Lieder von Liebe und Tod

Nach dem Roman von Henri-Pierre Roché: Jules und Jim, Deutsches Theater/Box, Berlin (Regie: Lilja Rupprecht)

Von Sascha Krieger

Ja, ja, die Liebe: Den Franzosen sagt man ja nach, sie hätten eine ganz besondere Beziehung zu ihr. Und nirgendwo wird so ausgiebig über sie philosophiert, ja, wird sie gar vom Thema zum Grundprinzip jeglicher Philosophie und Welt- wie Menschenerkenntnis wie in der französischen Kunst. Henri-Pierre Rochés Roman Jules et Jim und Francois Truffauts Verfilmung desselben sind hierfür sicher Paradebeispiele. Die Mischung aus fataler Dreiecksgeschichte, der Unerkennbarkeit von Liebe und Tod dem Spiel von Liebesbedürfnis und Abstoßung des anderen, von Sehnsucht nach Nähe und Unfähigkeit sie zuzulassen, sucht Ihresgleichen. So existenziell war Liebe nie, so selbstverständlich die Gleichzeitigkeit ihrer An- und Abwesenheit, ihrer Notwendigkeit und Unmöglichkeit. Was wird hier philosophiert und psychologisiert und interpretiert und manipuliert und am Ende sind zwei tot und einer bleibt zurück. Das funktioniert im Film durch die magische Bildsprache, den traumähnlichen Sog, den Truffaut in seinem vielleicht besten Film entwickelt. Aber auf der Bühne, noch dazu einer im prosaisch-pragmatischen Deutschland?

Da bleibt die Unentrinnbarkeit, die Alternativlosigkeit, könnte man mit der Kanzlerin sagen, dieser sich selbst vernichtenden Liebe, ein seltsam verschrobener Fremdkörper. Dabei macht Regisseurin Lilja Rupprecht vieles richtig: Da ist die Fensteröffnung, aus dem der Flieder, Frühlings- und Liebesgewächs par excellence, wuchert und sich auf die Bühne ergießt wie ein opulenter Grabschmuck. Da ist der Rückblick aus dem Grab, den Johanna Matz als schon lange gestorbene Catherine mit freundlich abgeklärter Sachlichkeit liefert und über dem Ole Lagerpusch, Elias Arens und Olivia Gräser in einer leichtfüßig ineinander fließenden Mischung aus Nacherzählen, szenischen Sketchen und ausschweifenden Erklärungen das Traumgespinst dieser Liebesutopie, die zur Dystopie wird, ausbreiten. Und da ist Ole Lagerpusch, dem man den traurigen Sehnsuchtspoeten, den verzweifelt Liebessüchtigen, den philosophierenden Selbstzerstörer Jules jederzeit abnimmt und der in Elias Arens‘ trocken pragmatischem Liebessachbearbeiter Jim sein kongeniales Gegenstück findet.

Und doch bleibt das vor allem eines: leeres Gerede, Behauptung, Abklatsch. Zu gestückelt kommt das daher, zu repetitiv die Erklärungsorgien, zu angedeutet die Szenenfragmente, zu wenig ausgestaltet die Charakterisierung. Die von der Liebe Schwadronierenden bleiben hier Abziehbilder. Lilja Rupprecht erzählt nach, aber sie findet keine eigene Sicht, keine theatrale Sprache, keine Haltung. Das Dauerdudeln französischer Chansons haucht dem Geschehen ebenso wenig Leben ein wie kurze Videoeinsprengsel, die mal eben beide Weltkriege samt Shoah als Folie aufrufen. Da wirkt Lagerpusch zugegeben mit zunehmender Dauer immer schwerer erträgliche Weinerlichkeit noch einen Tick lächerlicher und kleiner, während die Ernsthaftigkeit des Behaupteten nie ins Ironische gekehrt wird. Nein, das hier ist so gemeint, doch was soll es bedeuten? Liebe ist eigentlich unmöglich und endet tödlich, aber wir können nicht anders? Sigmund Freud hat in einer seiner frühen Arbeiten einmal das Lustprinzip aus dem Todestrieb abgeleitet. Wer Jules und Jim am Deutschen Theater gesehen hat, könnte das plausibel finden.

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