Zwischen den Tischen

Ödön von Horváth: Jugend ohne Gott, Deutsches Theater/Kammerspiele, Berlin (Regie: Tilmann Köhler)

Von Sascha Krieger

Ödön von Horváths 1937 erschienener Roman Jugend ohne Gott ist ein eindringliches Sittengemälde einer von faschistischen Macht- und Werteordnungen bestimmten Welt – und ein schonungsloses Porträt einer Jugend, die in einer solchen Umgebung aufwächst. Er zeigt auf erschreckende Weise, wie totalitäre Strukturen, Denk- und Verhaltensmuster vom Ganzen eines Menschen und daraus resultierender gesellschaftlicher Gruppierungen – Familie, Schule, Gesellschaft – Besitz ergreifen. Eigentlich hat die Geschichte um den idealistischen Lehrer, der zwischen Feigheit und widerständiger Ehrlichkeit schwankt, auch heute nichts an Relevanz verloren, schließlich ist Totalitarismus auch in unserer Welt nicht Vergangenheit. Das reicht Tilmann Köhler für seine Inszenierung von Jugend ohne Gott jedoch nicht. Und so eröffnet er den Abend mit einem programmatischen, auf die schwarze Rückwand projizierten Text Harald Welzers, in der jener eine Linie zieht von der Aufhebung sozialen Zusammenhalts in totalitären Gesellschaften und von ihm diagnostizierten ähnlichen Auflösungserscheinungen unserer freien, grenzenlosen, nach dem Prinzip des Alles-Haben-Können organisierten Welt. Vor der Wand sitzen vier Kinder, Mitglieder des Knabenchors Berlin, die zuvor mit einem „Lacrimosa“ über die Welt geklagt haben.

Es ist ein gewagter Vergleich, den Köhler da zieht, und ein gefährlicher, legt er doch nahe, dass zwischen der faschistischen, rassistischen, menschenverachtenden Ideologie, deren Effekte Horváth zeigt und unserer heutigen freien Gesellschaft der Unterschied so groß nicht ist. Die Schlussfolgerung, hier würden Faschismus und Rassismus relativiert, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Zumal diese gezwungen wirkende Vergegenwärtigung völlig unnötig ist und sich in der weiteren Inszenierung kaum wiederfindet. Köhler, spätestens seit seiner Werther-Bearbeitung am Maxim Gorki Theater vor einigen Jahren, Spezialist für Romanadaptionen, hält sich eng an die Romanhandlung. Die Inszenierung integriert Erzählung und Spiel leicht und natürlich ineinander, die sechs Darsteller wechseln zwischen Rollen und kollektiver Erzählerfunktion, was dem Abend einen schönen Rhythmus und eine gewisse atmosphärische Dichte verleiht und zugleich die Austauschbarkeit kollektivierter Menschen versinnbildlicht (wie es auch die uniforme Kostümierung tut). Handwerklich ist diesem Abend nichts vorzuwerfen.

Das gilt auch für seine zweite Hälfte, die Köhler gekonnt als spannungsreiche Mischung aus Kriminalgeschichte und Gerichtsdrama inszeniert. Da gelingt ihm auch der eine oder andere stimmungsvolle Moment (das subtile Spiel des deutsch-brasilianischen Musikers Thonací tut ein Übriges). Durchaus gelungen auch Karoly Risz‘ Bühnenbild, das auf den Tisch als Grundelement setz: Zunächst ist da ein einzelner, den der Lehrer (Christoph Franke als polternd großäugiger Choleriker) mal als Autoritätsinstrument, mal als Schutzschild einsetzt. Später irrt man durch ein Tischlabyrinth, um zuletzt vor einem nicht zu überwindenden Tischgebirge zu stehen. Die Bewegung von Selbstbehauptung über Orientierungsverlust bis zur Wahl, vor der Übermacht des Totalitarismus zu kapitulieren oder wissend um die Chancenlosigkeit dagegen aufzubegehren, ist stringent bebildert.

Wie gesagt: Tilmann Köhler versteht sein Handwerk bis zur Perfektion. Und doch lässt dieser Abend seltsam kalt. Das hat mit der durchaus intendierten Kälte, mit der Köhler agieren und sprechen lässt und die auch die elaborierte Lichtregie auszeichnet, zu tun, mehr jedoch mit der Unentschlossenheit der Inszenierung. Köhler findet keine Haltung zu diesem Stoff. Jenseits des programmatischen Statements zu Beginn, liegt sein Fokus auf einer möglichst spannungsreichen Nacherzählung, als um Inhalte, eine Gesellschaftsanalyse etwa, eine Betrachtung massenpsychologischer Prozesse oder einer Anatomie des Widerstands. Trocken und nicht selten in didaktischem Ton werden die großen Debatten des Romans – über Gott, Menschlichkeit und Würde – geführt und bleiben stets Behauptung, die Möglichkeit eine Beziehung herzustellen, zwischen der Rassismus-Debatte des Romans und der Anwesenheit eines dunkelhäutigen Musikers, wird nicht genutzt. Dem Ensemble, je zur Hälfte bestehend aus DT-Schauspiekern und Studierenden der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, ist dies nicht anzulasten, insbesondere Busch-Student Anton von Lucke beeindruckt mit seinem subtilen Spiel zwischen Unschuld und Dämonie. Nein, dass der Abend im Beliebigen bleibt, liegt primär an Tilmann Köhlers Regie, welche das Versprechen des Anfangs, Stellung zur Gegenwart zu beziehen, nicht einlöst. Was bleibt, ist äußerst gut gemachtes und weitgehend nichtssagendes Theater.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Zwischen den Tischen

  1. […] schließe mich deshalb dem Urteil von Sascha Krieger ("Und doch lässt dieser Abend seltsam kalt. Das hat mit der durchaus intendierten Kälte, mit der Kö…") und Esther Slevogt auf nachtkritik ("So erweist sich die Parabeltauglichkeit des […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: