Wenn Theater twittert

Eine Nachlese zur ersten Twitter-Theater-Woche

Von Sascha Krieger

Das deutsche Stadttheater  gilt ja nicht gerade als Keimzelle oder zentrale Stütze der digitalen Revolution. Jenseits von Spielplanveröffentlichungen und Ensembleportraits tut sich da wenig, vor allem die Social-Media-Nutzung ist zumeist, sagen wir: ausbaufähig. Das ist nicht allein die Schuld der Theatermacher: Wenn sie sich mal aus dem digitalen Fenster lehnen, wie etwa das Hamburger Thalia-Theater mit der Spielplanwahl 2011 oder das Berliner Maxim Gorki Theater mit einer Facebook-Fassung von Effi Briest, gibt es regelmäßig von der berühmt-berüchtigten Internetgemeinde wie von den sich klassisch nennenden Medien auf die Mütze. Hinzu kommt, dass bei der Frage, wie Theater und Internet zusammenkommen können, immer noch vor allem Fragezeichen in den Gesichtern der Theaterschaffenden stehen, wie beispielsweise die erste Ausgabe der Konferenz „Theater und Netz“ im Mai dieses Jahres zeigte.

Wenn man all dies weiß, erstaunte das, was da in der vergangenen Woche zu sehen war, umso mehr: Die deutsche Dependance des Kurznachrichtendienstes Twitter – dass die Idee von dieser Seite kam, ist auch symptomatisch – hatte zur ersten Twitter-Theater-Woche (Hashtag: #TTW13) geladen und fünf deutsche Theater kamen, um je einen Tag virtuell zu bespielen. Zudem sollte je ein Stück ausgewählt werden, dessen Aufführung per Twitter zu begleiten war.  Die Idee: Das Theater über Twitter öffnen, Einblicke in die Theaterwelt gewähren und in Dialog mit der Internetgemeinde treten. Wie, blieb jedem Theater selbst überlassen und so gab es sehr unterschiedliche Versuche zu erleben. Den Anfang, der ja bekanntlich schwer ist, machte das Thalia und lud, mit viel Humor und manchem spannenden Einblick hinter die Kulissen, während das Twitter-Stück weitgehend ignoriert wurde – dafür gab es spannende Eindrücke von der Kinderaufführung Bei den Wilden Kerlen am Vormittag (gleiches galt am Folgetag für den Räuber Hotzenplotz in Bochum).

Über weite Strecken blieb das jedoch Frontalunterricht: Zum einen dauerte es eine Weile, bis interessierte Twitterer Wind von der Sache bekamen, zum zweiten fehlten die interaktiven Angebote. Das was auch zwei Tage später am Deutschen Theater so, wo vor allem die Idee, Dialogfetzen aus dem Twitter-Stück Demokratie zu twittern einiges Befremden auslöste. Auch das Twitter-Gespräch mit Schauspieler Bernd Moss verpuffte etwas. Die virtuelle vierte Wand ließ sich so nicht einreißen. Auch das Schauspiel Hannover beließ es vor allem bei der virtuellen Führung, während man beim Twitter-Stück auf die ungewöhnliche Idee kam, die Aufführung über die Inspizientinnenansagen zu vermitteln. Hier entstand plötzlich eine ganz neue, sperrige aber das Theatererlebnis um eine weitere Ebene erweiternde Geschichte.

Dass Social Media immer etwas mit Interaktion zu tun haben gab es am zweiten Tag bei den Frühaufstehern des Schauspiels Bochum: Da erweiterte man ein Publikumsgespräch in den digitalen Raum und lud zum Twittergespräch mit der Dramaturgie. Und so langsam entspann sich ein Dialog: zwischen Theater und Twitterern, aber auch ganz autonom unter letzteren. Da Spektrum reichte von Dramaturgenwitze und den Kantinenspeisekarten bis hin zu ernsthaften Debatten über die Rolle von sozialen Medien im Theater. Hier wurde ein Dilemma deutlich: Während die beteiligten Theater sich redlich bemühten das Theater gen Twitter zu öffnen, blieb die Gegenrichtung unbefahren. Welche Möglichkeiten es gibt, die digitale Erfahrungswelt ins Theater zu bringen, darauf wussten die Theater nicht nur keine Antwort, sie stellten auch die Frage kaum. Das ist an sich nicht problematisch, schließlich war dies ein erstes Experiment, das für so manchen zur ersten Begegnung miteinander wurde.

Doch es gab bei alldem eine rühmliche Ausnahme: das Münchner Residenztheater, das den letzten Tag absolvierte, und sich mit eindrucksvollem Einsatz in die Online-Schlacht warf. Bemerkenswert waren vor allem zwei Aspekte: Erstens das Niederreißen der Grenze zwischen virtuellem“ und „realem“ Raum. Das Theater öffnete sein Haus nämlich nicht nur per Twitter, sondern auch in der Realität. Da kam so mancher Twitterer, aber auch anderer Theater, das Theatermuseum oder Nachbarn wie eine Anwaltskanzlei vorbei. Man tauschte sich real aus und diskutierte zugleich digital, öffnete die Gespräche nach draußen oder führte gemeinsam durch die Theatergeschichte. Zum Zweiten: Als einziges Haus nahm das „Resi“ die Vorgabe des Twitter-Stücks beim Wort und ließ Twitter ins Theater, sogar in sein heiligstes: die Bühne. Bei der Aufführung von Jean Pauls Flegeljahre waren fünf Twitterer eingeladen, direkt von der Bühne zu twittern und zugleich als Statisten zu agieren. Das Ergebnis war eine faszinierende zusätzliche Erzählebene, die das Theatererlebnis auf völlig neue weise transportiere und zugleich die Grenzen zwischen Theater im Netz und Netz im Theater verschwimmen ließ.

Was bleibt als Fazit? Erstens: Der Versuch, Twitter und Theater näher zusammenzuführen, war ein Erfolg, denn er hat Diskussionen initiiert, austausch ermöglicht und so manche Grenze niedergerissen. Zweitens: Die Vielfalt der Mittel, mit denen eine solche Interaktion möglich ist, erwies sich als größer als gedacht. Dass die Twitter-Theater-Woche in vielem erst ein Anfang war, tut dem keinen Abbruch. Drittens: Das gegenseitige Interesse ist da. Theater ist neugierig aufs Internet und die „Digital Natives“ – auch wenn die Gruppe der Beteiligten überschaubar blieb – neugierig aufs Theater. Viertens: Die Ideen, wie man Twitter, soziale Medien, das Internet ins Theater bringen kann, stecken in den Kinderschuhen, der Kreativität sind jedoch keine Grenzen gesetzt, nur Angst ist fehl am Platze. Denn auch das hat die Woche gezeigt: Scheitern wird verziehen, wenn man denn etwas riskiert. Fünftens: Der twitternde Theaterbesucher wird die Ausnahme bleiben, der Störfaktor ist zu hoch, es sei denn man schafft spezielle Angebote wie Twitter-Logen oder –Reihen. Ob das bald Alltag an deutschen Bühnen sein wird, ist zu bezweifeln.

Sechstens: Die Verbindung von realem Erleben und virtueller Vermittlung ist essenziell. Das Experiment des Residenztheaters funktionierte so gut, weil es diese Barriere nicht als solche gelten lassen wollte. Theater ist Live-Erlebnis, Theater funktioniert durch das Vor-Ort-Sein. Ohne diesen Aspekt zu berücksichtigen, bleibt jede Digitalisierung Begleitmusik, kommt eine nachhaltige gegenseitige Befruchtung nicht zustande. Es wird spannend sein zu sehen, was passiert, wenn die Scheinwerfer der Twitter-Theater-Woche wieder ausgeschaltet, das überraschend große Medieninteresse verklungen ist. Schon jetzt gibt es Anzeichen, dass auch andere Theater Blut geleckt haben und das eine oder andere Haus beginnt zu verstehen, dass Twitter und soziale Medien generell von Interaktion und Miteinander leben und nicht nur Verlautbarungskanäle sind. Ein Anfang ist gemacht, jetzt gilt es weiterzumachen und nicht dach dem „Next Cool Thing“ zu suchen.

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2 Gedanken zu „Wenn Theater twittert

  1. […] Das Theater lebt von der Inszenzierung. Auch wenn es ums Twittern geht, kommt es darauf an, vor Ort zu sein. Sascha Krieger mit einer Nachlese zu Deutschlands erster Twitter-Theater-Woche #TTW13. stagescreen.wordpress.com […]

  2. pantaophoto sagt:

    Sehr guteZusammenfassung & Einschätzung der Twitter-Theater-Woche!
    Ich hatte davon garnichts mitbekommen, wäre aber einer Umsetzung in Leipzig sehr interessiert. Und warum nur Theater / Schauspiel? – Auch Oper, Gewandhaus und Kinos (wo sich Twittern und Facebooken ja schon die letzten Jahre etwas eingebürgert hat..) könnten von solchen Aktionen profitieren..

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