Wenn Buchhalter träumen

Dennis Kelly: Schutt, Deutsches Theater/Box, Berlin (Regie: Marike Moiteaux)

Von Sascha Krieger

Dennis Kelly gehört heute zu den meistgespielten britischen Gegenwartsdramatikern – nicht zuletzt auch im deutschsprachigen Raum. Natürlich war das nicht immer so, hat auch Kelly einmal klein angefangen, in den Nischen der Londoner Off-Theater-Szene. Hier, im Theatre503 im Stadtteil Battersea, fand 2003 die Uraufführung von Kellys Erstlingswerk Debris, zu Deutsch Schutt, statt. Das Deutsche Theater gibt in seiner Box dem Berliner Publikum jetzt Gelegenheit, dieses Frühwerk kennenzulernen. Regie führt Marike Moiteaux, bislang Regeassistentin am DT, die hier zum ersten Mal selbst Regie führt. Um Anfänge geht es auch in Kellys Zwei-Personenstück, das von zwei Geschwistern namens Michelle und Michael erzählt, die früh auf sich allein gestellt waren und sich durch das erfinden und erzählen von Geschichten einen Schutz- und Lebensraum geschaffen haben, in dem Erfindungsgeist und Vorstellungskraft und die Akzeptanz regieren, dass das Leben vom Wahnsinn regiert wird.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Und so erzählen die jetzt Erwachsenen Geschichten: vom Vater, der sich selbst gekreuzigt hat, vom Tod der Mutter, die in der Erinnerung Michelles – oder sollte man sagen: in ihrer Erfindung? – drei unterschiedliche Tode starb, vom reichen Mister Bodenschmeiß, der sie Kinder auf sein Anwesen mitnehmen wollte und dessen Beweggründe sich nur erahnen lassen, vom Kind, das Michael auf dem Müll fand und das er als seines aufziehen will. Es sind groteske, oft ins Surreale driftende Geschichten, Erzählungen, die auf dem Schutt und Müll (Schutt ist auch der Name, den Michael seinem „Sohn“ gibt) einer Kindheit zwischen Verwahrlosung und Elend wachsen, die dem eigenen Überlebenswillen entspringen und die doch genau so nah an der Lebenswirklichkeit einer „lost generation“, die sich geographisch schon längst nicht mehr eingrenzen lässt, sind wie sie sich von dem, was wir Realität nennen, entfernen.

Es geht um die Macht der Einbildungskraft, um die Fähigkeit des Menschen, sich neu zu erfinden, sich seiner Umgebung kreativ zu stellen und letztlich seine eigene Geschichte zu schreiben. Es geht aber auch um die Schutzmechanismen, die wir uns selbst auferlegen, über die unterschiedlichen Wege, mit der Kälte und Leere der erlebten Welt umzugehen. Während Michelle pragmatisch wie skeptisch ihre eigene Geschichte zu schreiben versucht, ist Michael ein Eskapist, der sich nur zu gern an vermeintliche Auswege klammert, der aber auch lernt loszulassen: das Kind , den Vater, die eigenen Träume, die zu oft Alpträume geworden sind.

Eine leicht expressionistisch angehauchte Traumwelt deutet auch Merle Viercks Bühne an: Links ein perspektivisch verzerrter Wohnwagen, rechts ein knallgelber Pfeil mit blauer Showbeleuchtung – angesiedelt irgendwo zwischen Showbühne und Zornesblitz jenes Gottes, der immer wieder thematisiert wird und hier wie ein zum Sadismus neigendes gelangweiltes Kind erscheint. Eine schöne Idee auch Michelles anfängliches Geburtstagstortenkleid, unter dem der Schutz suchende Bruder sich verstecken kann. Damit endet aber die kreative Auseinandersetzung mit Kellys so offenem Text schon. Der Einfall, Mister Bodenschmeiß als dämonischen Zauberer zu präsentieren ist ebenso platt wie die einfallslose Elektronik- und Technomusik, die sich bei Inszenierungen jüngerer britischer Dramatiker hierzulande längst durchgesetzt hat.

Ansonsten sind Olivia Gräser und Thorsten Hierse, die ihren glattgebügelten und nur halbherzig expressionistisch, surreal oder auch nur originell kostümierten Figuren durchaus die einer oder andere Nuance und so manchen Zwischenton zu entlocken in der Lage sind, zum frontalen Erzähltheater verdammt. Ob Hierse mit angewiderter Bewunderung die Kreuzigungsmaschine des Vaters beschreibt, Gräser die Tode der Mutter schildert oder beide uns den Keller der entführten Kinder erleuchten: Stets regiert derselbe, sachlich-distanzierte Ton, der, wenn mal eine andere Facette vonnöten ist, gleich ins Hysterische kippt. Die Räume, die Kellys Text öffnet, bleiben hier geschlossen, das Vom-Blatt-Spielen lässt keinen Raum für Vorstellungskraft und Ausbruchsfantasien, jede Geschichte erhält das gleiche beiläufige Interesse, nichts darf sich hier entfalten. Wo Kelly uns in ein (Alp)Traumreich entstehenden Lebenswillens lockt, findet Monteaux nur trockene Buchhaltermentalität, hakt die Erzählungen wie auf einer Checkliste ab und findet so gar nichts, was das Stück uns zu sagen hätte. Was weder dem Text gerecht wird, noch die 75 Minuten, die der Zuschauer dem beiwohnen muss, rechtfertigt.

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