Gefangen im Liebeslied

Marianna Salzmann: Schwimmen lernen, Maxim Gorki Theater/Studio Я, Berlin (Regie: Hakan Savaş Mican)

Von Sascha Krieger

Das Eröffnungswochenende ist geschafft, das erste postmigrantische Stadttheater Deutschlands ist geöffnet. Nach zwei Premieren im großen Haus ist jetzt auch das Gorki Studio in die neue Intendanz gestartet, die eher den Eindruck eines neuen Zeitalters vermittelt. Die kleine Spielstätte heißt jetzt Studio Я, benannt nach dem letzten Buchstaben des russischen Alphabets, der auch das Wort „ich“ darstellt. Um Identitäten, ihre Möglichkeit und Unmöglichkeit geht es am neuen Gorki und auch in dem Stück, das Hausautorin und Studio-Leiterin Mariana Salzmann zur Eröffnung geschrieben und dessen Uraufführung Hakan Savaş Mican besorgt hat. Nach zwei Tagen, in denen es um Migration, Heimat und die Unbehaustheit in dieser Welt ging, schwingen diese Themen auch diesmal mit, jedoch konsequent heruntergebrochen auf die kleinste – und vielleicht zugleich auch größte – Einheit des Heimischwerdens und Zu-sich-selbst-Findens: der Liebe. Schwimmen lernen erzählt von Feli, die sich in Pep verliebt, ihn nach fünf Wochen heiratet und kurz darauf Lil verfällt, nur um dieser in die einstige Heimat zu folgen. Am Ende stehen alle drei allein da, sind immer noch auf der Suche und wissen doch nicht so recht, wonach.

https://stagescreen.wordpress.com/wp-includes/js/tinymce/plugins/wordpress/img/trans.gifDas vielleicht Erstaunlichste an diesem Abend ist, wie leicht er sich anfühlt: Dieser „Lovesong“, wie der Untertitel das Stück charakterisiert, kommt als musikalisch-spielerisches Gesamtkunstwerk daher, das seinen eigenen Rhythmus entwickelt, ganz Musik und Poesie ist und doch immer wieder hart auf dem Boden dessen, was wir Realität nennen, aufprallt. Eine Geschichte ist zu erzählen, davon, „wie man etwas, das funktioniert, tötet.“ So sieht es Pep (Dmitrij Schaad, und gleich geht es um die Deutungshoheit dessen, was passiert ist und das sich bald in wie erinnerten Szenenfragmenten entfaltet. Dese schälen sich aus den Liedern des Indiemusikers Enik, die alle drei Darsteller (neben Schaad Anastasia Gubarewa und die musikalisch virtuose Marina Frenk), mal einzeln, mal gemeinsam, mal mit-, mal gegeneinander vortragen. Die enden schon mal, wie gleich zu Beginn, in wüsten Beleidigungsattacken, sind von schreien durchsetzt oder kommen in ergreifend schlichter Bewegtheit daher. Sie bilden den Klang, setzen den Ton des Abends. Meist vorgetragen vor Videoprojektionen von Meereswellen (Video: Benjamin Krieg) entführen sie in eine Traumwelt, in der alles Liebe ist und diese zwar schmerzt, aber vielleicht funktionieren kann.

Geht das Licht an, erlischt diese Illusion sofort. Denn dieses Lieben hat immer Schlagseite: Da ist Pep, der pragmatische Romantiker, der den wunderbaren Schlüsselsatz sagt: „Ich finde, wir sind gerade eine gute Idee, vielleicht, die beste, die das Universum je hatte.“ Er sagt ihn zweimal: zuerst im Schwung der ersten Liebe, ein zweites Mal, da ist Feli eigentlich schon weg. beide Male lächelt er scheu dazu und doch hat dieses Lächeln völlig unterschiedliche Wirkungen, wird aus einem charmant-liebevollen Satz ein stiller Schmerzensschrei. Schaad „bewohnt“ die rechte Seite der Bühne, Frenk die linke. Dazwischen ist Gubarewa als Feli: Mal steht sie unsicher dazwischen, nur um gleich wieder auf eine Seite zu wechseln. Am Ende ist sie wieder in der Mitte, allein, ratlos. Wie auch die anderen, die zuletzt die verklebten Fenster aufreißen und in die nächtliche Stadt hineinblicken und -atmen. Und womöglich so etwas wie Hoffnung spüren oder zumindest ersehnen.

Denn das, was sie Liebe nennen, ist ein Hin und Her von Anziehung und Abstoßung. Zunächst ist es Pep, der festhalten will und Feli, die wegläuft. Später ist sie es, die klammert und Lil, die davonrennt. Gerade in dieser Figur sind persönliche Liebessehnsucht und Migrantenschicksal wieder ganz nah: Lil ist eigentlich immer auf der Flucht. Sie kann nicht in der „Fremde“ bleiben und auch nicht zuhause. Bitterkeit und Härte zeichnen sie aus, sie wird nicht heimisch, weil sie es in sich selbst nicht ist. Auch Feli ist eine, die in der Liebe sich selbst sucht und nicht findet. Wobei die Innensicht immer auch mit dem Äußeren verzahnt ist: Wie Schaad und Gubarewa, grotesk ineinander verschlungen, als Lils Freundinnen Verständnis heucheln, nur um gleich darauf brüllend zur Anklage überzugehen, ist hochkomisch und erschreckend zu gleich. Die Welt wird als eine feindselige empfunden, weswegen man sich in sich selbst zurückzieht, nur um zu erkennen, dass da nichts ist, woran man sich festhalten könnte. Außer vielleicht die Sehnsucht, für die hier das Meer steht, das stets im Raum ist und das sie doch nie erreichen.

Schwimmen lernen erzählt vom Versuch, Heimat zu finden oder überhaupt erst denken zu können. „Ich glaube, das ist das erste Mal, dass ich bleiben will“, sagt Feli zu Pep und sie wird es auch zu Lil sagen. Und doch bleiben alle drei Unbehauste: in der Welt, miteinander, in sich selbst. Liebe, Selbstfindung, Heimischwerden: Das ist nicht zu trennen und es ist noch schwerer zusammenzubekommen. Hakan Savaş Micans Versuchsanordnung zu Marianna Salzmanns überzeugt in seiner poetischen Offenheit, seinem Schweben zwischen harter Realität und der Wunscherfüllung des Traums, er ist ein Liebeslied und ein schmerzvolles Gedicht – voller Leichtigkeit und Humor, aber eben auch erfüllt von großer Traurigkeit. er erzählt von einer Welt, die es nicht leicht macht, Heimat zu finden. Nach drei Tagen ist das neue Maxim Gorki Theater ganz bei sich angekommen. Und der erste ganz große Theaterabend war auch schon zu erleben.

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Ein Gedanke zu „Gefangen im Liebeslied

  1. […] herausragender Abende wie Small Town Boy,  Es sagt mir nichts, das so genannte Draußen und  Schwimmen lernen außen […]

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