Nach dem Vogel-Strauß-Prinzip

Das Theatertreffen 2014 feiert das großstädtische Stadt- und Staatstheater

Von Sascha Krieger

Wie war das noch einmal mit den Totgesagten? Nachrufe auf das klassische Stadttheater gab es in den letzten Jahren, Monaten, ja, Wochen genug, landauf landab drohen finanzielle Kürzungen, Theaterschließungen, an einer Stelle treffen sich ein aktueller Intendant und sein Vorgänger wohl in Kürze vor Gericht, andere fordern lautstark eine grundlegende Reform, die sich an Modellen und Strukturen der Freien Szene orientieren sollte. Eine Finanz- und Strukturkrise wird immer wieder diagnostiziert, aber auch der Vorwurf künstlerischen Stillstands zieht sich wie ein roter Faden durch Zustandsbeschreibungen und Abgesänge. Und was macht das theatertreffen, die Leistungsschau der „zehn bemerkenswertesten Inszenierungen“ des Theaterjahres und jährliches Schaufenster eines ansonsten am Rande der öffentlichen Wahrnehmung existierenden Theaterbetriebs? Es feiert das deutschsprachige Staats- und Stadttheater, proklamiert dessen künstlerische Meinungsführerschaft und stellt mal eben seinen Führungsanspruch zu dem, was Theater heute ist und sein kann, wieder her. Neun von zehn Inszenierungen des Theatertreffen-Jahrgangs 2014 kommen aus diesem System und auch unter den Partnern der zehnten Inszenierung, einer Ko-Produktion, finden sich gleich zwei Stadttheater. Das mag man als politisches Statement lesen, als Aufforderung an die Politik, die Stadttheaterlandschaft nicht auf dem Altar von Sparzwängen und Effizienzbestrebungen zu opfern. Und doch hinterlässt diese behauptete Hegemonie ein mulmiges Gefühl.

Hauptspielort des Theatertreffens: das Haus der Berliner Festspiele (Foto: Burkhard Peter)

Hauptspielort des Theatertreffens: das Haus der Berliner Festspiele (Foto: Burkhard Peter)

Das liegt nicht primär an den eingeladenen Inszenierungen, die zum Großteil von Kritik und Publikum positiv aufgenommen worden waren und die von Thomas Oberender, Intendant der Berliner Festspiele, ausgerufenen Vielfalt durchaus widerspiegeln. Da sind sehr eigenwillige und eigenständige inszenatorische Visionen zu erleben wie jene von Alvis Hermanis oder Alain Patel, auch die anarchische Kraft des Theaters ist mit Beiträgen von Herbert Fritsch und Frank Castorf zu erleben, auch das politische Theater kommt nicht zu kurz – etwa mit dem Zeitzeugenprojekt Die letzten Zeugen oder Rimini Protokolls interaktivem Waffenschieber-Abend Situation Rooms, der zudem auch die Öffnung des Theaters ins digitale Zeitalter zumindest andeutet. Auch zwei Neulinge gilt es zu begrüßen: Robert Borgmann mit seinem Stuttgarter Onkel Wanja und Susanne Kennedy mit Fegefeuer in Ingolstadt. Rimini Protokoll vertreten die Freie Szene, so dass, könnte man meinen, ein guter Querschnitt durch das deutschsprachige Theatergeschehen erreicht wurde. So der Schein und doch drängt sich schnell das Gefühl auf, er könnte trügen.

Denn nicht nur das Stadt-und Staatstheater dominiert, auch geografisch fällt eine erstaunliche Ballung auf: Gleich viermal sind Münchner Theater vertreten, nimmt man die Einladungen für Stuttgart, Wien und Zürich hinzu, bleiben für die Region nördlich des Weißwurstäquators nur noch zwei Plätze. Gleich drei Theater (die beiden Münchner sowie das Schauspielhaus Zürich) sind gleich zweimal dabei, während Hamburg trotz des Neustarts am Schauspielhaus leer ausgeht. Überhaupt ist das Programm äußert großstadtlastig: München, Zürich, Wien, Berlin und Stuttgart bestreiten das diesjährige Theatertreffen im Alleingang. Vielleicht ist das der Qualität geschuldet und doch drängt sich angesichts starker Beiträge jenseits der Metropolen in den vergangenen Jahren der Verdacht auf, die Jury hätte in der sogenannten „Provinz“ nicht so genau hergeschaut. Sollen die Nominierungen ein Zeichen sein, wäre es ein fatales, denn es sind gerade die kleineren Standorte, die zunehmend unter Rechtfertigungsdruck und Sparzwang geraten. Wenn das theatertreffen nun ihre Irrelevanz praktisch bestätigt, hilft das ihnen argumentativ kaum weiter – es gefährdet vor allem aber auch die von Oberender so gern beschworene Vielfalt. Ein Theater, das in Berlin oder München mannigfaltige Blüten treibt, während es in großen Teilen der Republik zunehmend verschwindet, schafft sich selbst ab.

Wer die Einladungen in den vergangenen Jahren aufmerksam verfolgt hat, reibt sich noch aus einem zweiten Grund verwundert die Augen: Wo ist die Free Szene, die in den letzten Ausgaben immer stärker vertreten war und wiederholt auch bei theatertreffen mit innovativen ästhetischen Konzepten ebenso zu überzeugen wusste wie mit kreativen wegen, die Wirklichkeit in den Theaterraum zu bringen. Da erscheinen Rimini Protokoll, die das Theaterestablishment ohnehin längst zähneknirschend akzeptiert hat, bestenfalls als Feigenblatt. Ansonsten sind die großen Stadt- und Staatstheater unter sich, dürfen sich wohlig im Bewusstsein der eigenen Wichtigkeit sonnen und sich ausgiebig der Nabelschau widmen, während andernorts ein Kultursterben droht, wie es der deutschsprachige Raum noch nicht gesehen hat.

Natürlich ist zu loben, dass Theatermacher wie Castorf und Fritsch eingeladen wurden, die den Status Quo des Theaters immer wieder hinterfragen und Gegebenes eben nicht als selbstverständlich zu befolgen hinnehmen. Zweifellos gehört eine Arbeit wie die von Rimini Protokoll genauso nach Berlin wie Dimiter Gotscheffs letzte Regiearbeit, in der er sich mit Heiner Müller dem nie seine Aktualität verlierenden Zwiestreit von Gewalt und gesellschaftlicher Veränderung widmet. Und natürlich ist das Zeitzeugenprojekt von Matthias Hartmann am Burgtheater, in dem er Überlebende der Shoah zu Wort kommen lässt, so wichtig, dass eine Einladung zu rechtfertigen ist.

Das alles ist der Jury nicht vorzuwerfen, wohl aber, dass der Blich auf das deutschsprachige theatergeschehen sich als so eingeschränkt er weist, dass die von Oberender proklamierte Vielfalt beinahe höhnisch klingt. Das theatertreffen 2014 reduziert das theatrale Schaffen auf künstlerisch anspruchsvolles und kreatives Regietheater, das ausschließlich an den großen Häusern der großen Städte stattfindet und mit der Lebenswirklichkeit vor den Theatertüren immer weniger zu tun hat. Da ist es auch konsequent, dass das Projekt des Berliner Maxim Gorki Theaters, das als erstes postmigrantisches Stadttheater Lebenswelten auf die Bühne bringt – sowohl in Bezug auf die Themen als auch was die Theatermacher und Schauspieler selbst betrifft – die in der Realität breiten Raum einnehmen und doch im Theater kaum vorkommen, trotz herausragender Abende wie Small Town Boy Es sagt mir nichts, das so genannte Draußen und  Schwimmen lernen außen vorlässt.

Es ist ein Vogel-Strauß-Jahrgang geworden, einer, der im eigenen Saft schmort und die dabei entstehende Hitze für echtes Feuer hält, einer dessen Urheber tatsächlich glauben, Vielfalt zu feiern, während man einfach den Blick abwendet von dem, was, wie das Theater der neuen Gorki-Intendanz, auch mal unangenehm ist und nicht so leicht zu verdauen, das schwierige Fragen stellt, ohne einfache Antworten zu bieten. Es ist, als würde einer die Diversität einer Stadt abbilden wollen in dem er auf die Unterschiedlichkeit der Menschen und Gegenstände in einer einzelnen Wohnung verweist. Das heißt nicht, dass an den deutschsprachigen Stadt- und Staatstheatern kein großartiges und auch diverses Theater entsteht, aber es lebt eben davon, dass es nicht nur die Münchner Kammerspiele und das Burgtheater gibt, sondern auch das Volkstheater Rostock oder das Anhaltische Theater Dessau, erfolgreiche Gruppen wie Rimini Protokoll, aber auch Hinterhoftheater und (post)migrantische Theaterprojekte. Kunst und Relevanz schließen einander nicht aus, das hat so manche Inszenierung der Vorjahre gezeigt. Aber vielleicht liegt hier auch gar nicht mehr der Sinn des Theatertreffens: Wenn Oberender von der „Exportfähigkeit des deutschen Theaterraums spricht“ und sagt: „Das Theatertreffen wird selbst zu Exporteur“, dann eröffnet das ganz neue Diskussions- und Denkräume, denen man vielleicht etwas genauer folgen sollte.

Die eingeladenen Inszenierungen im Überblick

Nach Heinrich von Kleist: Amphitryon und sein DoppelgängerSchauspielhaus Zürich, Regie: Karin Henkel

Die Geschichte von Kaspar Hauser (Textfassung von Carola Dürr und Ensemble) / Schauspielhaus Zürich, Regie: Alvis Hermanis

Doron Rabinovici und Matthias Hartmann: Die letzten ZeugenBurgtheater Wien, Einrichtung: Matthias Hartmann

Marieluise Fleißer: Fegefeuer in Ingolstadt / Münchner Kammerspiele, Regie: Susanne Kennedy

Ohne Titel Nr. 1. Eine Oper von Herbert Fritsch Volksbühne Berlin, Regie: Herbert Fritsch

Anton Tschechow: Onkel Wanja / Schauspiel Stuttgart, Regie: Robert Borgmann

Nach Louis-Ferdinand Céline: Reise ans Ende der Nacht /Residenztheater München, Regie: Frank Castorf

Helgard Haug, Stefan Kaegi, Daniel Wetzel (Rimini Protokoll): Situation Rooms /Ruhtriennale 2013, Regie: Helgard Haug, Stefan Kaegi, Daniel Wetzel (Rimini Protokoll)

Alain Platel: Tauberbach Münchner Kammerspiele / Les Ballets C de la B, Gent / NT Gent, Regie: Alain Platel

Heiner Müller: Zement / Residenztheater München, Regie: Dimiter Gotscheff

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