Sachlicher Blick

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin mit Werken von Schumann und Brahms

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist es ja ein wenig paradox: Marek Janowski, der nüchterne Analytiker unter den Dirigenten, der Meister des schnörkellos sachlichen Klangs, der musikalischen Kontrolle, den perfekten Handwerks gilt als Spezialist für eine Musik, die, oberflächlich betrachtet, keine dieser Eigenschaften aufweist, die man eher mit schwelgerischer Opulenz, Naturverehrung und tiefer Emotionalität assoziiert. Und vielleicht ist genau dieser Widerspruch das Geheimnis, schließt gerade Janowskis kühle Klarheit Bereiche dieser Musik auf, die sonst im Verborgenen bleiben. Herausfinden ließ sich das exemplarisch in Janowskis neuestem Programm mit dem von ihm seit 2002 geleiteten Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin. Ein Versuch mit zwiespältigem Eindruck.

Marek Janowski, Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (Foto: Felix Broede)

Marek Janowski, Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (Foto: Felix Broede)

Der beginnt mit Robert Schumanns dritter Sinfonie, auch „Rheinische“ genannt. Schlank und dicht ist der Klang von Beginn an, das Orchester packt stets, selbst in den Pianissimo-Passagen, kraftvoll an. Schon im ersten Satz ist klar, dass hier das romantische Klischee konsequent und ebenso zügig ausgetrieben wird, wie Janowski sein Orchester spielen lässt. Nichts ist davon zu spüren, dass die „Rheinische“ als besonders heitere, lebensfrohe Sinfonie. Gilt, Klassizistisch wuchtig nimmt Janowski die dramatischeren Passagen, mit Liebe zum Detail aber auch mit ernster Strenge die lyrischeren Teile. Vor allem dem Scherzo fehlt jeder Schwung, während dem dritten Satz der sachliche Blick durchaus gut tut. Auch den Schlusssatz lässt Janowski zügig und präzise nehmen, der leichtfüßige Schwung kommt ihm abhanden. Der Eindruck ist ambivalent: Zum einen macht Marek Janowski hörbar, dass und wie sehr Schumann hier in der Tradition Beethovens steht, zum anderen reduziert der kühle Ansatz den Ausdrucksreichtum des Werks gehörig.

Das anschließende erste Klavierkonzert von Johannes Brahms profitiert vor allem davon, dass Anna Vinnitskaya den Solopart übernimmt. Schon mit ihren ersten Tönen – glasklar, glockenhell, mit leichtem und doch in jeder Note deutlichem Anschlag – zieht sie den Zuhörer in ihren Bann. Mähe- und ansatzlos wechselt sie zwischen ausdrucksstarker Lyrik und kraftvoller Dramatik hin und her. Vor allem im Eingangssatz obliegt ihr es, das ungemein große Klangspektrum dieses Werks zu durchmessen, während das Orchester in der zweiten Reihe bleibt. Zu opak, zu fahl zuweilen auch ist sein klang, um mit dem Farbenreichtum Vinnitskayas Schritt zu halten.

Das ist schade, schließlich handelt es sich hier eigentlich um eine Sinfonie mit Soloinstrument, bei dem Orchester und Solist auf Augenhöhe agieren sollten. Das gelingt nur stellenweise, etwa gegen Ende des ersten Satzes, wenn das unerbittlich scharfe Streicher-Stakkato dem kräftigen Anschlag Vinnitskayas die Stirn bieten kann, oder streckenweise im zweiten Satz, in dem Orchester und Klavier sich für kurze Zeit in schönem Einklang vereinen. Zumeist jedoch gerät das Konzert ein wenig asynchron, kippt die Balance eindeutig in Richtung der Solistin, die zuweilen ein wenig zur Überdeutlichkeit neigt, deren nuancenreiches Spiel aber weitgehend überzeugt. Da ist Tiefe, Ausdruck, Emotion, die man im Orchester vermisst. Ein bisschen romantischer dürfen die Romantiker dann doch klingen.

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