Sofa, so good…

Ohne Titel Nr. 1. Eine Oper von Herbert Fritsch, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie. Herbert Fritsch)

Von Sascha Krieger

Dass Herbert Fritsch, einst Chef-Anarchist des Volksbühnen-Ensembles und heute gefeierter Regisseur, der auch schon mal Claus Peymann zur Weißglut treibt, die Grenzen des Sprechtheaters zu eng geworden sind, ja, dass er mit Grenzen ohnehin recht wenig anzufangen weiß, ist nichts Neues. Gerade noch hatte er der Operette, beispielsweise mit seiner Berliner Frau Luna ein ebenso erfolgreiches wie schräges Comeback beschert, da zieht es ihn schon gen Oper: In der kommenden Spielzeit soll er an der Komischen Oper den Don Giovanni inszenieren. Da ist es vielleicht eine gute Vorbereitung, so mag er sich gesagt haben, mal schnell noch eine eigene Oper aus dem Hut zu zaubern. Und ja: Ohne Titel Nr. 1 wirkt zuweilen wie eine vorbereitende Skizze, wie ein Ausprobieren verschiedener Techniken, ein Hinterfragen von Genrevorgaben, wie ein wunderbar funkelndes und zischendes und mitunter explodierendes Versuchslabor. Und natürlich ist das hier keine Oper – Etiketten und Genrebegriffe greifen beim Gesamtkunstwerker Fritsch, bei dem selbst die Applausordnung zum großen Entertainment wird, schon lange nicht mehr.

Aufziehpuppen auf dem Sofa (Foto: Thomas Aurin)

Aufziehpuppen auf dem Sofa (Foto: Thomas Aurin)

Versuchen wir also, uns diesem Spektakel in Holz – Bühne, Vorhang, projizierte Rückwand, das überdimensionale Sofa als Bühnenmittelpunkt  und zuletzt auch die gewendeten Kleider der Darstellersind komplett in Holztönen gehalten – systematisch zu nähern, wohl wissend, dass das bei einem Fritsch-Abend – der Name Fritschiade ist gerade dabei sich einzubürgern – eigentlich vollkommen paradox ist. Zunächst paradiert Fritsch die Elemente einer Opernaufführung als Versatzstücke. Da ist der Orchestergraben, der die drei Musiker um Komponist Ingo Günther versammelt, und Schauplatz der Ouvertüre ist, den sie gemeinsamen mit dem „Orchester“ der schrillen Figurenschar absolvieren. Günther bekommt seinen Auftrittsapplaus und pflügt dann, immer auf dem Grat zwischen Ernsthaftigkeit und Groteske, durch Jahrhunderte der Musikgeschichte, durch E- und U-Musik, Sperriges und Tanzbares. Das setzt sich im Laufe des Abends fort – man kann das beliebig nennen oder ihm eine große Offenheit bescheinigen. Es gibt Chöre und Duette und große Arienmomente – und doch nichts von dem. Gesungen wird wortlos oder in sinnfreiem Kauderwelsch, rückt man sich zur großen Arie ins Scheinwerferlicht, kommt doch nur Gekiekse heraus. Oder gar kein Ton: In einer grandiosen Szene macht Sopranistin Ruth Rosenfeld aus virtuosen Koloraturen nicht minder eindrucksvolle Zungenspiele.

Fritsch unterläuft gezielt Erwartungen, indem er sie zunächst setzt und dann ins Absurde gekehrt. Wie im Fall der Zungenarie legt er das normalerweise Verborgene, das Mechanische von Theater und Oper sichtbar. Dazu passt auch die Kurbel, die Günther wiederholt dreht, um seine Marionetten – wie üblich bei Fritsch grell geschminkt und mit wahnwitzigen Betonfrisuren versehen – regelrecht aufzuziehen. Jeder hat seinen großen Einzelauftritt, da wird getanzt und rhythmisch gerobbt, „erzählt“ und geturnt, vor allem Wolfram Koch kann sich immer wieder in irrsinnig virtuosen Nummern austoben. Das Varieté ist nie weit, alle sind Entertainer in ihren glitzernden Show-Anzügen, und nicht alles ist Zuckerschlecken: Da ist zum Beispiel die zu Lachtränen animierende Szene, in der Jonas Hien eine wunderbare Furzpantomime vorführt, zu der Günther die Geräusche machen darf. Doch der dreht den Spieß um und treibt Hien an, immer weiter zu machen, auch als der, gequält lächelnd, längst nicht mehr kann oder will.

Da tut sich kurzzeitig ein Abgrund in dieser überdrehten Spaßgesellschaft auf, den Spaß ist bekanntlich harte Arbeit und kann schnell ins ernst umkippen Vielleicht ist das ein bissiger Kommentar auf die Entertainmentindustrie, vielleicht Gesellschaftskritik oder auch nur Offenlegung von Unterhaltungsmechanik. Wie überhaupt die Beziehung von Musik und Aktion ein wiederkehrendes Thema – welch seltsames Wort in diesem sprachfreien Universum – ist. Zuweilen ist es die Musik, die auf die Darsteller reagiert, an anderer Stelle ist das Machtverhältnis umgekehrt, treibt Günther mit seinem Mix zwischen Mittelalter und Neuer Musik, lateinamerikanischen Rhythmen und Pop-Ballade die Schauspieler an. Ist das Fritschs Art der Diskussion über die Rolle von Musik und Inhalt in der Oper, stellt das Machtverhältnisse oder das Gegeneinander von Determination und freiem Willen dar? Und was soll eigentlich das Sofa?

So radikal entsprachlicht war Fritschs Theater noch nie, so zurückgeworfen auf sein technisches Instrumentarium, das er lustvoll vorführt, nicht selten ins Absurde gekehrt und zur Kenntlichkeit verzerrt. Fritsch macht Sinnangebote und erlaubt zugleich das Schwelgen im bloßen Phantasiereichtum. Und doch ist dieses Theater im besten Sinne radikal: Es überschreitet keine Grenzen, es akzeptiert ihre Existenz nicht. Das ist purer Klamauk und komplexes Metatheater, es hinterfragt unsere Publikumserwartungen, indem es sie auf grellste Weise, und schafft es auch nicht, choreografische, mimische und gestische ausdrucksformen in verschiedenen Musikepochen und -stilen durchzuspielen. Da passt das Sofa als Hüpfburg und Kletterturm und kindliche (ist es deshalb so groß geraten?) Spielwiese in dieses Ausprobieren, in dem alles mit Sin aufladbar ist, ohne dass sich dieser festnageln lässt. Es ist ein unverschämt offenes Theater, das den Vorwurf der Beliebigkeit gern hinnimmt und in dem jeder Zuschauer selbst suchen kann, ob und wenn ja, was er findet. Letztlich ist Ohne Titel Nr. ein großer bunter Kindergeburtstag. Und mal Hand aufs Herz: Haben wir die nicht vermisst?

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Ein Gedanke zu „Sofa, so good…

  1. […] von Alvis Hermanis oder Alain Patel, auch die anarchische Kraft des Theaters ist mit Beiträgen von Herbert Fritsch und Frank Castorf zu erleben, auch das politische Theater kommt nicht zu kurz – etwa mit dem […]

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