Stockende Entdeckungsreise

Die Berliner Philharmoniker unter Leitung von Zubin Mehta mit Werken von Crumb und Bruckner

Von Sascha Krieger

Zuweilen ist der große Saal der Berliner Philharmonie auch ein Ort für Neu- und Wiederentdeckungen. Das Werk des US-amerikanischen Komponisten George Crumb bietet dazu reichlich Gelegenheit. Einer, der stets Außermusikalisches in seine Musik einließ und damit schnell zum Außenseiter avancierte in einer Zeit, in der absolute Musik das Glaubensbekenntnis der zeitgenössischen Musik war. Zubin Mehta gehört zu den wenigen Verfechtern von Crumbs Musik, er war es auch, der 1983 die bislang einzige Aufführung von „Ancient Voices of Children“ bei den Berliner Philharmonikern dirigierte. Jetzt, 31 Jahre später, hat er das Werk wieder im Gepäck. Es ist durchaus exemplarisch für Crumbs Musik in seiner Kombination aus außermusikalischem Einfluss – er vertont darin Gedichte Federico García Lorcas – und klanglichen Experimenten: Zu Gehör kommen unter anderem eine verzerrte Harfe, ein elektrisch verstärktes Klavier, eine singende Säge, eine verstimmte Mandoline und ein Spielzeugklavier. Acht Musiker benötigt das kammermusikalische Werk, dazu kommen zwei Sänger: ein Sopran und ein Knabensopran.

Foto: Schirmer / Berliner Philharmoniker

Feierte 2013 ihren 50-jährigen Geburtstag: die Berliner Philharmonie (Foto: Schirmer / Berliner Philharmoniker)

Mehta legt den Fokus eindeutig auf die Klangeffekte: Er vereinzelt die ohnehin reichlich fragmentarische Struktur des Werks und stellt die unterschiedlichen Instrumente nebeneinander aus – ebenso wie die unterschiedlichen musikalischen Inspirationen, die von Bach über Mahler bis zum Flamenco reichen. Das hat Vor- und Nachteile: Zum einen gewinnt das Werk etwas Bruchstückhaften, Unzusammenhängendes, zum anderen treten die vielfältigen Stimmen und Klangfarben deutlich hervor. Eine melancholische Mystik, eine rätselhafte Trauer liegt in den Texten des spanischen Dichters – und Mehta macht diese in der Musik hörbar.

So kommt Crumbs ungewöhnliche Idee, die Sopranistin (kraftvoll und zugleich unerhört variabel im Ausdruck: Marlies Petersen) und gegen Ende auch den Knabensopran in das Klavier hineinsingen zu lassen, besonders eindrucksvoll zur Geltung. Die dadurch entstehenden Echo-Effekte, denen Mehta einen großen Raum eröffnet, verbreiten eine rätsel- und unbestimmt unheilvolle Stimmung, die vom treibenden Rhythmus der drei Schlagzeuger, aber auch den orientalischen Melodien von Albrecht Meyers Oboe aufgenommen, reflektiert und intensiviert wird. Natürlich fehlt dem Werk die Dichte und Komplexität jener etwa Luciano Berios, natürlich steht hier die Parade der cleveren Effekte ein wenig zu sehr im Vordergrund und doch entwickelt diese Musik immer wieder einen ganz eigentümlichen Zauber.

Das gilt für die anschließende Symphonie Nr. 9 von Anton Bruckner leider nicht. Das Beste, das sich über Mehtas Interpretation – er entscheidet sich für die dreisätzige Variante ohne Hinzufügung des unvollendet gebliebene und später vervollständigten Finales – sagen lässt, ist, dass sie aus einem Guss ist. Kompakt und fest ist der klang, den er wählt, statt auf Transparenz setzt er auf strenge Klangfülle, wiederholt schlägt das ins Opernhafte, Wagner war bei Bruckner selten so nah. Alles ist Kontrolle bei Mehta: Die Dissonanzen sind bar jeglicher Schärfe, die Ausbrüche im Fortissimo bestenfalls Verdichtungen. Überhaupt fehlt dem Werk die Spannung, nivelliert Mehta die Kontraste, wo es nur geht.

Und so sind die drei Sätze ein langer, ruhiger und etwas zäher Fluss, in dem bald alles eins wird, die Charaktere der Sätze weitgehend verpuffen und so etwas wie musikalische Entwicklung kaum zu spüren ist. Immerhin bekommen die exzellenten Instrumentalisten des Orchesters, allen voran die Bläser, Raum, ihr Können zu zeigen, ansonsten ist das aber von einer solchen Eindimensionalität, von einer auch in den lyrischeren Abschnitten s erdrückenden Schwere, dass dieses symphonische Abschiedswort Bruckners nie seine Kraft zu entfalten in der Lage ist. Hier ist alles gedrosselt, auch Erkenntnis und Schmerz des Abschieds. Soviel Belanglosigkeit  hätte man diesem Großwerk kaum zugetraut.

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