Oversexed in der Schwarzwaldklinik

She She Pop: Schubladen, Hebbel am Ufer/HAU2, Berlin

Von Sascha Krieger

Natürlich hat dieser Titel eine doppelte Bedeutung. Da sind zunächst einmal die am Bühnenrand aufgereihten Kästen, die allerlei Materialien aus den Biografien der sechs Spielerinnen enthalten und die Grundlage des zweistündigen Abends des Performance-Kollektivs She She Pop bilden. Und zum zweiten sind da natürlich jene Schubladen, in die wir gemeinhin Menschen zu stecken tendieren – ob aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung oder was auch immer uns als Klischeebildungsgrundlage einzufallen vermag. Auch wenn die Wiedervereinigung der ehemals zwei deutschen Staaten sich in diesem Jahr schon zum 24. Mal jährt, bietet die Frage, auf welcher Seite  des „eisernen Vorhangs“ jemand aufgewachsen ist, bis heute genug Futter für Klischeebildungen, Stereotype, Vorurteile und Scherze aller Art und jedes Niveaus. Und für She She Pop Grundlage für eine kleine spielerische Biografieerkundung. Dafür haben sich drei ihrer – allesamt aus dem „Westen“ stammenden – Mitglieder ebenso viele Mitstreiter aus dem „Osten“ eingeladen und paarweise an drei Tische verteilt, an denen man  auf die Reise in die eigene wie die kollektive Vergangenheit geht.

Schrieb einst als erste Spielstätte der Schaubühne Theatergeschichte: das HAU2 am Halleschen Ufer (Foto: Sascha Krieger)

Schrieb einst als erste Spielstätte der Schaubühne Theatergeschichte: das HAU2 am Halleschen Ufer (Foto: Sascha Krieger)

Der Inhalt der Kisten – Aufklärungs- und Erziehungsliteratur, Schallplatten, Tagebücher und Poesiealben, Briefe und Urkunden – bilden das Fundament. Lesend und vortragend bewegt man sich vom Mauerbau zur Wende, von der Kindheit über die Adoleszenz bis zum Erwachsensein. Und erzeugt einiges Befremden beim jeweiligen Gegenüber: Da kann Nina Tecklenburg kaum mit den Erzählungen von Alexandra Lachmann über kindlich freizügige gegenseitige Körpererkundungen umgehen, schwingt Wenke Seemann bei Ilia Papatheodorous Erinnerungen an die monatlich Dividenden abholende Mutter die Kapitalismuskeule, prallt Annett Gröschners zupackende Direktheit auf Johanna Freiburgs antrainierte Indiskretion. Immer wieder werden die Erzählungen unterbrochen, muss die Ost-Frau erklären, was ein Brigadeleiter war, und die West-Frau, wie eine Dividende zustande kommt. Wo die „Westlerinnen“ zwischen antiautoritärer Utopie und feministischer Ideologie aufwachsen, sie den Kommunismus verklären und Pakete für die Ostverwandten packen, ist man im Osten vor allem eines: pragmatisch.

Sie haben Scheren im Kopf, gehen auch in der Liebe nüchtern zu Werke und haben für Ideologisches keine Zeit. Bei einem Schnaps erklären sie die West-Kolleginnen für „überbehütet und unterentwickelt“, während diese beim Prosecco ihre „Gegenspielerinnen“ (so der Ankündigungstext) für „undersexed und overfucked“ halten. Vor allem in der Paarung Papatheodorou-Seemann – die eine als großbürgerlich Verwöhnte, die andere als sachlich burschikose Macherin – fliegen ordentlich die Fetzen. Die Welten bleiben fremd, nicht nur die Tische stehen zwischen ihnen. Wenn Gröschner zu Beginn ihre eigene Lebensgeschichte mit den Worten zusammenfasst: „Eigentlich habe ich meine Existenz dem Bau der Mauer zu verdanken“, bleiben ihre Gegenüber sprachlos.

Überhaupt hinterlassen die „Ossis“ einen stärkeren Eindruck: So lakonisch-pragmatisch sie von Selbstzensur, Anwerbungsversuchen der Stasi und dem Leben in eng gefassten Grenzen berichten, ist das wirkungsvoller als die zunehmend narzisstisch wirkenden – und vom TV-Konsum à la „Schwarzwaldklinik“ geprägten – Erfahrungswelten der „Wessis“. Überraschend einig ist man sich dann aber doch in der Selbstbeschreibung als links, Akademikerin oder Frau – und bei Katarina Witt. Wie Nina Tecklenburg und Wenke Seemann deren Olympiakür auf Bürosesseln nachempfinden, ist atemberaubend – und deutet darauf hin, dass es neben dem Trennenden doch auch einiges Verbindende gibt, die Welterfahrung als denkende Frau zum Beispiel. Vielleich sollen auch die spießig-trostlosen Bildern von Speise- undkonferenzräumen, die auf die Rückwand projiziert werden und sich kaum in „Ost“ oder „West“ einteilen lassen, diese Gemeinsamkeit andeuten.

Es sind gerade die Momente, in denen die Barrieren bröckeln, in denen der Abend lebendig wird, in denen eine Komplexität aufscheint, die sich in einem einfachen Gegeneinander nicht fassen lässt. Und doch kehrt der Abend immer wieder in das – überaus amüsante und für manches wissende Kopfnicken im Publikum sorgende – Hin und Her der dann doch etwas plakativ einander gegenüberstehenden Paralleluniversen zurück. Wenn Freiburg vorliest, wie sie wochenlang einem angehimmelten Jungen hinterherläuft, ohne dass dieser je etwas von ihren Gefühlen erfährt, und Seemann ihre Jugendfreunde wie in einer Checkliste abfertigt, stehen das Klischee des verwöhnten und mit dem Leben überforderten „Wessis“ und dem praktisch veranlagten, schlau sich durchkämpfenden „Ossis“ festgefügt und weitgehend unwidersprochen im Raum.

Die Stärke von Schubladen liegt darin, dass das Stück die Ost-West-Gegensätze auf individuelle Biografien herunterbricht und damit um einiges vielschichtiger und durchlässiger erscheinen lässt, als das der öffentliche Diskurs über dieses Thema gemeinhin tut. Seine größte Schwäche ist, dass er die Klischees zu sehr breittritt, statt sie zu hinterfragen, meist an der Oberfläche bleibt und sich zuweilen genüsslich im Anekdotischen verliert. Hinzu kommt ein deutlich sichtbares Ungleichgewicht zugunsten der Ost-Frauen, die den Sympathie-Contest deutlich gewinnen und das zur Klischeeverhärtung nochmals beiträgt. Am Ende ist Schubladen ein mehr als zwanzig Jahre nach der deutschen Einheit ein wenig aus der Zeit gefallener Abend, der aus dem fein durchchoregrafierten Spiel so manchen Funken schlägt, aber dann doch zu oberflächlich geraten ist. Einen Heidenspaß macht er aber allemal.

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