimistische junge Mutter eine Intensität und Glaubwürdigkeit, die ihm ansonsten fehlt. Hier blitzt kurz die Komplexität des Elternseins auf, die inneren Konflikte, die das beinhaltet, vor allem aber auch der egoistische Aspekt, seinem Leben durch das Kind Sinn geben zu müssen.

Dieses Motiv findet sich auch in den dominanten Mutterfiguren wieder: Da gibt Gabriele Heinz die verbohrte, selbstgerechte, die eigenen Lebensvorstellungen als für die Tochter verbindlich ansehende Mutter, mit zitternden Mundwinkeln und einer unter der Maske besorgter Zuneigung versteckten Unerbittlichkeit, die frösteln macht. Noch intensiver Katrin Kleins Porträt der besitzergreifenden, ebenso verzweifelten wie übergriffigen Mutter, deren zehnjähriger Sohn (Emil von Schönfels und Lenz Langers teilen sich die Rolle) zerrissen ist zwischen Verantwortung, Liebe und Schuldgefühlen. Die Narben, welche die unmenschliche Erwartungshaltungen, die an das Eltern-Kind-Verhältnis herangetragen werden, die Last, welche die Gesellschaft der als eigener Keimzelle stilisierten klassischen Familie aufbürdet, schlagen – hier werden sie sichtbar.

Was die Schlagseite des Abends allerdings nicht kompensiert: Zu uneinheitlich sind die Szenen gewichtet, zu gequält die Verbindungsversuche, so wenig findet der Abend seinen Ton. Oft kippt der Abend unnötig ins Komische, am ärgerlichsten wohl in der Schlussszene, in der eine Frau eine Kinderleiche womöglich als den eigenen Sohn identifizieren soll, und die hier in einer Mischung aus alberner Komik und vorhersehbarem Krimi-Klischee regelrecht implodiert. Der unentwirrbaren Komplexität, welche die Beziehung von Eltern und Kindern, der ihr aufgegebenen Bedeutung und der Schwierigkeit, die allein schon daraus entsteht, dass dies immer eine aufgezwungene Beziehung ist, deren Komponenten einander nicht aussuchen können, ergeben, kommt dieser Abend nicht näher, der auch ein kleiner Etikettenschwindel ist: Als Teil des „Jungen DT“ angekündigt, liegt der Fokus hier viel zu stark auf den Erwachsenenfiguren, werden die exzellenten jungen Darsteller viel zu oft zur Staffage (von Stolzmann etwa darf am Ende noch den nur herumstehenden Polizeibeamten geben). Und so wirkt der Abend sehr unfertig, unausgeglichen und letztlich bleibt unangenehm an der Oberfläche.

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