Komm, süßer Tod!

Sophokles: Elektra, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Stefan Pucher)

Von Sascha Krieger

Vielleicht liegt es ja, daran, dass der Winter spürbar Einzug gehalten hat in Berlin: In jedem Fall ist der Tod derzeit allgegenwärtig auf den Bühnen der Hauptstadt. Am Berliner Ensemble singt man lustvoll mit Bob Dylan „Death Is Not the End“, worauf am Ende von Leander Haußmanns Hamlet all die Dahingemeuchelten in schöner Harmonie ins Licht entschwinden. Davon ist nebenan in Stefan Puchers Elektra-Inszenierung am Deutschen Theater wenig zu spüren, wenngleich auch hier der Tod als willkommener Gast erscheint. „Death to everyone is gonna come“ heißt es bei Bonny ‚Prince’ Charlie, in einem anderen Lied ist gar davon die Rede, wenn der Tod schon sicher sei, könne man auch das Töten genießen. Und wenn zum Schluss in trügerischer Harmonie „Home is where you’re happy“ angestimmt wird, sollte man wissen, dass der Text von keinem anderen als Charles Manson stammt. Mit einer Mischung aus Resignation, Todessehnsucht und beißender Ironie begegnet man dem Tod hier, lädt man ihn ein zum Fest, das Leben heißt, und aus dem er sich ohnehin nicht aussperren lässt. Also kann man ihn auch gleich willkommen heißen.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Eine Todesshow hat Pucher inszeniert, angesiedelt auf einer Art Varietébühne (Bühnenbild: Barbara Ehnes), das direkt den 1980er Jahren entnommen zu sein scheint in seiner Mischung aus angekratztem Glamour und altbackenem Mief, akzentuiert durch die ihre besten Tage längst hinter sich habenden Sitzgruppen vor der mehrstufigen Showbühne. Darauf stolzieren Akteurinnen in einen Tick zu kitschigen Operettenkleidern, selbst Orestes erscheint in blonder Perücke und Tutu. Nur Elektra (Katharina Marie Schubert) trägt Frack und Hose. Sie ist die Conférencière des Abends, die Zeremonienmeisterin, die durch diese Todesrevue führt. Verbissen krampft sich ihr Körper zusammen, dringen Schmerz und Rache in jede Faser ein. Und doch bleibt ihr wenig mehr, als zu moderieren und zu kommentieren. Alles Wesentliche passiert abseits der Bühne, in den Videoprojektionen von Chris Kondek. Und doch ist auch die hier gezeigte Gewalt nur Projektion: Auch wenn das Kunstblut spritzt – hier stechen Aigisthos (Andreas Döhler) und Orestes (Felix Goeser) nur auf Bilder ein.

Es ist eben doch alles Show, eine große Revue sich immer und immer wiederholenden Leidens, Motor und Kern der Menschheitsgeschichte. Dabei unterscheidet Pucher kaum noch zwischen dem „gerechten“ Täten Elektras und Orestes‘ und jenem der Mörder Klytaimnestra und Aigisthos. Die Szenen des Mordes an Agamemnons und jenes an deren Mördern sind austauschbar, die Gründe Elektras nicht nachvollziehbarer als jene Klytaimnestras und Aigisthos‘. Susanne Wolff spielt die Mutter als selbstbewusste Machtpolitikerin, die ihren Ethos Machiavelli entnommen hat, der aber nicht negativ kontrastiert mit dem Fanatismus Elektras. Die Männer sind Spielbälle: Orestes schreitet angewidert zur Tat und Andreas Döhler gibt seinem Aigisthos eine solche Verlorenheit, dass sein kurzer Auftritt der wohl gründlichste Einbruch des Menschlichen ist. Letztlich ist der Mörder ebenso in sich selbst gefangen wie die Rächerin, die zum Schluss den Anzug abwirft und die Operettentruppe vervollständigt.

Denn am Ende ist Elektra eine Gefangene von Rollenerwartungen und gesellschaftlichen Ansprüchen, eine, die sich nicht wirklich wehrt, die ihre Rolle annimmt und so den Kreislauf nicht durchbricht. Und so geht auch die Revue der Grausamkeit weiter, Abend für Abend, so lange jemand das selbst auferlegte Schicksal von sich wirft. Denn Götter gibt es hier keine, die Tragödie ist menschen-, ist selbstgemacht. Ein unterhaltsames Schauspiel mit mörderischem Fundament. So schön es hier glitzert und singt, so ernst und real ist doch der Abgrund, auf dem das geschieht. Denn wo man den Tod erwartet, wird er kommen. Mit oder ohne Charles Manson.

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