Grau ist die Hoffnung

Maxim Gorki: Kinder der Sonne, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Nurkan Erpulat)

Von Sascha Krieger

Wenn das Bühnenlicht angeht in Nurkan Erpulats Inszenierung von Maxim Gorkis Kinder der Sonne ist der Lack eigentlich schon ab, die Fassade gebröckelt. Zentimeterdick ist die Staubschicht, die den Bühnenboden bedeckt, alles Mobiliar ist abgestellt und mit schwarzen Tüchern abgedeckt. Da muss erst Sema Poyraz als Dienerin Antonowna kommen und die Bühne fegen, da kümmern sich acht Statisten in grauer Handwerkerkleidung darum, die Abdeckungen zu entfernen und die Kronleuchter hochzuziehen. Und sie bleiben auf der Bühne: Per Hand halten sie die Leuchter in Position, stemmen sie die fußlose Tischplatte. Nur solange sie ihre Rolle spielen – und erst wenn sie ihren Job angetreten haben – kann die versammelte Gemeinschaft der Wissenschaftler und Künstler und gelangweilten Bourgeoisen sich ihrem Debattieren und Nörgeln, ihrem endlosen Geschwätz und ziellosen Handeln, ihrem ewigen Um-Sich-Selbst-Kreisen hingeben. Wenn gegen Mitte des Abends die stummen Statisten Pause machen, kommt das Geschehen minutenlang zum erliegen. Ohne sie geht hier nichts, muss die elitäre Gesellschaft warten.

Drinnen wie draußen herrscht Winter: das Maxim Gorki Theater (Foto: Sascha Krieger)

Drinnen wie draußen herrscht Winter: das Maxim Gorki Theater (Foto: Sascha Krieger)

Maxim Gorkis Kinder der Sonne beleuchtet die Unfähigkeit der russischen Intelligenz eine produktive – bei ihm heißt das, eine revolutionäre – Rolle in der Gesellschaft zu spielen, ihrem Fortkommen zu dienen, zu ihrem Zusammenhalt beizutragen. Erpulat stellt den Bezug auf eine Gegenwart, in der die vermeintlichen Eliten viel zu gern in ihrem eigenen Saft schmoren und bei der richtigen Bezahlung den falschen Zielen diesen, ohne großes Tamtam her. Da reicht es, dass er den Protagonisten Pawel zum Biochemiker macht, der davon faselt, mit seinen gentechnischen Experimenten den Hunger in der Welt zu bekämpfen, doch weder dazu bereit oder in der Lage ist, das eigene Handeln zu reflektieren und zudem jede Gelegenheit ausschlägt, sein Wissen praktisch nutzbar zu machen. Das Bild der stummen grauen Masse, die diese Gesellschaft im Wortsinn trät, das Erpulat in den Mittelpunkt seiner Inszenierung stellt, ist ebenso einfach wie bestechend: Es sind diese Menschen, die alles aufrecht erhalten, denen Pawel sogar behauptet zu dienen, und die doch niemand wahrnimmt. Noch hält man sich selbst für den Mittelpunkt der Welt, dass man – buchstäblich – ohne die anderen nicht kann, wird schlicht ausgeblendet.

Und so führt Kinder der Sonne ins Herz eines Paralleluniversums, bevölkert von Realitätsverweigerern, die ihre Weltfremdheit zur kunstform erhoben haben. Thomas Wodianka spielt Pawel als rückgratlosen Schwätzer mit Idealen, aber ohne Mumm, ein narzisstischer Egomane, der außerhalb seines selbst bestenfalls noch seine geliebten Pflanzen wahrnimmt; Till Wonkas Tierarzt Boris ist ein sarkastischer Spötter, Marina Franks Lisa eine manische Katastrophensucherin, Bernhard Conrads Künstler Wagin ein alles und jeden verachtender elitär-faschistoider Menschenhasser, Sesede Terziyans Jelena eine stolz- überhebliche Liebenssehnsüchtige. Erpulat lässt die Figuren um sich mehr als um einander kreisen, lässt sie sich selbst ins grotesk Lächerliche ziehen, wobei ihm der stets sichtbare Kontrast zur wirklichen Welt – in der auch der grobschlächtige und seine Frau schlagendeHausmeister Jegor (Falilou Seck) noch als ehrlicher und vor allem sich selbst reflektierender erscheint – als wirksame Folie dient, auf der das selbstbezogene Dauergelaber und nirgendwo hinführende Streiten und Begehren um Abwehren und Zögern noch seltsamer erscheint.

Erpulat setzt gezielt auf Komik, was die Momente, in denen die Figuren sich ihrer Leere bewusst werden oder dies zumindest möglich erscheint, noch stärker von ihrem lang kultivierten Selbstbild abhebt. Das geht nicht immer gut, so mancher Einbruch des Realen verpufft, weil er vor lauter Karikieren den richtigen Ton nicht findet. Umso stärker aber die Szenen, in denen das gelingt, und die nicht selten zwischen Komik und Ernst changieren. Da ist etwa Pawels grotesk-herzzerreißender Kampf mit der Erkenntnis, dass seine Frau ihm entglitten ist, sein Ringen mit der Einsicht und deren gleichzeitige Abwehr. Oder Jelenas sehnsuchtsvoller blick, mit dem sie zu Jegors an Cholera erkrankter Frau eilt, bereit, für eine Begegnung mit der Wirklichkeit das eigene Leben zu opfern. In dieser verqueren Welt scheint dieser Preis nicht zu hoch.

Nach und nach, kaum dass der Zuschauer es merkt, zieht Erpulat das Tempo an. Unterstützt vom elektronischen Grummeln der Musik von Imre Lichtenberger-Bozoki und Moritz Wallmüller verstärkt er langsam aber zwingend den Strudel, den keiner wahrnehmen will, die Ahnung, dass das hier nicht gut gehen kann, die kollektive Hysterisierung, die sich gegen Ende immer mehr Bahn bricht, je mehr die Wirklichkeit auch physisch in den vermeintlichen Schutzraum eindringt. Doch je größer der Druck, desto mehr verkriecht man sich in der Illusion, desto wichtiger ist es, den Schein zumindest weiter zu behaupten. Und so ist die Einsicht am Ende nüchtern hingetupft, bleibt bloßes Statement, leere Behauptung. Zu sehr, deutet Erpulat an, ist diese Untergangsgesellschaft in den eigenen Fluchtmechanismen gefangen, bleibt kein Ausweg, werden sie in der Parallelwelt verharren, bis sie untergeht. Die sie Tragenden werden einen anderen Platz finden. Viel Hoffnung lässt Nurkan Erpulat seinem Gorki nicht, aber wenn, dann ist sie ihre Farbe grau.

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