Am richtigen Ort

Staatskapelle und Konzertchor der Staatsoper Unter den Linden mit Bachs Weihnachtsoratorium (Kantaten 1 bis 3)

Von Sascha Krieger

Wenn es um Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium geht, sollte man zwei Dinge bedenken. Erstens: Es handelt sich um Kirchenmusik, komponiert für eine kirchliche Umgebung und den Einsatz in Gottesdiensten. Zweitens: Es ist eine freudige Musik, ein Jubelwerk über die Ankunft Christi und die Erlösung der Menschheit durch Gottes Sohn. Längst ist das Werk außerhalb seines Kontexts und in Konzertsälen zu Hause und viel zu oft – zuletzt auch in einer Aufführung von Konzerthausorchester und Thomanerchor – ist der Ausdruck der Freude nur schwer zu finden. Wenn jetzt Musiker der Berliner Staatskapelle und der Konzertchor der Staatsoper Unter den Linden die ersten drei Kantaten von Bachs Werk in der gerade einmal 120 Jahre alten und dennoch geschichtsträchtigen Berliner Gethsemanekirche aufführen – deren Innenraum in seiner protestantischen Schlichtheit und weiß-roten Farbgebung zudem ein wenig an den von Bachs eigener Thomaskirche erinnert – dann haben sie alles richtig gemacht.

Denn diese Musik braucht Raum, sie benötigt die Weite und Höhe des Kirchenraums, um ganz zu sich zu kommen. Und dem Zuhörer hilft der Ort, die Bedeutung und Intention dieses aus insgesamt sechs einzelnen Kantaten, von denen hier die drei ersten erklingen, bestehenden Werks, zu verstehen. Zudem wird schnell klar, dass hier eine freudige Botschaft, jene der biblischen Weihnachtsgeschichte, verkündet wird. Lebendig und munter erklingen die eröffnenden Paukenschläge und Trompetensignale, kraftvoll intoniert der Chor „Jauchzet! Frohlocket!“ als Weckruf an die ernsten Gesichter im ausverkauften Haus, sich doch mitzufreuen. Chorleiter und Dirigent nimmt die Bachsche Musik recht zügig, auch wenn die eine oder andere Passage, etwa die Sinfonia am Beginn der zweiten Kantate, in die feierliche Schwerfälligkeit verfallen, die bis zum Aufkommen der historisch informierten Aufführungspraxis Konsens in der Bach-Interpretation war.

Doch zumeist ist das ungemein lebendig und luftig, setzt Flade auf einen lichten, transparenten Klang, der die zahlreichen Solopassagen ausreichend Raum gibt, das Kircheninnere zu erfüllen. Das Orchester spielt mit einer klaren Schlichtheit die diesem der protestantischen Tradition entstammenden Werk angemessen ist und der Musik ausreichend Zeit und Raum zum Atmen lässt. Der Chor ist glänzend aufgelegt: Kraftvoll die großen Chorstücke, mit solcher Innigkeit die Choräle interpretiert, dass man hier tatsächlich eine betende Gemeinde zu hören glaubt.

Ganz exzellent und vor allem perfekt aufeinander abgestimmt singt das Solistenquartett. Herausragend Florian Hoffmann, der die spröden Rezitative des Evangelisten mit kraftvoller und wunderbar warmer Stimme vorträgt und den Episoden der Weihnachtsgeschichte stimmlich Leben einhaucht. So plastisch sind diese Passagen nur selten zu hören. Die anderen Solisten stehen ihm in nichts nach: der kraftvoll klare, mit vollem Klang vorgetragene Gesang Roman Trekels (Bass) – auch wenn seine Arie „Großer Herr und starker König“ etwas mehr Trennschärfe und rhythmische Prägnanz vertragen hätte; die warme, nuancenreiche, ausdrucksstarke Altstimme Katharina Kammerlohers; Martina Rüpings messerscharf klarer Sopran. Und so jauchzt und frohlockt es im hellen Kirchenraum inmitten des dunklen Berliner Abends bis hinein in die hintersten Reihen und höchsten Emporen und es wird klar, dass das Weihnachtsfest in allererster Linie eines der Freude ist – oder es sein sollte.

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