Mit virtuoser Strenge

Christoph Eschenbach und Midori zu Gast beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin

Von Sascha Krieger

Manchmal können erste Eindrücke täuschen: Wenn die japanische Geigerin Midori die Bühne der Berliner Philharmonie betritt, nimmt man sie zunächst kaum wahr. So fragil und unscheinbar, so kaum anwesend wirkt die zierliche Frau mit diesem fast scheuen, zurückhaltenden Lächeln und in ihrem sommerlich wirkenden und federleicht daher kommenden Kleid mit dem rosafarbenen Blumenmuster und der Schleife am ebensolchen Gürtel. Der große Auftritt ist nicht ihres und doch füllt sie die Bühne, so bald sie ihr Instrument aufnimmt und beginnt ihm zunächst sehr dunkle und ungemein warme Töne zu entlocken. Sofort hat sie die Zuhörer in ihrem Bann und wird sich bis zum Ende nicht loslassen, während sie Béla Bartóks zweites Violinkonzert interpretiert. Dirigiert von Christoph Eschenbach ist das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin ein aufmerksamer Begleiter, der vor allem rhythmische Akzente setzt, wo diese gefragt sind, sich ansonsten aber sehr zurückhält. Ein Dialog entspinnt sich selten und wenn, dann bleibt stets klar, wer hier das Sagen hat: die Guarneri der japanischen Ausnahmevirtuosin.

Das ist auch gut so, denn was Midori ihrem Instrument und dem Werk entlockt, ist atemberaubend. Aus dem vollen, warmen Klang des Beginns schraubt sie ihr Spiel alsbald in lichteste Höhen und bewahrt doch stets ein beinahe weise wirkende Klarheit. Besonders die Fülle der Rhythmen und Klangfarben, die das Werk hinter der vermeintlich melodiedominierten Fassade verbirgt, kitzelt sie auf faszinierende Weise heraus. Mühe- und ansatzlos wechselt sie von liedhafter Schlichtheit zu rauer Schroffheit, beherrscht die virtuosen Passagen ebenso wie die innig-melodiösen. Ihr Ausdrucksspektrum scheint grenzenlos, stets findet sie den richtigen Ton. Ob Zwölftontechnik, Folkorismus und Neoklassizismus: Glasklar stellt sie die unterschiedlichen Facetten des musikalischen Universums, das Bartók hier durchmessen lässt, nebeneinander und entfaltet aus diesen Kontrasten, die sie rhythmisch immer wieder akzentuiert, eine ungeheuere Spannung. Da macht es auch wenig, wenn das Orchester sie im zentralen Variationensatz ein wenig allein lässt und bei einer Klangfarbe bleibt, statt Midoris Spiel auf unterschiedliche Fundamente zu stellen. Mit ihrer Mischung aus Virtuosität und formaler Strenge wird sie dem Werk voll und ganz gerecht und macht seine Komplexität hörbar.

Ohne sie gerät das Konzert nach der Pause in seichteres Fahrwasser, was umso bedauerlicher ist,als nun Anton Bruckners siebte Symphonie auf dem Programm steht. fest, komapakt und opak ist das Klanggerüst, das Eschenbach von Beginn an aufbauen lässt. Solide schon der eröffnende Streicherteppich auf dem die Celli sogleich eine unverrückbare Klangmauer aufbauen. Der Fokus liegt darauf, eine Grundstimmung herauszuarbeiten, irgendwo zwischen Erwartung und Furcht, ein einleitender Satz, der Vorbereitung bleibt. Dabei verleiht ihm Eschenbach eine Schwere, die jegliche Nuancierung erdrückt. Zumal es eine Erwartung ist, die darauf durch nichts eingelöst wird. Der zweite Satz, das populäre Adagio kommt fast zum Stillstand. Die Anweisung „sehr langsam“ nimmt Eschenbach wörtlich, fast kommt hier jegliche musikalische Entwicklung zum Stehen. Was bleibt, ist ein nuancen- und spannungsarmes Einerlei, bei dem das Orchester immer ein wenig zuviel macht und die Bleischwere des Kopfsatzes fortsetzt. Hier fließt nichts, außer vielleicht die Töne, insbesondere in der scharfkantigen Erwiderung auf das Hauptmotiv, ineinander, stellt sich eine gewisse Beliebigkeit ein.

Die im Scherzo ihren Höhepunkt findet Pötzlich interessiert sich Eschenbach überhaupt nicht mehr für die Vorgaben des Komponisten, von „sehr schnell“ ist hier nichts zu hören. Stattdessen entfaltet sich der Satz in angenehm harmlosem mittleren Tempo, fehlt selbst dem treibenden Trompetenmotiv jegliche Schärfe und rhythmische Prägnanz, klingt der ganze Satz seltsam verwaschen. Der Schlusssatz gelingt dann etwas besser: Zwar ist der Hang zum Massiven weiterhin spürbar, überbetont Eschenbach die dramatischen Momente, und doch gestaltet er die liedhafteren Passagen ein wenig luftiger, stellt sich stellenweise gar so etwas wie Transparenz ein. Zählte zuvor nur der monumentale Ausdruck, erlaubt er seinem Orchester jetzt ein wenig Farbenspiel, wodurch die Konturen dieses kontrastreichen und komplexen Satzes klarer abzeichnen. Von einer wirklich schlüssigen Interpretation ist aber auch dieser Satz noch ein ganzes Stück entfernt. Nur gut, dass Midori da war.

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