Die Weite suchend

David Grossmann: Aus der Zeit fallen, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Andreas Kriegenburg)

Von Sascha Krieger

Der Beginn ist großartig, Kriegenburgsches Bildertheater der eindrucksvollsten und prägnantesten Art: Auf der zunächst dunklen Bühne (Olga Ventosa Quintana) fahren Lichter hoch, immer und immer mehr, füllen zunächst das Dunkel, bevor sie im Bühnen-„Himmel“ zur Ruhe kommen. Unzählige Lichter, Seelen der Toten, um die es hier, in David Grossmanns ebenso sperriger wie berührender Totenklage, geschrieben nach dem Tod des Sohnes im Libanon-Krieg, gehen soll. Um sie und um die Überlebenden: Die hängen, gezwängt in gläserne Würfel zwischen Boden und Lichtern, im ständigen Dazwischen, halb zur Welt der Toten und halb zu jener der Lebenden gehörig und nirgendwo so recht daheim. Einer von ihnen sitzt mit seiner Frau am Esstisch. Hart und kalt die Spotlights, fahl das Licht. Er wird aufstehen und losgehen, das Dort suchen, in dem er seinen toten Sohn vermutet, erhofft, ersehnt, weg aus dem Hier, dessen Teil er längst nicht mehr ist. Die Frau wird ihn nicht begleiten und doch wird auch sie sich schließlich auf den Weg machen, ihren eigenen.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

David Grossmanns Stück ist eine komplexe Parabel auf die Schwierigkeit und gleichzeitige Notwendigkeit weiterzumachen, wenn das eigene Leben von jetzt auf gleich zerbricht, nichts mehr ist, wie es war, am allerwenigsten man selbst. Kein leicht zugängliches auch in seiner Mischung aus antiker Tragödie, Märchen, Requiem, seiner archaisierenden, bewusst distanzierten Sprache, seinem zuweilen sehr abstrakten Diskurs über Tod, Leben, Schmerz und Loslassen. Ein schwerer Text, den Kriegenburg nach dem Zauber des Beginns noch zusätzliches Gewicht zu verleihen versucht. Denn kaum ertönt das erste Wort – es gehört Matthias Neukirch am Küchentisch, schnurrt der Raum, den das Anfangsbild so weit geöffnet hatte, plötzlich zusammen. Getragen, gewichtig, tragikschwanger und schicksalsschwer ist der Ton, den Neukirch und in der Folge das gesamte Ensemble anschlägt. Und auf einmal wird alles so trauerschwer, hört dieses Theater auf zu atmen.

Nach und nach steigen die anderen Figuren – allesamt teilen sie das Schicksal der beiden am Küchentisch, haben ein Kind verloren und wissen nicht, wie umgehen damit – aus ihren Kuben, nur um neue, größere folienbeklebte zu bevölkern, die auf der Bühne aufgebaut sind. Um sie herum läuft Neukirch, der sich auf den Weg gemacht hat ins „Dort“ und doch genau so im Kreis läuft wie die Trauernden, Verzweifelten, Verstummten in ihren Würfelwelten. Sie werden sich ihm anschließen, mitlaufen, bis sie vor einer undurchdringlichen Felswand stehen, bis sie nicht weiterkönnen, ohne zu entscheiden: weiter zu gehen im Kreislauf des Leidens oder voranzuschreiten im Leben, dem sie noch immer angehören. Es ist jene Passage, in der die traurig märchenhafte Schar eng aneinander gepresst, immer und immer weiter lässt, in der sich nochmals die Weite des Beginns andeutet, in der die Paradoxie, die grundlegende Grausamkeit menschlichen seins, das ohne Nicht-Sein nicht denkbar ist, spürbar wird.

Nur kurz, denn über weite Strecken erdrückt Kriegenburg das Ringen mit dem Unvermeidlichen in bleischwer plakativem Pathos. Getragen trauervolle Musik, monotones sprechen und die Verweigerung jeglicher Individualisierung erzeugen nicht dem gewünschten Tragödien-Sog, sondern führen ganz im Gegenteil zum Eindruck einer gewissen Beliebigkeit, die dem Zuschauer erlaubt, jegliche Versuche, eine Haltung zu dem Erzählten aufzubauen, abzubrechen. Über die Aufführung legt sich ein schwerer schwarzer Trauerflor, der jegliche Auseinandersetzung unter sich begräbt. So auch die Ebene des Schreibens: Jörg Pose kämpft als einziger sitzender einen aussichtlosen Kampf gegen die einschläfernde Monotonität des Abends. Er, der – wie Grossmann selbst – versucht, über das schreiben ins Leben zu finden, bleibt  in seinem schnoddrigen Widerstand zwar eindrucksvoll, aber auch isoliert. Er, der Gegenentwurf, der Alternativvorschlag, der denkbare Ausweg, sitzt von schnüren an den Schreibtisch gekettet buchstäblich fest im Netzt der Erinnerungen und wird so auch zum bloßen Klischee.

In Aus der Zeit fallen erweist sich einmal mehr, was Andreas Kriegenburgs Theater so besonders macht – und auch so oft scheitern lässt. Ihm gelingen großartige Bilder, atmosphärisch dichte Momente, intensive Räume zwischen dem Sagbaren. Aber er kann einmal mehr die Textebene nicht in dieses Bildertheater integrieren. Statt den sperrigen Text sichtbar zu machen, ihm Raum zum Atmen zu geben, türmt er Pathos auf Pathos, schwere auf schwere und erstickt damit dieses eigentlich so nahe wie tief gehende Klagelied. Fast scheint es, als traue er seinem Theater nicht über den Weg, als hielte er es nicht für robust genug, diesen Text zu tragen. Und so flüchtet er in die pseudotragische Oberfläche, in die plakative Klarheit des Klischees, in die Monumentalität ausgestellten Leids. Und so legt sich Bleischwere über den Abend, der – trotz aller Dunkelheit – so licht und weit begann und doch so eng und düster endet.

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Ein Gedanke zu „Die Weite suchend

  1. […] Hauptproblem des Abends ist, dass diese monotone Totenklage nicht berührt. Sascha Krieger hat es in seinem Blog auf den Punkt gebracht: “Statt den sperrigen Text sichtbar zu machen, ihm Raum zum Atmen zu geben, türmt er Pathos […]

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