Klare Linie

András Schiff und die Staatskapelle Berlin spielen Bachs Klavierkonzerte

Von Sascha Krieger

Johann Sebastian Bach gilt schon längst in vielfacher Weise als Pionier, vieles, was wir heute als musikalische Tradition kennen, hatte wenn nicht seinen Ausgangs-, so doch einen zentralen Kristallisations- und ersten Kulminationspunkt in den Werken des gebürtigen Eisenachers. Zu den Gattungen, die er auf die musikalische Landkarte brachte, gehört das Konzert für Klavier und Orchester, das spätestens mit der Wiener Klassik in die erste Reihe der orchestralen Gattungen aufrückte. Seine erste Blüte erlebte es jedoch bei Bach und so manches, was dieser einführte, etablierte sich auch der weiteren Gattungsgeschichte, allen voran die dreisätzige Form und die Satzaufteilung schnell-langsam-schnell. Auch wenn das Instrumentalkonzert erst mit dem Aufkommen der sinfonischen Form, insbesondere des Sonatenhauptsatzes, sein vollen Potenzial zu entfalten wusste – ohne Bach sind die Klavierkonzerte Mozarts und Beethovens oder später jene von Brahms, Schumann oder Chopin, selbst die erneute Blüte des Genres im 20. Jahrhundert (mit Rachmaninow, Prokofjew, Ravel oder Bartók, um nur einige zu nennen), kaum denkbar. Da ist es nur angemessen, diese Pionierwerke allein ein Konzertprogramm bestreiten zu lassen.

Andràs Schiff spielt Bachs Klavierkonzerte mit der Staatskapelle Berlin (Foto: Thomas Bartilla)

András Schiff spielt Bachs Klavierkonzerte mit der Staatskapelle Berlin (Foto: Thomas Bartilla)

Mit dem ungarischen Ausnahmepianisten András Schiff hat die Staatskapelle Berlin hierfür den Bach-Experten schlechthin eingeladen. Was Bach auch immer an Klavierliteratur geschrieben hat – mindestens eine der als Referenz geltenden Aufnahmen stammt fast immer von Schiff. Wenn er jetzt – in Personalunion Dirigent und Solist – sechs der sieben Konzerte aufführt (lediglich das F-Dur-Konzert BWV 1057 fehlt) wird deutlich, wie sehr ihm daran gelegen ist klar zu machen, dass es sich bei Bachs Klavierkonzerten und künstlerisch anspruchsvollste, sorgfältigst kontrollierte und zudem äußerst eigenständige Werke handelt. Einheit und Vielfalt stehen gleichermaßen im Fokus seiner Interpretationen. Dabei hat er stets das Ganze im Blick. Sein Bach hat Zug, die rote Linie ist stets spürbar, die einzelnen Sätze und Themen folgen einem klar erkennbaren Ziel, stehen im Dienste des Gesamteindrucks. So ist Schiffs Spiel zwar virtuos, aber stets kontrolliert, in barocken Schnörkeln ergeht er sich nie, perlend glänzender Klang und strenge Klarheit bilden eine faszinierende Einheit. Das Orchester versucht ihm dabei zu folgen, was jedoch nicht immer gelingt. Zuweilen gerät das Orchesterspiel etwas zu schwer, nimmt ihm die verordnete Strenge ein wenig die Luft zum Atmen. Zumeist gelingt jedoch ein äußerst wirkungsvolles Zusammen- und Wechselspiel, bei dem der kompakt feste Streicherklang und das leichtfüßig dahin eilende Klavierspiel einander eindrucksvoll ergänzen. Dieses Spiel betont stets den  gesanglichen Charakter der Musik und ist zugleich druckvoll, zielorientiert würde man in der Wirtschaft sagen. Der barocke Überschwang beschränkt sich auf einzelne Elemente, das große Ganze wird bestimmt von der Strenge des Protestantismus. Eine ebenso energische wie schlanke Lesart der Werke.

Die bei aller einheitlichen Interpretation stets ihren eigenständigen Charakter bewahren dürfen: So verleiht Schiff dem D-Dur-Konzert BWV 1054 einen schnörkellosen Schwung und im Adagio einen sehr behutsam tastenden Klang, so als würde er jedem Ton hinterher hören wollen. Das Konzert in f-Moll BWV 1056, lebt von dem Kontrast zwischen Schiffs perlend spielerischer Leichtigkeit und der warmen und detailscharfen Streichergrundierung. Das wunderschöne Adagio wird mit seinem suchenden Impetus zu einem besonderen Höhepunkt. Im g-Moll-Konzert BWV 1058  wählt Schiff einen energisch treibenden Ansatz und akzentuiert den Zusammenklang von Solist und Orchester, selbst im Andante wählt er einen vergleichsweise harten Anschlag, während die Streicherwand dann doch ein wenig zu fest wirkt.

Das Klavierkonzert E-Dur BWV 1053 nimmt er dann mit entspanntem Schwung und rhythmischer Prägnanz, auch hier kommt dem Klavier die Funktion des Antreibers zu, während im Schlusssatz der Fokus auf der hier besonders hervorstechenden Virtuosität des Soloparts liegt. Dem A-Dur-Konzert BWV 1055 verleiht Schiff einen ähnlichen Charakter, verknüpft er hier doch luftig beschwingtes Spiel mit zügigem Voraneilen. Die weiten Melodiebögen der Streicher im Larghetto lässt er besonders breitflächig spielen, was den besonderen Charakter im Vergleich mit den anderen langsamen Sätzen betont. Am Ende steht dann das Konzert in d-Moll BWV 102 – das längste der Bachschen Klavierkonzerte und auch das einzigartigste. Mit seinem dramatischen Charakter und seiner durchgängigen Ausgestaltung in Moll weist es zuweilen schon in romantische Klangwelten voraus, ein Aspekt, den Schiff durchaus betont. Dunkel ist der Streicherklang und auch im Klavierspiel wählt Schiff etwas dunklere Farben. Ausladend düster geraten denn auch die beiden ersten Sätze, während das Finale sehr energisch daher kommt, die ernste Strenge aber beibehält. In seiner Kombination aus Betonung des großen Ganzen bei gleichzeitiger Akzentuierung des eigenständigen Charakters jedes Werks gelingt András Schiff wenn nicht die ultimative, so doch eine äußerst stringente Lesart dieser epochemachenden Musik.

András Schiff und die Staatskapelle spielen noch einmal heute Abend, 7.1.2014, um 20:00 Uhr im Konzerthaus Berlin.

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