Musikalische Weiten

Das Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker mit Sir Simon Rattle und Lang Lang

Von Sascha Krieger

Stürmisch geht es zu, wenn Sir Simon Rattle und seine Berliner Philharmoniker das alte Jahr verabschieden. Das kennt man schon aus den Vorjahren, in denen Johannes Brahms‘ Ungarische Tänze und Antonín Dvořáks Slawische Tänze das Zentrum der Jahresabschlusskonzerte bildeten. Ein besonders lebendiges Exemplar aus letzteren, der Furiant in Tanz Nr. 8 aus Dvořáks erster Serie (Op. 46), macht auch diesmal den Anfang. Rattle treibt sein Orchester ins druckvolle Fortissimo und doch wird das Stück zuweilen etwas gebremst, fällt der Blick auf die volksliedhafte Schönheit der Melodien, die Rattle nicht dem Furor des wilden Tanzes opfern will. Dieser doppelte Blick zeichnet dann auch die drei Stücke aus Dvořáks zweitem Zyklus (op. 72) aus, insbesondere die Tänze Nummer 1 und 7, welche die Balance aus überschwänglicher Lebenskraft und detailgenauer Melodiearbeit nahezu perfekt halten. Keine Zweifel: Rattle ist im Fortissimo zu Hause. Den berühmten Säbeltanz aus Aram Chatschaturjans Ballett Gajaneh hat man vielleicht noch nie so kompromisslos energiegeladen gehört, auch die Lesgingka und der „Tanz der jungen Kurden“ aus dem gleichen Werk sind von solchem Schwung und zugleich so klarem und raumgreifenden Klang, dass die Füße der Konzertbesucher in Kompaniestärke mitwippen. 

Sir Simon Rattle und Lang Lang beim Silvesterkonzert 2013 der Berliner Philharmoniker (Foto: Holger Kettner)

Sir Simon Rattle und Lang Lang beim Silvesterkonzert 2013 der Berliner Philharmoniker (Foto: Holger Kettner)

Und doch überzeugen gerade auch die stilleren Momente. Etwa Dvořáks Tanz Nummer 2 aus op. 72, der von so lyrischer Zartheit ist, dass man fast den Atem anhalten will. Oder Paul Hindemiths Symphonischer Tanz Nr. 3: Klar und wie von einem Zauber beseelt entführt Wenzel Fucks‘ Soloklarinette in wundersame Traumwelten, die hier jedoch mehr ins Reich der Poesie als in jenes der Mystik (das Stück entstammt einer geplanten Ballettmusik über Franz von Assisi) führen. Behutsam und doch kraftvoll entwickel Rattle daraus in organischer weise ein musikalisches Wachsen, das höchste Transparenz und maximale Klangfülle vereint.

Im Mittelpunkt des Konzerts steht aber natürlich der Stargast: Lang Lang, Freund des Orchesters, gibt sich die Ehre mit Sergej Prokefjews dritten Klavierkonzert, das er mit Rattle und den Philharmonikern gerade eingespielt hat. Die Familiarität hört man den Musikern an. Mit höchster Energie jagt Rattle sein Orchester durch das Werk, das in dieser Interpretation vor innerer Spannung fast zu bersten droht. Lang ist ein kongenialer Partner und so entwickelt sich ein wahnwitziges Wechselspiel aus musikalischen Dialog und farbenreichem Einklang, das die komplexen Klangwelten dieses an der Oberfläche klassizistischen Werks spürbar werden lässt. Insbesondere Lang deutet immer wieder die experimentellere Seite des Komponisten an, während Rattle sich auf den dynamischen und rhythmischen Reichtum des Konzerts konzentriert. Faszinierend die meditative vierte Variation des zweiten Satzes. Wem noch nicht klar sein sollte, warum Lang Lang als Ausnahmepianist gilt, sollte sich diese hauchzarte und emotional so unendlich reiche Passage anhören. Trotz dieses Zwischenspiels gelingt Prokofjews Werk als lebendige und energiegeladene Tour de Force, die doch nichts Bemühtes hat, sondern pure musikalische Kraft ist.

Aber da fehlt doch etwas? Tatsächlich, Brahms‘ Ungarische Tänze sucht man auf dem Programm vergeblich. aber es gibt ja glücklicherweise noch die Zugaben. Die beginnen mit dem federleicht beschwingten Tanz Nr. 3 in F-Dur und schließen wie gewohnt – „The same procedure as every year“, sagt Rattle – mit dem ersten von Brahms‘ Tänzen. Und doch ein letztes Mal wippen die Füße, öffnet der satte und unerhört weiche Klang vor allem der Streicher Herzen und Raum, wird die Philharmonie zur Weite der Puszta. Ein Sturm ist durch das 50 Jahre alte Gebäude gefegt, aber es war ein freundlicher, ein lebensfroher und energiespendender. Eben die gleiche Prozedur wie im letzten Jahr.

Eine Aufzeichnung des Konzerts ist heute ab 18:55 uhr auf ARTE zu erleben.

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