Spielwiese Universum

Michel Decar und Jan Koslowski: Kevin allein im Universum, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Jan Koslowski)

Von Sascha Krieger

Man muss sich das Universum als leeren Raum vorstellen. In der Mitte steht ein Klavier, die Rückwand zeigt Ursuppevisionen und dazwischen das eine oder andere Gesicht in Großaufnahme. Darin lebt Kevin (Max Hegewald) – allein. Nachdem er sich durch die Welt und beide Geschlechter gevögelt hat, entstand in ihm der Wunsch, die wuselnde Menschheit mit all ihren selbstgemachten Problemen, möge einfach verschwunden. Jetzt ist er allein, spielt Klavier, erzählt ein bisschen und muss doch feststellen, dass das mit dem allein-auf-der-Welt-sein doch nicht so ganz funktioniert. Also besuchen ihn zwei Einbrecher (Sarah Gailer und Judith Ehrhardt), die  zu Beginn als lästernde Freundinnen über den zunächst abwesenden Kevin hergezogen waren und nun zwischen Einbrecherbande und Liebespaar – das bald zur Dreierkonstellation wird – hin- und herpendeln. Dazu macht der versteckt hinter dem Klavier kauernde Bastian Gascho Live-Video.

Für Kevin allein im Universum hat Regisseur Jan Koslowski Texte von Michel Decar verarbeitet und mit eigenen Texten sowie solchen von Eric Rohmer kombiniert und als Basis die Handlung des Familienfilmklassikers Kevin allein zu Haus herangenommen. Herausgekommen ist eine kurzweilige eineinviertel Stunden lange Reise durch die Sehnsucht nach dem Für-sich-sein und dem konkurrierenden Verlangen nach dem Anderen. Da wird erzählt und gespielt, musiziert und gefilmt, slapstickhaft herumgealbert, geküsst, gerannt, gerungen, geschossen und auch mal aus der Rolle gefallen und das geschehen kommentiert.

Das hat etwas Kolportagehaftes, ist auch Spiel mit (massen)kulturell Überliefertem. Da treffen sich Liebesfilm und Gangsterpistole, seichter Lovesong und große Show, Fernsehnarrativik und fest gefügte Rollenbilder. Da werden Schwulenklischees ebenso durch den theatralen Kakao gezogen wie Geschlechterrollen, Versatzstücke vermeintlich romantischer Liebe wie Slogans politisch korrekter Betroffenheitslyrik. So entsteht das Bild eines rein überlieferten Lebensentwurfs, der nur Zitat sein kann und hinter dem sich womöglich nichts mehr finden lässt als ein leeres Universum, aus dem sich die Menschen tatsächlich verabschiedet haben. Vielleicht geschieht das alles in Kevins Kopf, vielleicht auch in unseren, eine Art kollektives Halluzinieren selbstgebastelter Parallelwelten. Wo darin die richtige finden? Wie wissen, ob es diese überhaupt gibt?

Fragen, die den Abend umtreiben, womöglich aber nicht jeden Zuschauer. Denn Koslowski und sein spielwütiges Trio machen es einem schlicht zu einfach, das Hirn auszuschalten. Genüsslich fegt man durch den Klischeekatalog, klebt Idee an Idee und ergeht sich mit wachsender Lust in bloßen Albernheiten. Vor allem Hegewald, einer der aufkommenden Jungstars des deutschen Films, der in seinen Film- und Fernsehrollen zumeist durch subtiles Spiel besticht, nutzt die Gelegenheit, dem komödiantischen Affen mimisch, gestisch und stimmlich reichlich Zucker zu geben und drückt derart auf die (Selbst-)Ironie-Tube, dass die Texte, die durchaus etwas sagen wollen, in den Hintergrund treten und der Raum des 3. Stocks der Volksbühne immer mehr zur Spielwiese wird, auf der man sich mal so richtig kreativ austoben kann. Da mag das Universum noch so leer sein, Hauptsache, wir haben Spaß. Und ganz so falsch ist das womöglich auch nicht.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: