Amoklauf mit Drehwurm

William Shakespeare: Hamlet, Berliner Ensemble (Regie: Leander Haußmann)

Von Sascha Krieger

Eines zumindest ist Leander Haußmann gelungen: Er hat Hamlet gehörig das Grübeln und Zaudern ausgetrieben. Vom großen Zögerer, vom ewig Unentschlossenen, von einem, der das Handeln fürchtet und gerade dadurch in einen nicht aufzuhaltenden Strudel von Schuld und (Un)Tat hineingerät, ist in Haußmanns neuer Berliner Inszenierung nichts mehr übrig. Sein Hamlet ist ein Handelnder, Agent des eigenen Untergangs wie dessen der Anderen, einer, der nicht still steht, unaufhörlich sich selbst und das Geschehen in Bewegung hält, kein Spielball, sondern ein Ballspieler. Christopher Nell spielt ihn mit der Hibbeligkeit, Ungeduld, Selbstbezogenheit und Überheblichkeit der Jugend. Haußmann und Nell interpretieren ihren Hamlet als jungen Mann an der Schwelle zum Erwachsenwerden, der versucht, im Anforderungs-, Erwartungs-, Gefühls- und Identitätswirrwarr seinen Platz zu finden und daran scheitert.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Ein moderner Hamlet also und das obwohl Haußmann sich jeder offensichtlichen Vergegenwärtigung verweigert. Und doch sind das Hier und Jetzt in der Selbstbezogenheit des Protagonisten, dem Selbstverwirklichungsanspruch und der fragmentierten Realität, der er sich stellen muss, immer präsent. Er ist keiner, der sucht, wer etwas von ihm will, muss schon zu ihm kommen. Das gilt selbst für den Geist des toten Vaters: Der erscheint in Hamlets Schlafzimmer, mitten im Schäferstündchen mit Ophelia, die Anna Graenzer als naiv-verliebtes Mädchen mit einer Mischung aus kindlicher Keckheit und jugendlicher Schläue gibt. Genervt reagiert er auf den Racheauftrag des Vaters, der ihm weder ins Selbstbild noch in den Kram passt. Irgendwo zwischen Hedonist und Abenteurer angesiedelt, will dieser Hamlet seine Selbsterfüllung und muss erfahren, dass die Welt andere Pläne hat.

Wie er sich diesem Zerren um sein selbst stellt, wie er versucht, die Kontrolle zu behalten und darüber zum fast psychopathischen Amokläufer wird, wie sich der Widerstreit der Interessen in bloßer Gewalt entlädt, ist sehenswert. Die Frage nach dem „Sein oder Nichtsein“ wägt er ab mit der Leidenschaft von einem, der sich zwischen Wiener Schnitzel und Salatteller nicht entscheiden kann. Gleichzeitig kulminiert der Monolog in der fachgerechten Ausweidung des gerade ermordeten Polonius. Später wird er wild in die Luft ballern, nachdem er zuvor die eigene Mutter zusammengeschlagen hat. Ein Rebel without a Cause ist er, getrieben von Langeweile und den Ansprüchen von selbst und Welt. So weit, so stimmig.

Doch Haußmann wäre nicht Haußmann, wenn es ihm nicht auch um das lustvolle Bedienen der Theatermaschinerie ginge. Wie ein Kind im Spielzeugladen lässt er es donnern und blitzen, produziert er Nebelschwaden und zeichnet wundervolle Bilder im Gegenlicht. Und als sei das nicht genug, werden die Theatermittel immer wieder – schön ironisch natürlich –thematisiert, verkümmert die Schauspielerepisode weitgehend zum selbstreferenziellen Scherz, ohne noch groß Bedeutung für das zu haben, was hier noch Handlung sein könnte. Die Drehbühne steht kaum still, ständig wechselt die Szenerie, öffnet die Wandlandschaft von Johannes Schütz immer neue Blickwinkel, wird das entstehende Labyrinth genussvoll ausgenutzt. Ein großes Versteckspiel ist das, wobei die Betonung auf dem Spiel liegt.

So viel Bewegung hier ist, so dreht sich doch vieles im Kreise, nicht nur die Bühne. Die meisten Figuren bleiben blass, lediglich Traute Hoess als Gertrud gelingt es zuweilen, so etwas wie Tiefe in das wuselnde Oberflächenspiel zu bringen. Dass das Stück vor allem Spielmaterial ist, zeigt sich auch dadurch, dass Haußmann Szenen neu sortiert, auseinanderreißt und Textpassagen (wie auch besagten Monolog) munter hin- und herschiebt. Das bringt dem Ganzen eine gewisse Beliebigkeit, die im finalen Schachten ihren Höhepunkt erfährt: Da torkeln die tödlich Verwundeten slapstickhaft herum, als ob sie sagen wollen: Schaut mal her, alles Theater!

Und dann plötzlich, das als schwarz-weiße enge gewandelte Akustik-Duo Apples in Space hat wieder angefangen zu spielen, schälen sich die Toten aus dem Nichts des Bühnenhintergrundes, vereinigen sich mit den Neuzugängen zu Himmel oder Hölle und gehen zu den Klängen von Bob Dylans „Death is Not the End“ ins Licht. Ein herrlich poetisch melancholisches Bild, das zum Rest des Abends nicht recht passen will, wie überhaupt gute und wirkungsvolle Einfälle mehr nebeneinander stehen als zu interagieren. Das Spiel mit dem Theater und die Interpretation Hamlets als verwirrter junger Mann finden so wenig zueinander wie das Slapstick-Massaker und die traurig-schöne Vision von der Gleichheit des Menschen im Tod. Was bleibt, ist ein tempo- wie ideenreicher Theaterabend, der unterhalten soll und nicht mehr sein will als eben das: Theater. Und das gelingt ihm ganz gut.

2 Gedanken zu „Amoklauf mit Drehwurm

  1. […] Ensemble singt man lustvoll mit Bob Dylan “Death Is Not the End”, worauf am Ende von Leander Haußmanns Hamlet all die Dahingemeuchelten in schöner Harmonie ins Licht entschwinden. Davon ist nebenan in Stefan […]

  2. […] erinnern – entwickelt der Abend nie auch nur einen Hauch der Energie, der noch Haußmanns Hamlet und Woyzeck an gleicher Stelle zu packenden Theaterabenden machte. Dieser Abend entwickelt nie […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: