Kein Zuckerschlecken

Simon Stephens: Morning, Junges Theater Basel (Regie: Sebastian Nübling)

Von Sascha Krieger

„I’m living out my life like I’m on the run“: Diese Zeile aus dem Song „On the Run“ des britischen Musikers The Spaceape ist der Schlüsselsatz der neuesten Zusammenarbeit von Autor Simon Stephens und Regisseur Sebastian Nübling, die am Jungen Theater Basel entstand und im Rahmen des zweiten Premierenwochenendes zum Auftakt der neuen Intendanz am Berliner Maxim Gorki Theater gastiert. Damit das auch jeder versteht, erscheint die Zeile zum Auftakt des Abends nicht nur per Videoprojektion auf der Rückwand, zusammengesetzt aus einfliegendem Buchstabensalat – der musikalisch hochtalentierte Darsteller Lukas Stäuble darf das dazu gehörige Werk auch gleich zum Besten geben. Überhaupt lässt Nübling, Stephens‘ Lieblingsregisseur, Dinge, die im wichtig erscheinen, gern wiederholen: Die gelangweilte Selbstserschießungspantomime etwa, das Verschütten weißen Staubes (Puderzucker?) aus trocken gelegten Getränkedosen, die kindischen Wutanfälle oder die zitternde Erschütterungschoreographie. Die Welt, die von den sechs jugendlichen Protagonisten bewohnt wird, ist eine, in der eine pseudo-harmonische Oberfläche (Zucker!) Verzweiflung (Erschießen!), zusammenbrechende Gesellschafts- und Familienzusammenhänge (Zittern!), Gleichgültigkeit (Wutanfälle!) und öde Leere (Staub!) ebenso unzureichend verbergen, wie die an der Rückwand aufgestellten Holzbretter die sich hinter ihnen versteckenden Jungschauspieler. Deutlichkeit, ja, Überdeutlichkeit ist das Grundprinzip von Morning.

„Erzählt“ wird die Geschichte von Stephanie: Verlassen von der wegziehenden besten Freundin, gelangweilt vom nicht sehr hellen Freund und nicht klarkommend mit dem Tod der Mutter, rebelliert sie gegen alles und jeden, vernachlässigt se die Mutter, bestiehlt sie den kleinen Bruder und entäußert sich ihr ganzer Welt- und Selbstekel in immer gewalttätigerem Wechsel zwischen Liebessehnsucht und brutalen Gewaltausbrüchen. Tabea Buser, die Stephanie spielt, macht es dem Zuschauer nicht leicht: So selbstsüchtig und mitleidlos legt sie ihre Figur an, dass jegliche Identifizierung, ja selbst der Versuch, einen Zugang zu dieser Furie der Zerstörung zu finden, schwer fällt. Zu extrem geraten ihre Ausbrüche, zu wenig Raum lässt ihr auch der Text, die Brüche, die diese Figur durchziehen, offen zu legen. Da hilft ihr auch Stephens‘ Genremix nicht, der Ausflüge ins Horrorfach ebenso einschließt wie eine märchenhafte Alptraumstimmung. Das schonungslose Aufzeigen dessen, was passiert, wenn Jugendliche sich selbst überlassen werden (es gibt im Stück keine Erwachsenen!), verträgt sich nicht zu recht mit diesen reichlich dick aufgetragenen Distanzierungsmitteln.

Wie so oft bei Nübling strukturieren rhythmisch akzentuierte (auch eine Trommel gibt es, gespielt von Joshua Brunner als Bruder Alex) Choreographien und diesmal zumeist aus der elektronischen Musik stammende Lieder  das Stück, lassen es aber dadurch auch fragmentarischer werden, als es ihm gut tut. Die Atmosphäre, die sie erzeugen sollen, wird konterkariert durch die Szenenbruchstücke, die kaum Raum finden sich zu entfalten. Stattdessen bleibt die  sich in Gewalt und Erniedrigung, aber auch Selbstzerfleischung niederschlagende Sinnsuche verlorener junger Menschen zu oft bloße Behauptung, erstarrt die verzweifelte Suche nach Nähe immer wieder zur Pose – auch wenn gerade Buser Momente von solcher Intensität gelingen, dass sie kurzzeitig nahezugehen drohen. Doch die nächste Tanzeilage, der nächste Rhythmuswechsel folgt bestimmt und stellt die alte Distanz wieder her.

Und so bleibt trotz des großartigen jugendlichen Ensembles, in dem auch Nico Herzig als gutmütig tumber Freund Stephen zu überzeugen vermag und aus dem Tabea Buser in ihrer radikalen Unbedingtheit in Erinnerung bleiben wird, ein Abend, der zu sehr Stückwerk bleibt und zugleich zu plakativ daherkommt, der Überdeutlichkeit mit Unentschlossenheit verbindet und nicht so recht zünden will. Was angesichts des Engagements der jungen Darsteller umso bedauerlicher ist.

Morning ist noch einmal heute, am 25.11.2013 um 19:30 Uhr im Maxim Gorki Theater zu sehen.

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