Musik als Erlebnis

Gustavo Dudamel dirigiert die Berliner Philharmoniker

Von Sascha Krieger

Gastdirigate bei den Berliner Philharmonikern sind eigentlich nie Routine. Von dem Orchester eingeladen zu werden, ist gerade für jüngere Dirigenten so etwas wie ein Ritterschlag, mehrfach hier zu gastieren der Nachweis, weltweit zu den besten Orchesterleitern der Gegenwart zu gehören. Der gerade 32-jährige Gustavo Dudamel hat beides längst erreicht: Im Alter von nur 27 Jahren gastierte er erstmals bei den Philharmonikern, erst im Februar dieses Jahres war er zuletzt zu Gast, mittlerweile hat er in der Waldbühne dirigiert und das Europakonzert geleitet. Kein Wunder, dass Dudamel zu den Favoriten gehört, wenn es um die Nachfolge Sir Simon Rattles als Chefdirigent ab der Saison 2018/19 gehört. Und so schaut und hört man noch genauer hin, wenn der Venezolaner am Pult in der Berliner Philharmonie steht, gerät jedes Dirigat zu einer Art Bewerbungstest.

Gustavo Dudamel (Foto: Richard Reinsdorf)

Gustavo Dudamel (Foto: Richard Reinsdorf)

So auch jetzt, wenn er die vierten Symphonien Beethovens und Schuberts sowie einige Miniaturen Igor Strawinskys dirigiert. Dabei lässt sich gut beobachten, welche Art musikalischer Philosophie Dudamel vertritt. Das Grüblerische, das analytische Schürfen nach der Wahrheit in der Musik, nach dem Kern eines Werkes sind ihm fremd, ihm geht es darum, Musik zu vermitteln, ihr Wesen, ihre Kraft erlebbar zu machen. Dudamel ist, wenn man so will, ein Unterhaltungskünstler im besten Sinn, wie es auch ein Leonard Bernstein war oder ein Sir Simon Rattle ist, auch wenn beide musikalisches Erleben mit tiefgründig fundierter Interpretation zu verbinden vermochten bzw. vermögen. Dieses Gleichgewicht fehlt bislang (noch) bei ihrem jungen Kollegen, das Publikum ist die Musik hineinzuziehen gelingt ihm jedoch wie kaum einem zweiten.

Da überrascht es nicht, dass insbesondere die Miniaturen der beiden Suiten für kleines Orchester von Igor Strawinsky zu überzeugen vermögen. Faszinierend der Farbenreichtum, den Dudamel den Polkas und Märschen, den italianisierenden, russischen oder spanischen Vorbildern folgenden Stücken entlockt. Humorvoll und energiereich füllt er den Saal scheinbar mühelos mit schwungvollen Klängen, die so manchen Fuß zum Mitwippen veranlassen. Dabei zeigt sich eine besondere Stärke Dudamels: Er lässt die Zügel lang und erlaubt dem Orchester zu spielen. Mit Erfolg: So strahlend und voll, so butterweich und zugleich glasklar in den Streichern hört man auch die Berliner Philharmoniker nicht jeden Tag, ein Höhepunkt das humorvolle Spiel der Holzbläser-Solisten im grotesk-komischen Walzer. Die Kombination aus höchster Präzision, geschliffener Klangkultur und größter Virtuosität begeistert zu Recht.

Dass Dudamels Ansatz auch bei größeren Werken funktionieren kann, er aber eben auch seine Grenzen hat, zeigen exemplarisch die beiden Vierten. Weitgehend gelungen die B-Dur Symphonie Ludwig van Beethovens: Trotz vergleichsweise moderater Tempi erklingt der Kopfsatz äußerst lebhaft und kraftvoll, verströmt pure musikalische Freude, ohne, durch fein herausgearbeitete dynamische Kontraste, je an Spannung zu verlieren. Dabei gelingt Dudamel auch noch eine ausreichend große Transparenz, um den Reichtum dieser Musik zumindest anzudeuten. Ähnlich nuancenreich sprudelt dann auch das Finale, angetrieben vom Spiel der Kontraste und zugleich bar jeder Schwere. Dass Dudamel auch langsames gelingen kann, beweist er im Adagio: Insbesondere die Pianissimo-Passagen lässt er mit einer Zartheit und Fragilität spielen, dass der Gefühlsreichtum dieses Satzes jedem Zuhörer nahe gehen muss.

Dass der 32-Jährige keineswegs schon „fertig“ ist, erweist sich jedoch im Franz Schuberts c-Moll-Symphonie. Kann der erste Satz mit seiner Lebhaftigkeit, dem präzisen Spiel und dem Fokus auf dynamische Kontraste streckenweise noch überzeugen, fehlt den folgenden Sätzen dann weitgehend die Spannung. Das Andante brilliert mit samtigem Streicherklang und plätschert doch recht ereignisarm daher, was auch für den schnelleren dritten Satz gilt. Womöglich hat Dudamel das auch gemerkt und durch starke Betonung von Laut-Leise- und Schnell-Langsam-Kontrasten gegensteuern wollen, was ihm jedoch nicht so recht gelingen will. Die Überbetonung der Gegensätze erzeugt eben keine Spannung, sondern wirkt aufgesetzt. Das gilt auch für den sehr lebhaften, aber seltsam druck- und kraftlosen Finalsatz. Dass auch Schuberts Werk zu Beifallsstürmen Anlass gibt, ist dem außergewöhnlich gut aufgelegten Orchester zu verdanken. Was man (derzeit) bekäme – und was eben (noch) nicht – wenn Gustavo Dudamel die Nachfolge Rattles antreten würde, lässt sich in diesem Konzert jedenfalls sehr klar erkennen.

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