Wer rast, der rostet nicht

Nach Honoré de Balzac: La Cousine Bette, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Frank Castorf)

Von Sascha Krieger

In seinem frühen Song „My Back Pages“ sang Bob Dylan einmal: „I was so much older then, I’m younger than that now.“ Ein bisschen ließe sich das als Motto über die derzeitige deutschsprachige Theaterlandschaft schreiben: Während jüngere Theatermacher wie Tilmann Köhler oder Roger Vontobel stringente, handwerklich perfekte und in heiligem Ernst fast ertrinkende Inszenierungen von beinahe ermüdender Schlüssigkeit und Weisheit produzieren, weigern sich ältere Kollegen zunehmen, den theatralen Sandkasten zu verlassen oder sind, wie beispielsweise Leander Haußmann, mit kindlich anmutender Freude dahin zurückgekehrt. Ein Sandkasten, dessen Meister bis heute Frank Castorf ist, der schon so oft als irrelevant und überholt abgetan wurde und doch immer wieder mit Wonne Publikum und Kritiker angrinst und lustvoll mit Sand beschmeißt. Wenn er jetzt nach einer Reihe von Dostojewski-Bearbeitungen erstmals Balzac adaptiert (übrigens einen Roman, den Dostojewski einst übersetzte), bekommen wir eine ordentliche Breitseite Sand ab – und gleichzeitig ein Theatererlebnis serviert, das es in dieser Radikalität und Durchgeknalltheit auch an der Volksbühne schon länger nicht mehr gab.

Wahnsinn und Methode (Foto: Thomas Aurin)

Wahnsinn und Methode (Foto: Thomas Aurin)

Das ist der Vorlage durchaus angemessen: präsentiert uns doch Balzac ein ausuferndes Bild einer entgrenzten Gesellschaft, die kontrolliert wird von einer lückenlosen Ökonomisierung aller Lebensbereiche, dargestellt am Beispiel von Liebe und Sexualität. Castorf greift das auf und schickt seine Darsteller in einen Strudel immer undurchschaubarer Liebes- und Sexbeziehungen und –verstrickungen, bei dem bald kaum mehr zu erkennen ist, wer hier mit wem, und es irgendwann auch gar nicht mehr interessiert. Liebe ist hier eine Ware, Nähe ein Produkt mit einem Preis. Macht, Sex und Geld sind nicht nur eng miteinander verbunden, sie sind ununterscheidbar, ja, sie sind eins. Das exponiert Castorf in der wunderbaren Eingangsszene, die bei weitgehender Dunkelheit vonstattengeht, die Szenerie beleuchtet nur vom Flackern eines Kamins. Darin versucht Geschäftsmann Crevel (wunderbar zwischen rheinischem Dialekt und Berliner Schnauze changierend: Marc Hosemann) die Frau seines Widersachers Hulot (Katrin Angerer in Höchstform als zwanghaft kontrollierte Baronin) zu kaufen versucht – und zugleich seiner Liebe versichert. In dieser Welt in das kein Widerspruch, sondern eine Selbstverständlichkeit. Damit ist das Thema gesetzt, das in der Folge mit steigender Beschleunigung durchexerziert wird. Zunächst in einem hochkomischen Hüpfen von Bett zu Bett, während zugleich der Schein von Anständigkeit aufrecht erhalten wird, später in einem irrwitzigen Rausch der auf einander fliegenden Körper, in dem jegliche Zielhaftigkeit menschlichen Begehrens aufgehoben ist.

Doch ist dies auch Wahnsinn, hat es doch Methode. Jene des Geldkreislaufs, der sich immer weiter hochschaukelnden und selbstbefeuernden Blasen, jenes hohlen Perpetuum Mobile, dessen nur scheinbaren Kollaps wir gerade erst in der globalen Finanzkrise beobachten konnten. Hier geht alles den Bach runter, bricht alles zusammen – und geht doch immer weiter. Auch als wir gegen Ende den Figuren als syphilitischen Zombies wiederbegegnen. Der Kreislauf ist ungebrochen, die Unwilligkeit zu Ende zu kommen – da wird immer noch ein Lead gesungen und noch ein Scherz gemacht – ist daher mehr als nur ein bloßer Gag. Auch wenn der Abend auch diese Ebene hat: Er ist wie so oft bei Castorf voller Albernheiten und stellt genüsslich sich selbst aus, die eigene Theatralität, die Lust am Spielen, die dieses Ensemble mit ihren Figuren gemein hat.

Und was für ein Ensemble ist das: Herausragend Jeanne Balibar als dämonische Titelfigur, Bernhard Schütz als schürzenjagend korrupter Beamtentypus und, natürlich, Alexander Scheer. Was ließe sich über dieses stets bis weit über die Erschöpfungsgrenze hinaus rasende fleischgewordene Prinzip des Castorf-Theaters alles sagen. Scheer blödelt und rast, er treibt den Abend, gibt ihm Rhythmus und Tempo, er ist Herz und Seele und Rückgrat und Katalysator dieser Feier des Durchgeknalltseins. In ihm wird der rausch sichtbar, er ist der Irrwitz dieser aus den Fugen geratenen Welt.

Die auch eine düstere Seite hat: Da ist Cousine Bette, Liebeshungrige und Machtmensch, sich selbst und andere – im Wortsinn – verstrickende Sklavenhalterin, die verinnerlicht hat, dass Liebe, Geld und Macht eines sind. Sie ist auch die Herrscherin über das düstere Bordell, das Bert Neumann auf die Drehbühne gestellt hat und Schauplatz der meisten Szenen – die, wie so oft bei Castorf, per Video nach außen übertragen werden. Hier ist alles innen und doch nichts privat, Drinnen und Draußen verschmelzen, weil sie dem gleichen Prinzip folgen. Da ist der Weg nicht weit vom ständigen Gerede über Geld und Schulden zum Antisemitismus, der, im Roman angedeutet, von Castorf zu Recht an die Oberfläche gezerrt wird, denn er hat ja stets auch eine ökonomische Komponente, ist seit jeher Mittel im Wirtschaftskampf. Dazu borgt sich Castorf den begnadeten Schriftsteller und glühenden Antisemiten Louis-Ferdinand Céline aus, dessen Reise ans Ende der Nacht er gerade in München inszeniert hat und den er hier ins Figurengewirr wirft. Das passt, es gibt hier ja auch die jüdische Sängerin Josepha, gespielt von Noa Niv, die wiederholt ins Hebräische wechselt, wie auch die französischen Darstellerinnen immer wieder französisch sprechen, auch russisch kommt vor – ja, es geht hier auch um Universalität. Vor allem aber öffnet das den Blick über das vermeintliche Liebeswirrwarr hinaus auf die Grundfesten der kapitalistischen Gesellschaft.

La Cousine Bette ist ein hochintelligentes, scharfsichtiges und schonungsloses Gesellschaftsportrait – und gleichzeitig, irrwitziges, entgrenztes, anarchistisches Theater. Hier ist alles erlaubt, lange Passagen ergehen sich in bloßem Spiel und führen doch immer wieder auf das, worum es hier geht: die Darstellung der Folgen einer Durchökonomisierung des Lebens – ins Groteske gewendet und ein paar Drehungen der Schrauben zu weit getrieben. Das ist hochkomisch, unfassbar auf die Nerven gehen und doch pures, lustvolles, kaum fassbares Theater. Wie lange ist es her, dass Frank Castorf sein Theater so weit trieb und gleichzeitig so schmerzhaft gut war? Egal, es ist ein Abend, der in Erinnerung bleibt, trotz seiner durchaus anstrengenden fünf Stunden Dauer. Den abschließenden Dialog der aus der Muppet Show bekannten Nörgler Waldorf und Statler, der in der Aussage gipfelt, man habe das Stück unter ungünstigen Umständen gesehen („Der Vorhang war offen!“ –übrigens gibt es auch ein witziges Spiel mit dem Vorhang), kann man auf diesen Abend nicht anwenden. Hier sind Vorhang, Augen, Ohren und Hirn weit offen.

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