Der Keks der Erlösung

Molière: Tartuffe, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Michael Thalheimer)

Von Sascha Krieger

Nein, als Spezialist für das Komödienfach ist Michael Thalheimer bislang nicht aufgefallen. Der Tiefenschürfer des deutschsprachigen Theaters, der Herauspresser theatraler Essenzen ist da zu Hause, wo es an die Substanz geht, an die elementaren Wahrheiten, an menschliche Abgründe, Schmerz, Leiden. Er ist einer der reduziert, auf den Punkt bringt, den Kern offen legt. Das Komische dagegen benötigt Raum zum Atmen, entsteht in der Redundanz, im Zu-Viel. Und doch wagt sich Thalheimer also an Molières Tartuffe heran, ein gewagtes Experiment, aber eines, das aufgeht: weil Thalheimer sich selbst treu bleibt, ohne Molières Werk so zu verbiegen, dass es unkenntlich würde. Ganz im Gegenteil: Die Komödien des Franzosen leben stets am Abgrund, nicht selten kann nur ein besonders weit hergeholtes Happy End, den Anschein einer Komödie im klassischen Sinn waren. Molière reißt menschlicher Heuchelei und Grausamkeit die Maske herunter, nur um am Ende eine provisorische neue aufzusetzen, welche die bloßgestellte Hässlichkeit nicht mehr verbergen kann. Michael Thalheimer verzichtet lediglich auf diesen letzten Schritt.

Zombies mit Erlöser (Foto: Katrin Ribbe)

Zombies mit Erlöser (Foto: Katrin Ribbe)

Und er dreht die Molièresche Schraube ein Stück weiter: Prangerte der Autor in erster Linie religiöse Heuchelei an und beschränkte die offene Anklage, auf jene, welche die religiösen Sehnsüchte der Menschen ausnutzten sowie jene, die sich nur allzu gern über den Tisch ziehen ließen für ein kleines Heilsversprechen, ist bei Thalheimer die gesamte Gesellschaft verseucht. Wie eine Mischung aus Zombies und Herbert-Fritsch-Figuren zappeln sie sich durch das schmutzig-goldene Quadrat mit Kruzifix, das Olaf Altmann in seiner Bühnenwand offen gelassen. Wie lebende Ikonen füllen sie den Rahmen und kommen nicht aus ihm heraus. Luise Wolfram gibt die Tochter des verblendeten Hausherren als roboterhaft Fremdgesteuerte, Tilmann Strauß den Geliebten Valère als dümmlich Rückgratlosen, Franz Hartwig den Sohn des Hauses infantil Kekse fressend und sich beim ersten Widerstand in die Hose machend. Kay Bartholomäus Schulze ist keine Stimme der Vernunft, sondern ein geifernd sabbernder Untoter, Hausherrin Regine Zimmermann versprüht so viel Lebendigkeit wie das Standbild eines Vampirs. Da wirkt Ingo Hülsmann in seiner Borniertheit als herrischer Orgon schon fast normal. Für die Komik ist auf jeden Fall gesorgt, die groteske Typenparade gibt dazu allemal Anlass.

Und ist doch nur Mittel zum Zweck. Denn ihnen gegenüber steht Lars Eidinger als Betrüger Tartuffe. Kraftstrotzend, der Körper voll von Bibeltexten gibt er den charismatischen Heilsbringer. Wie er mit langer Mähne, den Kopf gesenkt, zu den bedeutungsschweren Klängen Bert Wredes Bibeltexte rezitiert, sonor, monoton, und doch von gewaltiger Sogkraft, wird es schnell verständlich, warum ihm nicht nur Orgon verfällt. Nein, auch jene, die bemüht zu sein scheinen, dem Verblendeten die Augen zu öffnen, werfen sich dem gerade Geschmähten sofort an den Hals, wenn sie sich unbeobachtet wähnen, reiben ihre blassen, geisterhaft weißgeschminkten Körper an diesem letzten Stück Leben. Denn sie sind die eigentlich zugerichteten. Opfer ihrer selbst, ihrer Gier, ihrer Selbstbilder. Erlösungsbedürftige allesamt, auf der Suche nach den nächsten Kick, nach dem Versprechen von so etwas wie Sinn, so abstrus es auch sein möge. Ihnen ist der Butterkeks so nah wie das Wort Gottes, sie sind Junkies, ausgehöhlt, entleert, herumgeworfen.

Eidingers Tartuffe dagegen entpuppt sich als einzig Aufrechter, einer, der eben nicht heuchelt, sondern dem man sehr klar ansieht, was er ist und tut. Er ist der Dealer, der den ausgelaugten Seelen und Körpern, gibt, was sie verlangen, er ist ihr Geschöpf mehr als ihr Manipulator. Wenn sich das Bühnenquadrat beginnt zu drehen und die hilflosen Erlösungssucher panisch herumwirbelt, bleibt er gelassen und in seiner Bahn. Sie brauchen ihn mehr als er sie. Ein charismatischer Führer, ohne Zweifel, aber auch Projektionsfläche, Mittel zum Zweck und Ersatzdroge für alles Mögliche. Konsum etwa. In einer Zeit, in der die Bestsellerlisten voll sind von Ratgebern, die zu verraten vorgeben, wie sich Sinn finden lässt in einer Welt, die so unübersichtlich ist wie nie zuvor, blicken wir in einen Spiegel. Sind wir das etwa? Und wenn ja, was ist zu tun? Michael Thalheimer verweigert uns ein Happy End. Stattdessen rezitiert Judith Engel, die die Intrigantin Dorine mit stoischer Resignation gespielt hat, aus den Psalmen. Da heißt es: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Und. „Herr, es ist Zeit zu handeln; man hat dein Gesetz gebrochen.“ Man kann das als Aufforderung verstehen.

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