Zum Tod von Claudio Abbado

Von Sascha Krieger

Claudio Abbado, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker von 1998 bis 2002, Protagonist zeitgenössischer Musik und Verfechter einer Demokratisierung des Zugangs zu Musik, meisterhafter Interpretator und mehrfacher Orchestergründer, ist gestern, am 20. Januar 2014, im Alter von 80 Jahren gestorben. Abbado erlag einem Krebsleiden, das bereits Ende der 1990er Jahre diagnostiziert worden war und in dessen Folge ihm damals ein teil seines Magens entfernt werden musste. Am Leben gehalten, das hat er immer wieder betont, habe ihn die Musik. Noch im Mai letzten Jahres gastierte er bei „seinen“ Philharmonikern, in diesem Mai wollte er hier Werke von Mozart und Richard Strauss dirigieren. Er hat nie aufgehört, zu dirigieren, Musik zum Leben zu erwecken und vor allem, sie neuen Zuschauerkreisen, vor allem aber der Jugend zu vermitteln. Abbado gründete mehrere Jugendorchester und auch in Berlin war die Jugendarbeit ein Schwerpunkt  seiner Tätigkeit. Abbado gehöte zu jenen, die glaubten, Musik hätte eine Botschaft, die sich jedem, der genau zuhöre, mitteilen würde. Er war ein meister des präzisen Hinhörens, der detailscharfen Analyse, seine Interpretationen horchten in die Musik hinein, statt sie theatralisch auszustellen. Er war ein subtiler Interpret und erschloss gerade dadurch immer neue musikalische Welten.

Claudio Abbado war von 1989 bis 2002 Chefdirigent der Berliner Philharmoniker (© Claudio Abbado / Cordula Groth)

Claudio Abbado (1933 – 2014) (Foto: Cordula Groth)

Sein Berliner Nachfolger Sir Simon Rattle würdigte ihn jetzt mit den Worten: „Wir haben einen großartigen Musiker und einen sehr großherzigen Menschen verloren“, und fügte hinzu: „Er war zeitlebens ein großartiger Dirigent; die Aufführungen seiner letzten Jahre hatten etwas Überweltliches, und wir schätzen uns alle glücklich, sie miterlebt zu haben.“ Wer das Glück hatte, seinen feinsinnigen, tiefenscharfen und stets mit immenser menschlicher Wärme durchfluteten Interpretationen der letzten Jahre zu lauschen, wird Rattle schwerlich widersprechen können. Die Welt verliert einen Menschenfreund, für den Musik stets mehr war, als Unterhaltung oder akademisches Material. Bei ihm wurde Musik zur Sprache der Seele, eine Sprache, an deren Universalität er immer glaubte. Claudio Abbado hinterlässt großartige und zum Teil – so weit das möglich ist – als ultimativ zu bezeichnende Einspielungen, etwa jene der Symphoniezyklen Beethovens und Mahler, eine Musikergeneration, die von seinem musikalischen Humanismus zutiefst geprägt wurde und eine Reihe herausragender Klangkörper und Institutionen, etwa das Lucerne Festival und sein Orchester, das aus dem ebenfalls von ihm gegründeten Mahler Youth Orchestra hervorgegangene Mahler Chamber Orchestra oder das Orchestra Mozart. Die Lücke jedoch, die sein Tod hinterlässt, wird bleiben.

Der Musikkritiker Frederik Hanssen hat im Tagesspiegel eine lesenswerte Würdigung Abbados veröffentlicht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: