Die innere Kraft der Musik

Sir Roger Norrington dirigiert das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin

Von Sascha Krieger

Ralph Vaughan Williams gehört zu den bedeutendsten Komponisten der britischen Musikgeschichte, ein Vermittler an der Schwelle zwischen Romantik und Moderne und ein musikalischer Seismograf der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert. Hierzulande steht er jedoch noch immer im Schatten bekannterer Landsleute wie Benjamin Britten und populärerer Vertreter britischen Musikschaffens wie Edward Elgar. Das zu ändern hat sich nun sein Landsmann Sir Roger Norrington auf die Fahnen geschrieben, der einst als einer der Pioniere der historisch informierten Aufführungspraxis Vermittler eines neuen Musikverständnisses war. Im Gegensatz zu einigen seiner damaligen Mitstreiter ist Norrington vor allem aber Pragmatiker, widmet sich unterschiedlichsten Musiktraditionen, dirigiert „traditionelle“ Orchester und verweigert sich auch nicht modernerer Sichtweisen auf Musik. Sein Augenmerk gilt dem Kern von Komponist und Werk, dem Vermitteln von Musik, dem Öffnen von Ohren und Augen für eher Unbekanntes oder zumindest Übersehenes.

Mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin, dem er seit Jahrzehnten eng verbunden ist, erarbeitet Norrington derzeit die Symphonien von Vaughan Williams. Zuletzt stand dabei die Dritte, auch „Pastorale“ genannte, auf dem Programm, ein Werk, das Vaughan Williams 1916 begann, als er Sanitäter im 1. Weltkrieg war. Und eines, das von seiner Ambivalenz lebt zwischen Feier von Schönheit und Unberührtheit der Natur und der Erfahrung, mit welch zerstörerischer Kraft der Mensch immer wieder in diese einzugreifen in der Lage ist, ohne den Preis der eigenen Zerstörung zu scheuen. Dabei ist dieser Einbruch immer ein subtiler, von Schlachtenlärm und Kriegsschrecken wenig zu spüren. Norrington ist ein Meister dieses Lesens zwischen den Zeilen. Vor allem im Schlusssatz kehrt er die Gleichzeitigkeit schwelgerischer Naturfeier und bedrohlicher Brüche ebenso behutsam wie klar hervor. Auch das den Satz bestimmende sehnsüchtig melancholische Sehnen nach einer auch nur vermuteten harmonischeren Vergangenheit hat bei ihm nichts Verklärendes. Dabei steht ihm die finnische Sopranistin Anu Komsu zur Seite, die die wortlosen Vokalpassagen wie aus einer mythischen Vorzeit heranwehen lässt, trauernd den Verlust menschlicher Unschuld beklagend aber auch mit fester Stimme sich der selbstgemachten Apokalypse entgegenstellend. Dieser unendlich zarte und zerbrechliche Schlusssatz hallt lange nach.

Und ist doch nicht der einzige Höhepunkt: Schon dem reichen, aus der Unabhängigkeit der Einzelstimmen Kopfsatz erwachsenden Farbenreichtum des Kopfsatzes verleiht Norrington einen fragenden Ton, der die Brücke zum verweigerten Triumph des Finales schlägt. Schwebend wie im Traum zeigt sich der zweite Satz, in dem das Trompetensolo die späteren Vokalsoli spiegelt und die hauchzarte Streicherfläche eine Harmonie beschwört, an die sie selbst in ihrer Fragilität nicht glaubt. Fast klassisch pastoral dann der dritte Satz, in dem der freudige Impetus das Wissen um den Verlust nicht ganz verdecken kann. Sir Roger Norrington stellt die sich auf engstem Raum Farbverschiebungen als organische Entwicklung dar, als Werden und Vergehen aus und in Musik und erzeugt damit einen so facettenreichen wie schwebend lebendigen Eindruck, dass sein Anliegen, diesen Komponisten dem Publikum nahezubringen, bei so manchem Besucher Früchte tragen sollte.

Begonnen hatte er den Abend mit einem weiteren Werk aus Kriegszeiten: Benjamin Brittens Sinfonia da Requiem. Hier erweist sich Norringtons Talent zur Reduktion: wie eine karge Musikalische Mondlandschaft gestaltet er den ersten Satz, gibt dem vollen Klang seines Orchesters eine düstere Fahlheit und erzeugt eine undeutlich bedrohliche Grundstimmung. Norrington erzeugt eine ungemein dichte musikalische Atmosphäre, bei ihm sind die kraftvollen Entladungen keine Explosionen, sondern Verdichtungen und wirken dadurch ungemein intensiver. Die Spannung kommt aus dem Inneren der Musik anstatt aus vordergründigen Kontrasten. Stets bleibt der Eindruck ambivalent, schwingt in der persönlichen Trauer über den Verlust der Eltern, denen das Werk gewidmet ist, immer auch der Schmerz über den Zustand der Welt mit. Norrington beweist einmal mehr, dass durchdringende Wirkung und Subtilität einander nicht ausschließen.

Dass der Abend nicht ganz zum Triumph wird, liegt am populären Einschub: Mozarts Klavierkonzert Nr. 27, das Norrington aus der Mitte des intimen Kreises, den Orchester und Klavier hier bilden, heraus dirigiert, bleibt ein Fremdkörper. Das liegt vor allem am Solisten: Francesco Piemontesis Spiel ist wunderschön klar und traumhaft perlend, seine Klangkultur exquisit. Doch ihm fehlt der Ausdruckswille, neben der Schönheit der Mozartschen Melodien ist da wenig: keine Spannung, kaum Dynamik, wenig Dialog mit dem Orchester, keine Kraft. Alles ist Oberfläche, wenig Substanz. Da hilft es wenig, dass Norrington das Orchesterspiel auch hier reduziert – ein Gegengewicht kann dadurch nicht entstehen, das Orchester wird zum großen Begleiter. So gerät das Werk zwar schön anzuhören aber eben auch ein wenig belanglos. Ein Schönheitsfehler, über den sich an diesem Abend leicht hinwegsehen lässt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: