Überleben im Zwischenraum

Lot Vekemans: Gift, Deutsches Theater, Berlin (Regie: Christian Schwochow)

Von Sascha Krieger

Eigentlich ist Gift im Regietheaterland Deutschland ja fast so etwas wie ein Sakrileg: ein Dialogstück, in dem zwei Menschen die ganze Zeit über miteinander (!) reden; in dem es um Gefühle, um Schmerz und Verletzungen, um wahres Leben geht. Dann stellt der Regisseur, Theaterdebütant Christian Schwochow, auch noch einen echten (!), funktionierenden Kaffeeautomaten auf die Bühne, kreiert mit Hilfe der dann doch ein wenig unterforderten Bühnenbildnerin Anne Ehrlich mit Hilfe von eisernem Vorhang, Wasserspender und sieben Wartesaalstühlen eine authentische (!) Warteraumatmosphäre her. Und als sei das alles noch nicht genug, lässt er seine Schauspieler Dagmar Manzel und Ulrich Matthes auch noch so glaubwürdig (!) wie möglich agieren – mit echten Tränen! So viel kaltschnäuziger Konservatismus fordert eigentlich die theatrale Höchststrafe in Form von naserümpfender Verachtung durch den fortschrittlichen Theaterkenner.  Doch dann passiert das seltsame: Dieser sich vor allem durch die Abwesenheit spürbarer Regiearbeit auszeichnender Abend, entwickelt einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Es ist ein stiller, vollkommen unpathetischer, uneitler und ungemein berührender Theaterabend, der ganz ohne aufzutrumpfen auch dieser Art von (Schauspieler)Theater ein Existenzrecht einfordert.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Dabei folgt der Text einer nicht übermäßig originellen Dramaturgie: Ein Mann und eine Frau, einst verheiratet, dann getrennt durch einen Schicksalsschlag, den Tod des einzigen Kindes, treffen sich nach zehn Jahren zum ersten Mal wieder. Einer vorsichtigen, distanzierten Höflichkeit folgt das Aufbrechen nicht bewältigter Konflikte, dem daraus resultierenden Sturm die Stille, in der ernsthaft das Unbewältigte diskutiert wird, und schließlich die vorsichtige Wiederannäherung, die Auflockerung im gemeinsamen Lachen. Das ist tausendmal erprobt und hat hier doch nichts Schales. Das hat viel mit Lot Vekemans‘ von Eva Pieper übersetztem Text zu tun, dem jegliches Pathos fehlt. Die unterschiedliche Trauerbewältigung – er muss ausbrechen, um die Trauer zu überwinden, sie klammert sich an den Verlust, weil er alles ist, was sie noch hat – wird behutsam entwickelt, in einer organischen Bewegung, der jedes Aufgesetzte fehlt. Da ist keine übermäßige Dramatisierung, aber auch keine Distanzierung im Künstlichen oder poetische Überhöhung. Vekemans hat genau beobachtet und gibt das Gesehene fast dokumentarisch wieder. Fast meinen wir, einem „echten“ Paar bei dem Ringen um die persönliche Wahrheit, die vielleicht noch ein letztes Mal eine gemeinsame werden kann, zuzusehen.

Bei Dagmar Manzel und Ulrich Mathes ist der Text in den allerbesten Händen. Wie beredt sind diese langen Pausen, in denen beide schweigen, nach dem Sagbaren suchen, bemüht nach vorn starren, aneinander vorbei und doch einander suchen ohne es sich anmerken lassen zu dürfen. Wie tief gehen die fehlgeschlagenen Berührungsversuche, die verstohlenen Blicke, die fast unmerklichen Durchbrechungen des kühlen, gewollt sachlichen Sprechens ins Warme, sehnsüchtige, Persönliche. Der berühmte spöttische Mathes-Ton ist bis auf ein Minimum reduziert, wenn er denn einmal aufblitzt, trifft er ins Mark. Dagmar Manzel dagegen lädt ihre Figur mit einer solchen Mischung aus Bitterkeit, Sarkasmus und schierer Verzweiflung auf, dass sie zuweilen zu bersten scheint. Dabei liegt die Intensität in beider Spiel nicht in den schmerzvollen Ausbrüchen, sondern in den Zwischentönen: den kaum erträglichen Pausen, den tonlos gezogenen Lebensbilanzen, den leeren Blicken. Es ist das Ungesagte, das vielleicht Unsagbare, das hier den Raum füllt, die Unmöglichkeit, einen solch elementaren Schmerz „bewältigen“ zu können und die Wut, die aus diesem Unvermögen entsteht.

„Wir sind ein Mann und eine Frau, die zuerst ein Kind verloren haben, dann sich selbst und dann einander“, sagt Ulrich Matthes‘ Figur an einer Stelle. Das Stück und Schwochows Inszenierung erzählen von Erfahrungen, die viel zu viele Menschen machen mussten und noch machen werden und die doch stets ganz persönlich, unvergleichlich und unvermittelbar sind. Darum geht es in diesem Spiel der Blicke, der Annäherungen und Abstoßungen, der Versuche sich unter Kontrolle zu halten, der Pausen, den Schweigens, Weinens, Redens und Schreiens. Inszeniert und gespielt ist das ganz subtil, unspektakulär, ohne große Gesten, bar jeglichen Pathos‘, alltäglich. Und doch ist genau das der Grund, warum dieser Abend so unter die Haut geht, mitsamt seinem lakonischen Ende. Authentizität hin, Glaubwürdigkeit her: Gift spricht über Verlust, Schmerz, vor allem aber die gleichzeitige Notwendigkeit und Unmöglichkeit weiterzuleben, auf eine Weise, die ganz tief eindringt, weil sie aus der Tiefe menschlichen Erlebens kommt. Das mag tatsächlich altmodisch sein, eindringliches Theater, das Spuren hinterlässt, ist es allemal.

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