Im Namen der Menschlichkeit

Semyon Bychkov und Menahem Pressler zu Gast bei den Berliner Philharmonikern

Von Sascha Krieger

Sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern zu geben, ist wohl für jeden Dirigenten oder Solisten etwas Besonderes. Das ist bei Menahem Pressler nicht anders. Dabei ist der Pianist beileibe kein aufstrebender, hoffnungsvoller Nachwuchskünstler: Pressler ist 90 Jahre alt! Gebürtig in Magdeburg, musste er Deutschland im Alter von 16 Jahren verlassen, wurde in Israel und den USA, vor allem aber auf den Konzertpodien dieser Welt heimisch. Dabei machte er sich vor allem als Kammermusiker einen Namen: 55 Jahre lang gehörte er dem legendären Beaux Arts Trio an. Seinen Frieden mit dem Land, dem er einst entfliehen musste, hat er längst geschlossen: 2005 erhielt er das Bundesverdienstkreuz, seit 2012 ist er wieder deutscher Staatsbürger. Sein Debüt bei den Philharmonikern ist dabei ein weiterer Schritt auf einem bemerkenswerten Lebensweg.

Menahem Pressler bei seinem Debüt mit den Berliner Philharmonikern (Foto: Martin Walz)

Menahem Pressler bei seinem Debüt mit den Berliner Philharmonikern (Foto: Martin Walz)

Dort spielt er nun unter der Leitung von Semyon Bychkov Mozarts Klavierkonzert Nr. 17. Dabei hört man ihm den Kammermusiker von Beginn an. Behutsam, reduziert und zurückhaltend ist sein Spiel, sorgsam widmet er sich jeder Note, kraftvoll-auftrumpfendes Spiel ist seine Sache nicht. Da ist das Ausdrucksspektrum zuweilen etwas eingeschränkt und doch ist dieser nachdenklich tastende Ansatz durchaus geeignet, hinter die heiter schwungvolle Fassade dieses musikalisch durchaus anspruchsvollen Werks zu schauen. Leider folgt ihm das Orchester nicht. Bychkov setzt stattdessen auf kraftvoll heiteres Spiel, wo Pressler reduziert, betont er den Farbenreichtum dieser Musik. Und so geht das Solospiel immer wieder im transparenten Glitzern des Orchesterspiels unter, drückt die orchestrale Kraft das Solinstrument an die Seite. Dabei sind beide Interpretationen – die nachdenklich offen legende wie die den Reichtum und die Freude der Musik betonende – durchaus stimmig, nur finden sie nie zueinander. Satt einem Mit- gibt es nur ein Nebeneinander von Orchester und Solist. Wozu dieser ist der Lage ist, zeigt er in der Zugabe: Wie sein Spiel, nun unbegleitet, Klangräume öffnet und den Saal mit größter Klarheit erfüllt, rechtfertigt die stehenden Ovationen voll und ganz.

Dass Konzerte unter der Leitung Bychkov nicht zu Unrecht mehr als nur Geheimtipps sind, zeigt sich nach der Pause: Dmitri Schostakowitsch elfte Symphonie steht da auf dem Programm, ein Werk, das den Spagat, den der Komponist Zeit seines Lebens bewältigen musste, exemplarisch aufzeigt. An der Oberfläche eine populäre und eingängige Feier der russischen Revolutionsgeschichte – als Thema hat das Werk den niedergeschlagenen Aufstand von 1905 – wollte Schostakowitsch das Werk als in seiner Zeit stehend verstanden wissen, schließlich entstand es unmittelbar nach einem anderen niedergeschlagenen Aufstand, dem ungarischen von 1956. Auch musikalisch ist die Elfte um einiges ab- und hintergründiger, als dies zunächst den Anschein hat.

Bychkov breitet diese symphonische Welt in äußerster Klarheit vor uns aus. Eindrucksvoll schon der fragil schwebende Klangteppich zu Beginn. Gläsern und von großer Zartheit erzeugt diese Musik ein unbestimmtes Unbehagen, das sich im untergründigen Grollen der tiefen Streicher und des Schlagzeugs noch verstärkt. Die Themen und Motive bleiben Bruchstücke, Fremdkörper gar, hier gibt es keine Entwicklung, der erste Satz ist ein eindringliches und glasklares Monument des Stillstands. Umso stärker der Kontrast, als die Katastrophe dann hereinbricht. Die Spannung, die dieses Anschwellen erzeugt, ist kaum auszuhalten – und kommt ganz aus dem Inneren der Musik. Das Orchester schöpft seine Kraft aus der Transparenz, dem Gegeneinander der verschiedenen Instrumentengruppen und widerstreitenden Motive. Und diese Kraft ist eine elementare, ungefilterte, kompromisslose.

Bychkov macht den Kontrast zum Grundprinzip seiner Interpretation: den gleichzeitigen der orchestralen Vielstimmigkeit wie den der aufeinander folgenden Passage. Wie hier auf erbitterte Wuchst, größte Zartheit folgt, wie Bychkov das Pianissimo singen lässt, wie insbesondere Harfe und Celesta, sowie im Schlusssatz das Englischhorn auf berührendste Weise Menschlichkeit einfordern, ist atemberaubend. So schroff die Übergänge gestaltet sind, so innig stellt sich diese Musik der allgegenwärtigen Gewalt entgegen. Da traut sich der Trauermarsch des dritten Satzes kaum hervor, findet auch die Trauer immer wieder harte Töne und kommt dann doch auf zarteste weise ins Singen. Und so fehlt auch dem Finale nicht der Hoffnungsschimmer, geht die sehnsuchtsvolle Klage des Englischhorns ebenso unter die Haut, wie das Allegro in kraftvoller Selbstbehauptung erstrahlt. Die geknechtete Menschheit erhebt sich hier im Lyrischen wie im Kämpferischen, ohne den Abgrund zu verwischen. Eine Sternstunde der jüngeren Schostakowitsch-Interpretation und ein Abend, der in Erinnerung bleiben wird.

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