Zuschauer im Museum

Volker Braun: Die Übergangsgesellschaft, Maxim Gorki Theater, Berlin (Regie: Lukas Langhoff)

Von Sascha Krieger

Natürlich ist diese Premiere ein Zeichen: eines, das Signalisiert, dass bei allem Aufbruch und Neuanfang am Maxim Gorki Theater man sich der eigenen Geschichte bewusst bleibt. So ist wohl am besten zu erklären, dass jetzt Lukas Langhoff Volker Brauns DDR-Endzeitfantasie Die Übergangsgesellschaft inszeniert, jenes Stück also, mit dem das Gorki im Jahr 1988 einen unerhört neuen Blick auf die eigene Gesellschaft öffnete, das als erste DDR-Produktion in Mülheim und beim Theatertreffen aufgeführt wurde und dessen DDR-Erstaufführung (die Uraufführung fand 1987 in Bremen statt) Thomas Langhoff besorgte, Vater des jetzigen Regisseurs und Schwiegervater der heutigen Gorki-Intendantin. Damals schrieb das Gorki Geschichte, heute wickelt es sie ab. Denn die Neuinszenierung ist eben mehr als die Verneigung vor der eigenen Geschichte, sie ist vor allem ein Urteil über ihre Relevanz. Ein recht vernichtendes, muss man nach diesem Abend sagen.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Das beginnt als lächerliche Geschichtsfarce. Oben im Rang sitzt DJ Volkan T und referiert die Karriere des fiktiven Technopioniers DJ Overground. Die wichtigsten musikalischen Meilensteine illustriert er mit Hörbeispielen – die allesamt absolut identisch sind. Dann kommt eine geführte Tour herein, Gorki Tours ‚91 steht auf einem Schild, und führt das Museum Theater ebenso vor wie jenes der Ideologien – eine lange Tirade über Sozialismus und Kapitalismus des Reiseleiters (Till Wonka) atmet bestenfalls den Geist der Wiederholung von längst Überholtem. Dann schauen sie sich intensiv ein Bild an, von dem der Reiseleiter behauptet, es wirke lebendig. Doch die Gäste protestieren lautstark: Da lebe nichts, rufen sie aggressiv, da wäre keine Bewegung. Das Bild, das sind wir die Zuschauer, die auf der Bühne platziert sind, während die Darsteller im Zuschauerraum agieren.

Das erzählt von erstarrter Geschichte, von der Beliebigkeit des Vergangenen, seiner Unfähigkeit zu uns zu sprechen. Mumien bevölkern die Sitzreihen, später werden sich die Figuren selbst in solche verwandeln. Eine solche Mumie ist auch Brauns Stück, das hier bestenfalls musealen Charakter gewinnt. Wie aus Langeweile pflücken die hier Wartenden das eine oder andere Dialogfragment aus dem Text, streifen sie kurz die Rollen des verlorenen Altkommunisten Wilhelm, seines karrieristischen Sohnes Walter, des Schriftstellers Paul Anton oder der dem Tschechow-Vorbild entnommenen drei Schwestern über, doch die Konflikte, die jene noch umtrieben sind längst leere Phrasen geworden, bestenfalls Material für dramatisch effektvolle Ausbrüche oder slapstickhafte Distanzierungen.

Das, was da verhandelt wird, interessiert nicht. Sozialismus? Kapitalismus? Egal. Das alles ist so erstarrt wie wir, einziger Antrieb für so etwas wie Handlung ist das wiederholte Klingelzeichen. Hier wird nur noch gespielt, was, weiß man schon lange nicht mehr, warum, interessiert ohnehin keinen. Hier ist weder eine Übergangs- noch eine Untergangsgesellschaft zu sehen, nur noch musealer Zeitvertreib. Und so infiziert sich diese Geschichtsabsage schnell selbst mit der zur Schau gestellten Beliebigkeit, kann sie die Frage, warum das hier aufgeführt wird, nicht beantworten, stellt sie immerhin die Erkenntnisverweigerung offen aus. Die Kämpfe der Vergangenheit, sie interessieren nicht weiter. Das ist wenigstens ehrlich, weiter führt es nicht. Was Volker Braun, bei der Premiere anwesend ist, davon hält, ist nicht bekannt. Auch ob die Tatsache, dass er sich beim Schlussapplaus nicht zu Regisseur und Ensemble gesellt, einen Hinweis darauf gibt, entzieht sich der Kenntnis des Rezensenten.

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