Hinter verschlossenen Türen

Elizabeth Blonzen: Schwarz tragen, Ballhaus Naunynstraße, Berlin (Regie: Branwen Okpako)

Von Sascha Krieger

Frank ist tot. Eines Tages lag er leblos in seinem Bett. In der WG, in der er lebte, ist seitdem nichts mehr, wie es war. Das liegt auch daran, dass auch vorher wenig so war, wie es schien, wie es alle für wahr und real hielten. Denn Frank war schwul und gleiches, das erfahren wir – und die Mitbewohner – jedoch erst am Schluss, gilt für WG-Gründer Cyrus. Er ist nicht der einzige, der Geheimnisse mit sich herumschleppt: Da ist Vicki, die sich um der Juristenkarriere nicht gegen eine Vergewaltigung wehrt, Joy, die wie besessen davon ist, schwanger zu werden und erst durch eine echte Schwangerschaft „geheilt“ wird, und Eric, dessen Frauenverschleiß nur erahnen lässt, was er womöglich damit kompensiert. Denn sie alle haben ein „Handicap“: Sie sind schwarz, afrodeutsch, und sie leben in einer dediziert „schwarzen“ WG, einem Schutzraum, wie Cyrus einmal sagt, ein Rückzugspunkt vor der „weißen“ Welt – oder derjenigen derer „ohne Farbe“, wie Joy es ausdrückt – von ihren Rollenzuweisungen, Vorurteilen, Klischees und Ausgrenzungen.

In seinen besseren Momenten – und davon gibt es einige – ist Schwarz tragen, das Debütstück der Schauspielerin und Autorin Elizabeth Blonzen, ein Seismograf der Befindlichkeiten und Welterfahrung von Menschen, die ihr oberflächliches Anderssein täglich reflektiert bekommen, während die Mehrheitsgesellschaft ihre Existenz viel zu oft bestenfalls ignoriert. Etwa wenn die Bewohner leidenschaftlich diskutieren, ob die WG einen weißen Mitbewohner ver- und ertragen könnten oder wenn Cyrus (Thomas B. Hoffmann) am Widerspruch zu verzweifeln droht, einerseits den Schutzraum zu bewahren und zugleich in diese vielleicht feindliche, vielleicht auch nur indifferente Welt hinaus zu müssen, ja, zu wollen. Es ist vor allem Hoffmann, mit seiner Mischung aus lakonischer Selbstbehauptung und robuster Verletzlichkeit, aus Lebensweisheit, kindlicher Albernheit und tiefer Melancholie, der dem Abend immer wieder etwas Balance verleiht, ja, so etwas wie Würde gibt.

Denn hier geht es um etwas: um Lebenslügen und kaum erinnerte Verletzungen, um das Gefühl nicht dazugehören zu dürfen und den Trotz, es vielleicht nicht zu wollen, es geht um Stimmen, die sonst stumm bleiben, eine Lebenswirklichkeit, die wir allzu gern im Verborgenen halten. All das steckt in diesen Figuren und ihren Geschichten und bleibt doch über weite Strecken ungesagt. Das liegt zum einen daran, dass vieles schon im Text zu plakativ angelegt ist. Die kleinen alltäglichen Erfahrungen des Missverstandenwerdens, die kaum bewussten Ausgrenzungen, das nicht verschwinden könnende Gefühlt, anders zu sein, kurz: die tägliche Alltagserfahrung afrodeutscher Menschen reichen nicht. Stattdessen wird dick aufgetragen: Da muss eine Vergewaltigung durch den rassistische Sprüche abliefernden Kollegen her, da muss das Diskriminierungspotenzial durch das Schwulsein verdoppelt werden, da müssen ungemein klischeehafte Kompensierungsversuche die eigene unsichere Identität kaschieren: hier die Besessenheit mit der Familienbegründung, dort die Selbstbestätigung durch täglich wechselnde Sexualpartner.

Regisseurin Branwen Okpako verstärkt dieses Holzschnitthafte noch: Ernest Allan Hausmann als Eric und Thelma Buabeng als Joy dürfen kaum mehr tun, als überzogene Klischeebilder, karikaturenhaften Verzerrungen porträtieren, und auch Sheri Hagen als Vicki verbringt einen Großteil des Abends damit, die verbittert-verhärtet Rachsüchtige zu geben. Nur für Momente gelingt es ihr – und in geringerem Maß auch Buabeng – auszubrechen und eine dringliche Wahrhaftigkeit aufblitzen zu lassen, die berühren könnte, würde sie etwas länger anhalten. Aber das passt nicht in das lose Episodenhafte dieser Inszenierung, die irgendwo zwischen Boulevard und Seifenoper changiert und keinen rechten Ton finden will. Und so gerät der Abend über weite Strecken zur platten Klischeeschlacht, die den Blick nicht öffnet für die, um die es hier gehen soll – und unser Verhältnis zu ihnen, ja, zu uns selbst. Nein, diese Tür knallt immer wieder zu und ist am Ende fest geschlossen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: