Wenn das Ich schreit

Falk Richter: Small Town Boy, Maxim Gorki Theater (Regie: Falk Richter)

Von Sascha Krieger

Dass der Mensch nachhaltig von seiner Umgebung geprägt wird, ist eine Binsenweisheit, deren Richtigkeit wir schon längst nicht mehr hinterfragen. Zumindest nicht, solange wir nicht darauf gestoßen werden. FalkRichters neuer Abend Small Town Boy, seine erste Arbeit am Maxim Gorki Theater, ist so ein Fall. Das Berliner Publikum kennt Richter bislang vor alle von der Schaubühne, von kühlen, komplexen Gesellschafts- und Ich-Analysen, denen man bei aller Härte auch immer eine gewisse Distanz anmerkte, auch mit spielerisch ausuferndem Theater ist er bisher kaum aufgefallen. Jetzt im multikulturell und multiidentisch aufgeladenen Umfeld des Gorki hat sein Theater eine Direktheit, eine den Zuschauer anspringende dringliche Intensität, die man zuvor kaum bei ihm vermutet hätte. Und plötzlich fällt die Barriere, geht uns das Bühnengeschehen unmittelbar und unentrinnbar etwas an, geht es um uns, darum, wer und ob wir überhaupt sind.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

In Small Town Boy, das seinen Namen natürlich dem Song von Bronski Beat über den verzweifelten Ausbruch eines homosexuellen Jugendlichen aus der provinziellen Enge entnimmt – und den Mehmet Ateşçí hier als melancholische Ballade singt – verhandelt Richter wie so oft Versuche der Identitätsfindung, wobei der Aspekt der sexuellen Identität als Anker der Persönlichkeitswerdung hier im Mittelpunkt steht. Richter hat dazu ein komplexes Konstrukt szenischer Fragmente auf das weiße, beliebig beschreibbare Blatt der aus Tischen, Boxen, regalen und weißem Flokatiteppich bestehenden Bühne gezaubert, die das weite Feld sexueller Identitätsfindung raschen Schrittes durchmessen. Da ist die Enge der auf klaren Rollenmustern fußenden ländlichen Familienidylle und das in ihr entstehende homosexuelle Ich; da ist der Konflikt eines schwulen deutsch-türkischen Paares, das am gegenseitigen Unverständnis, vor allem aber an der gleichzeitigen Angst allein zu bleiben und selbst die Kontrolle über den anderen zu verlieren, zu zerbrechen droht; da ist die Leere der Großstadt, die zur Leere des Ichs führt oder zumindest mit ihm korrespondiert. Und da ist die Sehnsucht nach Sicherheit, stets gepaart mit der Angst davor.

Es ist die Angst, die hier tatsächlich die Seelen aufisst, die alles durchdringt, eine Angst, die aus der Erinnerung an die nur halb akzeptierte Identität stammt, aber auch aus der Schnelllebigkeit und Unverbindlichkeit modernen Lebens. Und die sich in Musik entlädt. Lieder und Erinnerung stehen hier in enger Verbindung, Mehmet Ateşçí ist für den Soundtrack zuständig und setzt wiederholt emotionale Schlaglichter undKontrapunkte. Aber auch Erinnerungen können trügen Eindrucksvoll Niels Bormanns Erinnerungsmonolog über die guten Zeiten einer gescheiterten Beziehung, die sich allesamt als nie geschehen erweisen. Natürlich geht es dabei vor allem um homosexuelle Identitätskämpfe, aber eben nicht nur. Da ist eben auch die von Lea Draeger gespielte Rüstungsunternehmerin, die in Shades of Grey und dem Nachstellen ausgewählter Szenen mit ihrem türkischen Angestellten so etwas wie Leben sucht. Überhaupt geht es in Small Town Boy vor allem um die Suche nach Lebendigkeit, die Bestätigung, dass man existiert – und die Positionierung als lebendiges Wesen im Wettbewerb der Persönlichkeits-Images. Denn Liebe und Sexualität ist immer Wettbewerb. Da geht es darum, wie viele beschnittene Schwänze man bereits hatte und wer im Beziehungskampf auf welche Weise über den anderen triumphiert.

Falk Richter gelingt hier ein dichtes Geflecht aus völlig unterschiedlichen Szenen und Ebenen, die sich zu einem beeindrucken, wenngleich nicht lückenlosen Bild vereinen, langsam und kaum merklich. Die Szenen tragen Titel, es gibt Making-of-Szenen, in denen die Darsteller vermeintlich aus der Rolle fallen, eine Art Rahmenhandlung geprobter Szenen eines Films, es gibt Anspielungen an Fernsehserien und Filme. Small Town Boy bewegt sich stets auch im Spannungsfeld kultureller Erwartungshaltung und gesellschaftlichen wie im Individuum verinnerlichten Drucks. Der kaleidoskopartige Aufbau ist ein treffendes Bild für die zunehmend fragmentarisierte Welt- und Ich-Erfahrung des Individuums. Das sich auch in der Spielhaltung spiegelt: Mal kippt das Spiel ins hochkomisch Satirische, insbesondere gepflegt von Bormann, und dann gibt es wieder Szenen, die so tief berühren, wie es im Theater selten ist, etwa wenn Ateşçí das hochemotionale Exit Music (For a Film) von Radiohead singt, während im Hintergrund Thomas Wodianka und Aleksandar Radenković einen verzweifelten Tanz aus zusammenbrechen und dem Versuch, den anderen aufzufangen, vorführen. da braucht es keine Worte mehr, hier sprechen Körper und Musik.

Doch damit ist der Raum, den Richter durchschreitet, noch längst nicht vollständig. Denn zur Welterfahrung, vor allem jener von Menschen, die dem heteronormativen Bild nicht entsprechen, gehärt eine wesentliche Ebene. Die politisch-gesellschaftliche, die festlegt, was als normal zu gelten hat und was als bestenfalls tolerabel, eine Toleranz, die sich ganz schnell wieder aufheben lässt. Und so kulminiert der Abend in einer zehnminütigen Wutrede Wodiankas, in der dieser mit der Unterdrückung von Schwulen und Lesben in Putins Russland, mit Putin-Muse Anna Netrebko, mit der Süddeutschen Zeitung, die Netrebkos Strickjacke mehr interessiert als ihre Meinung zu Putins Politik, mit der Heuchelei der Kirche, mit der Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit konservativer deutscher PolitikerInnen der Marke Erika Steinbach und fundamentalistischer IdeologInnen wie Gabriele Kuby ab. Denn Identitätsfindung geschieht eben nicht im luftleeren Raum statt, sie passiert auf einem Boden, der immer noch vergiftet ist, der das Wachstum bestimmter Pflanzen der Identität bis heute behindert und in dem Erika Steinbach und das schmerzhafte Coming-Out von Jugendlichen untrennbar zusammengehören. Wodianka schreit eine Debatte heraus, die wir nicht führen, weil sie komplexer ist und viel tiefer geht als die – zweifellos wichtige –Frage rechtlicher Gleichstellung.

Und plötzlich kommt das Stückwerk des Abends zusammen, ist das Puzzle vollständig. Wodiankas Tirade ist Ankerpunkt und Bindeglied der Richterschen Reise durchs moderne Ich. Sie fährt direkt ins Mark, wie der Abend zuvor Tränendrüsen, Zwerchfell und Hirn aktiviert hat. Irgendwo zwischen Shades of Grey und Schwulenverfolgung, zwischen Coming-Out-Schmerz und Selbstbetrug, zwischen Vereinzelung und Sehnsucht nach dem Anderen, stehen all diese Figuren und Menschen auf der Bühne, fällt die Grenze zwischen Ich und Rolle und auch die zwischen Spiel und Realität, Bühne und Publikum. Small Town Boy ist eine wahnwitzig intensive Tour de Force, die nicht nur unter die Haut geht, sondern viel, viel tiefer. Und er ist, wenn man das überhaupt sagen darf, einer der wichtigsten Theaterabende unserer Zeit.

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2 Gedanken zu „Wenn das Ich schreit

  1. […] breiten Raum einnehmen und doch im Theater kaum vorkommen, trotz herausragender Abende wie Small Town Boy,  Es sagt mir nichts, das so genannte Draußen und  Schwimmen lernen außen […]

  2. […] so ad absurdum führt. Das ist wirkungsvoll, aber – zumindest für alle, die Wodiankas Suada in Small Town Boy noch im Ohr haben – eben doch ein wenig energiearm, wie mit angezogener Handbremse dargeboten. […]

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