Aus der Stille

Die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Zubin Mehta spielen zu Ehren von Claudio Abbado

Von Sascha Krieger

Zart und zerbrechlich ist sie, diese Geburt der Musik aus der Stille, die Zubin Mehta den Berliner Philharmonikern zu Beginn des berühmten Adagietto aus Gustav Mahlers fünfter Symphonie entlockt, mit der Orchester und Dirigent den verstorbenen Claudio Abbado ehren, dreizehn Jahre lang als Nachfolger Herbert von Karajans Chefdirigent des Orchesters – und einer der führenden Mahler-Interpreten überhaupt. Und ein Meister der Stille, der Zwischentöne, dem Nichts, das er füllen konnte wie kein anderer. Mehta, dessen Weg sich immer wieder mit dem seines Freundes Claudio Abbado kreuzte, webt ein unendlich zartes musikalisches Geflecht, getragen aus dem klaren Gesang der Violinen und der festen Grundierung der tieferen Streicher, ein ruhiger unsentimentaler Fluss inniger Musikalität, die Abbados Zustimmung gefunden hätte. Liebeserklärung und Abschied zugleich, kommt diese Musik aus der stille und kehrt in sie zurück.

Claudio Abbado, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker von 1989 bis 2002 (Foto: Cordula Groth)

Claudio Abbado, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker von 1989 bis 2002 (Foto: Cordula Groth)

Die sechs Orchesterstücke op. 6 von Anton Webern im Anschluss atmen den gleichen Geist. Auch Webern gehörte zu den Komponisten, denen sich Abbado immer wieder zuwandte. In Mehtas Interpretation lässt sich nachvollziehen warum. Es ist eine Musik, die der Stille abgerungen ist. Mehta akzentuiert das Bruchstückhafte dieser Fragmente, die nur zögerlich an die Oberfläche gelangen, nur um gleich wieder abzutauschen. Es ist eine Musik, die aus dem essenziellen Schmerz des Verlustes – bei Webern dem der Mutter – entsteht und diesen in kurzen, dichten Skizzen musikalisch verarbeitet. Dabei erzeugen sie auf engstem Raum eine ungeheure Dramatik und Spannung. Mehta und die Philharmonikers tupfen diese so sacht und andeutend hin, dass die große Stille, Heimat dieser Musik, stets hörbar bleibt. Kargheit und Klarheit sind die Säulen dieses musikalischen Mikrokosmos.

Abbado war auch ein begnadeter Beethoven-Interpret und so stellt auch das anschließende fünfte Klavierkonzert des gebürtigen Bonners eine Verbindung zu dem Verstorbenen her (es erklang übrigens unter Leitung Abbados im ersten Konzert des Orchesters, das dieser Rezensent miterleben durften, Solist war damals Abbados langjähriger Weggefährte Maurizio Pollini). Rudolf Buchbinder übernimmt den Solopart und der Beethoven-Spezialist besticht mit einer durchaus eigensinnigen Sicht des populären Werks. Sein Spiel verweigert sich dem puren Schönklang, auch wenn er das singende, Fließende durchaus bevorzugt. Der hallige Anschlag produziert aber immer wieder eine fruchtbare Distanz zum Allzubekannte, lässt die wunderbaren Themen und komplexe Motivarbeit Beethovens überraschend frisch und anders klingen. Buchbinder fordert heraus, sich auf das Werk neu einzulassen, hinter die die herrliche Melodik zu schauen, die inneren Konflikte und Kämpfe dieser alles andere als leichten Komposition zu erkunden. Mehta und das Orchester erweisen sich dabei als kongeniale Partner, entfalten die musikalische Kraft ohne großes Mühen, sondern organisch aus den Kontrasten, die das Werk vorgibt, und aus dem Dialog mit dem Soloinstrument. Der Klang ist nie glanzvoll, eher sachlich und doch von großer Kraft. Lediglich im dritten Satz forciert Mehta die Dynamik ein wenig zu stark, während Buchbinder zuweilen die Virtuosität der Solopassagen zuweilen beinahe plakativ ausstellt. Alles in allem aber eine dichte und komplexe Interpretation.

Das gilt auch für Richard Strauss‘ Ein Heldenleben, das Mehta mit großer Transparenz angeht. Vielstimmig findet das Orchester zur Einheit, öffnet die musikalischen räume immer wieder jenseits des Spiels aus heldischem Pathos und scharfer wie einigermaßen platter Karikatur, wie es sich in der Partitur durchaus wiederfindet. Dieses Heldenleben ist überaus licht und wenig auftrumpfend, der die Kontraste betonende Ansatz Mehtas tut dem überspielten Werk gut – auch wenn er das Kippen ins Grelle, ja Schrille, nicht ganz vermeiden kann. Ein unaufgeregter, lebendiger und musikalisch reicher Strauss entfaltet sich hier und doch bleibt das Werk Fremdkörper an einem Abend, der seine Magie ansonsten aus der Stille gewinnt.

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