Radeln für die Welt

Duncan Macmillan: Atmen, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Katie Mitchell)

Von Sascha Krieger

Keine Frage, Ort und Zeitpunkt sind etwas unglücklich gewählt: Sie, ein Paar Ende zwanzig, sind gerade bei IKEA einkaufen, als er die Frage, ob sie denn vielleicht ein Kind kriegen sollten, in den Raum stellt. Sie reagiert panisch, überfordert, ganz nah am Rand der Hysterie. Ein Zustand, der sich auch nach längerer Reflexion eher noch verstärkt. Denn Gründe, kein Kind in diese Welt zu setzen, gibt es viele. Klimawandel, Atomkraft, Überbevölkerung: Verantwortungsvolle Menschen wie sie können doch kein neues Leben in diese bevorstehende Apokalypse bringen. Und überhaupt sei ein Kind doch völlig umweltunverträglich, schließlich produziere es mehr CO2,a ls wenn man sieben Jahre lang täglich von Berlin nach New York flöge und zurück. Duncan Macmillan hat die Frage, wie und ob eine Familiengründung in die Welt passt, wie sie ist, als Anlass genommen, eine Zustandsbeschreibung zu erstellen unseres Zeitgeistes, anhand zweier als repräsentativ zu geltender wohlmeinender, politisch korrekter, alles hinterfragender und ausdiskutierender intelligenter junger Menschen zwischen individuellem Glücksbedürfnis und diffus verstandener Verantwortung gegenüber dem Planeten.

Foto: Stephen Cummiskey

Foto: Stephen Cummiskey

Man kann Duncan Macmillans Stück als ernstes Portrait der Konflikte, die denkende Menschen in einer kaum noch zu verstehenden Welt umtreiben, lesen – oder als beißende Satire auf die Überspanntheit der Generation Bio, die stets politisch korrekt zu sein versucht und doch vor lauter Sprachverrenkung kaum noch zum Kern der Frage, was man warum und mit wem mit seinem Leben anfangen solle, vorzudringen in der Lage sind. In KatieMitchells deutschsprachiger Erstauffühung ist beides zu finden: Sie nimmt ihre Figuren, ihre Sorgen, Ängste und Skrupel, ernst und tritt ihnen gleichzeitig mit ironischer Distanz gegenüber. Dass das so gut funktioniert, ist schon in ihrer Grundidee angelegt: Mitchell setzt die beiden Darsteller Lucy Wirth und Christoph Gawenda auf zwei Fahrräder (positioniert auf Podesten aus Recylingmaterial), mit denen sie – unterstützt von vier weiteren Radfahrern im Bühnenhintergrund – den gesamten Strom der Aufführung produzieren. Das Gerede vom verantwortungsvollen Leben – hier ist es übersetzt in konkretes Handeln, wo die Figuren schwadronieren, tun ihre Darsteller etwas.

Eine starke Gegenüberstellung und doch leistet diese Inszenierungsidee noch mehr: Denn das Auf-der-Stelle-Treten, das Wirth und Gawenda hier aufführen, entspricht sehr genau dem Wesen ihrer Figuren: In unerschöpflichen Volten drehen sich die Gespräche im Kreise und sie beide sich um einander, kommen sie nicht vom Fleck, vor lauter Reden kommen sie gar nicht zum leben. Da erscheint es folgerichtig, dass die mühsam errungene und minutiös geplante Schwangerschaft in einer Fehlgeburt endet und das dann doch entstehende Kind Produkt eines Zufalls, einer impulsiven Handlung der eigentlich Getrennten entspringt.

Mitchell reiht übergangslos Szene an Szene, ohne Unterbrechung und Pause, alles ist eine Bewegung, ein Moment, wie sie eben auch ohne Unterbrechung treten. Vom ersten Gespräch im Möbelladen bis zu ihrem Selbstgespräch an seinem Grab vergeht eine gute Stunde, in denen man sich buchstäblich abstrampelt. Das titelgebende Atmen muss dabei immer wieder (von ihm) erinnert werden und rückt zugleich aufgrund der körperlichen Anstrengung zunehmend hörbar in den Vordergrund. Vor allem bei Wirth unterstreicht die zunehmende Kurzatmigkeit das Pendeln zwischen Hilflosigkeit und Hysterie, mit dem Macmillan nicht nur diese Figur, sondern letztlich die Welt, für die und in der sie steht, charakterisiert. Überhaupt steht der natürliche und nur ganz sacht das Karikatureske andeutende Realismus des Sprechens der beiden Darsteller in einem dynamischen Spannungsverhältnis der so eingeschränkten Spielsituation, stellen sie doch Menschen dar, die ständig ihre Individualität und Freiheit betonen und doch nie aus dem Teil selbst gewählten, teils ohne großen Widerstand angenommenen Hamsterrad hinaus kommen.

Und die sich dessen bewusst sind: Es sind die leisen Momente des Erkennens, die aus diesem so ungemein stimmigen Abend noch herausragen, etwa wenn, Wirth allein geblieben – Gawenda hat aufgehört zu treten – dem gelebten ebenso wie dem verpassten Leben nachschaut, in einer Mischung aus Resignation aus Selbstbehauptung. Denn bei aller Einschränkung: So verloren war dieses Leben dann doch nicht, trotz Klimawandel und Überbevölkerung. Man hat sein Bestes getan, der Sohn ist wohl ganz anständig geraten und vielleicht ist dann auch mal Zeit, dass andere weiter radeln. Atmen ist ein ebenso ernst gemeinter wie ironischer Kommentar auf die Welt, auf unseren Versuch mit ihr klarzukomme und so manche Überspanntheit im Bestreben, alles möglichst richtig zumachen, ein Blick auf das, was es heißt gut zu sein, der stets die Frage impliziert, ob man das überhaupt kann – oder sollte.

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