Alles Frohlocken ist schwer

Bachs Weihnachtsoratorium (Teile I-III und VI) mit Thomanerchor und Konzerthausorchester Berlin

Von Sascha Krieger

Keine Frage: Es weihnachtet sehr auf dem Berliner Gendarmenmarkt. Draußen ist der alljährliche Premium-Weihnachtsmarkt, Berlins einziger, für den Eintritt verlangt wird, wie immer gut gefüllt, da passt es gut, wenn sich auch drinnen im Konzerthaus Berlin weihnachtliche Stimmung verbreitet. Und was könnte das besser als Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium, jenes Werk, das viel zu lange als feierliche Festtagsmusik missverstanden wurde, anstatt es als das zu sehen, wofür es komponiert wurde: als freudiger musikalischer Jubel über die Geburt Jesu. Die historisch informierte Aufführungspraxis hat in den vergangenen Jahren viel dafür getan, das populäre Werk in neuem Licht erscheinen zu lassen, ohne dass die seiner Beliebtheit abträglich gewesen wäre. Und doch ist bis heute ein Ensemble mit dem Werk verbunden wie kein zweiter: der Leipziger Thomanerchor, dem Bach einst selbst als Thomaskantor vorstand und der bis heute zu den wichtigsten Interpreten Bachscher Chormusik zählt.

Weihnachtliches draußen und drinnen: das Konzerthaus am Gendarmenmarkt (Foto: Sascha Krieger)

Weihnachtliches draußen und drinnen: das Konzerthaus am Gendarmenmarkt (Foto: Sascha Krieger)

Für das Berliner Konzerthausorchester gilt das weniger und so ist die Paarung der jugendlichen Bach-Experten mit einem eher Bach-fernen Sinfonieorchester eine spannende Konstellation für die drei gemeinsamen Berliner Konzerte. Und vielleicht liegt genau hier der Grund, warum dieser Konzertabend so lange braucht, bis er ein wenig in Fahrt kommt. Schon der berühmte Beginn ist symptomatisch: So müde und beiläufig hat man das „Jauchzet, Frohlocket!“ selten gehört, weder im Spiel der (nicht nur sprichwörtlichen) Pauken und Trompeten, sondern auch im merkwürdig gedämpften Chorgesang. Thomaskantor Georg Christoph Biller, der hier als Dirigent fungiert, findet lange keinen rechten Zugriff auf das Werk, das er eigentlich so gut kennt. Fast scheint es, als hätte er alle Hände voll zu tun, Orchester und Chor auf eine Wellenlänge zu bekommen, so dass kein Raum bleibt, eine Perspektive auf das Werk zu finden. Da helfen auch die Solisten kaum, einzig Tenor Martin Lattke kann als Evangelist mit klarer Stimme, variablem Ausdruck und deutlicher Phrasierung überzeugen, während Matthias Weichert (Bariton) sehr ausdrucksarm agiert und mit den schweren Koloraturen zuweilen überfordert scheint und Britta Schwarz (Alt) im Versuch, ihre Arien und Rezitative mit Ausdruck aufzuladen, allzu oft in bloße Manierismen verfällt. Gut, dass später Gesine Adler (Sopran) dazu kommt, die mit klarer und fester Stimme Innigkeit und Lyrismus in ihre Solopassagen legt.

Dass vor allem der erste Teil so behäbig daher kommt, hat damit zu tun, dass einige seiner Glanzstücke nicht zünden – etwa die Alt-Arie „Bereite dich, Zion“ oder die Bass-Arie „Großer Herr und starker König“ – aber auch damit, dass Orchester und Dirigent einen äußerst opaken und sehr nüchternen Klang verbinden mit streckenweise sehr schleppenden Tempi, die dem Werk zuweilen jegliche Energie entziehen, am auffälligsten in der Sinfonia zu Beginn des zweiten Teils. Die Thomaner bleiben ein Lichtblick: Mit ihrem farben- und nuancenreichen Gesang bleibt es ihnen überlassen, die Faszination dieser Musik erahnbar zu machen und zuweilen sogar so etwas wie Freude anzudeuten. Dem Orchester dagegen fehlt jede Leichtigkeit, mit sachlichem Spiel ist diesem Werk allein nicht beizukommen.

Glücklicherweise ist der Eindruck der nach der Pause erklingenden Teile III und VI (auf IV und V wird aus Zeitgründen verzichtet) um einiges positiver. Das zeigt sich beispielsweise im Duett „Herr, Dein Mitleid, Dein Erbarmen“, das Gesine Adler trägt und das fast kammermusikalisch innig daher kommt, begleitet vom plötzlich überraschend transparenten Spiel der Orchestermusiker. Überhaupt entfaltet die Musik jetzt eine viel größere Lebendigkeit, sind die Tempi schneller, der Farbenreichtum größer, das Orchesterspiel durchsichtiger. Und plötzlich zeigt sich bisweilen auch so etwas wie Freude, etwa im triumphalen Schlusschoral. Überhaupt zeigt sich nach der Pause eine zuvor kaum zu ahnende Ausdrucksvielfalt, deren anderes Ende der berühmte Choral „Ich steh an deiner Krippen hier“ bildet, den die Thomaner mit einer solch variantenreichen Innigkeit und Zartheit vortragen, dass ihr Gesang tief berührt. Jetzt funktioniert auch das Zusammenspiel mit den Orchestermusikern besser und so jubeln am Ende auch Herz und Ohr des Zuschauers mit dem Triumphgesang des Schlusschorals. Und wenn die Thomaner als Zugabe noch zwei Weihnachtslieder a capella vortragen, hat die geschäftige Variante des Vorweihnachtstrubels vor der Tür keine Chance mehr.

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Ein Gedanke zu „Alles Frohlocken ist schwer

  1. […] außerhalb seines Kontexts und in Konzertsälen zu Hause und viel zu oft – zuletzt auch in einer Aufführung von Konzerthausorchester und Thomanerchor – ist der Ausdruck der Freude nur schwer zu finden. Wenn jetzt Musiker der Berliner Staatskapelle […]

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