Doppelt gehört

Zweimal Mahlers Vierte: Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Mark Wigglesworth und das Konzerthausorchester unter Iván Fischer

Von Sascha Krieger

Selbst in Berlin mit seiner hohen Dichte an hochklassigen Klangkörpern kommt es nicht alle Tage vor, dass man ein und dasselbe Werk an aufeinanderfolgenden Abenden und gespielt von unterschiedlichen Orchestern erleben kann. Ob geplant oder nicht: Mit Mahlers vierter Symphonie ergab sich jetzt diese Gelegenheit und damit ein interessanter Vergleich: Hier das von Chefdirigent Marek Janowski analytisch geschulte Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Leitung des Briten Mark Wigglesworth, dort das Konzerthausorchester mit der österreichisch-ungarischen Klangkultur, mit der sein Chefdirigent Iván Fischer das Orchester infiziert hat. Herausgekommen sind zwei vollkommen unterschiedliche Interpretationen dieses im Mahler-Kanon oft übersehene Werk.

Iván Fischer, Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin (Foto: Felix Broede)

Iván Fischer, Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin (Foto: Felix Broede)

Dass seine oberflächliche Fröhlichkeit nicht viel mehr als Fassade ist und darunter typisch Mahlersche Abgründe lauern, macht Wigglesworth deutlich. Dabei hilft ihm der präzise, detailscharfe und sachlich analytische Charakter des RSB. Von Beginn an trauen Dirigent und Orchester dem angenehmen schein nicht, gewinnt das äußert zögerliche Schwelgen im Wohlklang bald eine beißende Schärfe, vor allem in den hohen Streichern. Die betont romantische Lieblichkeit des ersten Satzes wirkt hier wie ausgestellt, wie ein Bild, das zu schön ist, um wahr sein zu können. Wigglesworth verleiht dem Satz einen Facetten- und Kontrastreichtum, der das Dunkle und Scharfe (insbesondere in den Bässen und Holzbläsern) akzentuiert und die Brüche des vermeintlich Leichten offen legt. Das gelingt auch im zweiten Satz, dem das Orchester eine unheilvolle Atmosphäre verleiht, der tanz stockt, das Fröhliche kippt ins Groteske. Harmlos ist hier nur das von Konzertmeister Erez Ofer auf einer zweiten, einen Ganzton höher gestimmten Geige, erzeugte Spiel, dem jedes Gewalttätige fehlt. Das gelingt der Konzerthaus-Geigerin Sayako Kusaka am nächsten Tag besser, die eine groteske Schärfe in ihr Spiel legt. Ansonsten ist Wigglesworths Interpretation eine, die in die Tiefe geht, Brüche sicht- und hörbar werden lässt und in höchster Transparenz den dunklen Grund an die Oberfläche holt. Das ist im Adagio des dritten Satzes gelegentlich zu viel, der Fluss, ja Sog, den dieser ergreifende Satz zu erzeugen vermag, stellt sich hier nie ein. Gelungener dann das Finale, in dem Heidi Stobers warmer und ausdrucksstarker Sopran wunderbar mit der kühlen Nüchternheit des Orchesters korrespondiert und so der Doppelbödigkeit des naiv-perfiden Volkslieds, das Mahler hier vertont, gerecht wird.

Wie anders tags darauf der Eindruck beim Konzerthausorchester und Leitung Iván Fischers: Hier dominiert ein perfekt austarierter, auf maximalen Effekt ausgerichteter filmmusikhafter Breitbandsound, der an der Oberfläche bleibt und keinen Blick auf den Kern dieser Musik erlaubt. Gerade im ersten Satz fehlt dem Orchester die Konturenschärfe, verbleibt alles im Ungefähren, von Schärfe oder Brüchen gar keine Spur. Fischer wirft sich in den romantischen Schwung dieser Musik, ohne Spannung zu erzeugen. Details sind unwichtig, der Gesamtklang, der jedoch streckenweise seltsam verwaschen wirkt, zählt. Das bleibt auch im zweiten Satz – mit Ausnahme des doppelbödigen Spiels Kusakas – so. Besser gelingt der dritte Satz, weil Fischer das Adagio sich entfalten lässt. Wirklich ergreifen kann aber bestenfalls die innige Passagen der Flöten und Klarinetten gegen Ende, ansonsten gerät auch dieser Satz ein wenig zu schwer und behäbig, wenn auch stringenter als bei Wigglesworth. Wirklich enttäuschend dann das Finale: Sopranistin Lucy Crowes viel zu dramatischer Gesang findet nie den angemessenen Ton, ihrer Stimme fehlt jegliche Wärme, während das Orchester keine Akzente zu setzen vermag. Hier überzeugt Wigglesworths Interpretation doch um einiges mehr.

An die Seite gestellt haben beide Dirigenten Mahlers Werk Stücke amerikanischer Komponisten. Beim Konzerthausorchester ist das Konzert Teil einer Hommage an Leonard Bernstein, weshalb auch Werke von ihm gespielt werden. In beiden zeigt sich erneut eine Vorliebe für die schöne Oberfläche. Das ist in den rhythmisch prägnanten, mit zahlreichen Jazzanleihen gespickten Tanzstücken aus dem Musical On the Town  noch angemessen, führt in der offen romantisierenden und reichlich unterkomplexen Serenade nach Platons „Symposion“ zu einem spannungsfreien Gesamteindruck, wobei diese Oberfläche nie zu glänzen vermag. Da passt das saubere, butterweiche und stets schmelzende Spiel des chinesischen Violinisten Ning Feng ins Bild – mit schönem Wohlklang, aber auch vollständiger Facetten- und Nuancenarmut.

Auch hier überzeugt das RSB mehr: Charles Ives‘ „Central Park in the Dark“ überzeugt durch den Gegensatz aus durchgängig schwebender Streicherfläche und an Lebhaftigkeit gewinnenden einfallenden Episoden verschiedener Instrumente und Instrumentengruppen. Hochpräzise, mit einer eindrucksvollen Mischung aus festem Fundament und rätselhaftem Irrlichtern, das irisierende Schweben der Streicher ebenso wie die organisch sich entwickelnden Einbrüche. Einheit im Widerspruch, Harmonie im Nebeneinander. Von großer Klarheit dann auch Samuel Barbers „Knoxville: Summer of 1915“. Auch hier brilliert die warm nuancierte Erzählstimme Heidi Stobers, der Wigglesworth ein festes Klangfundament baut. Das Orchester erzeugt einen friedlich-ruhigen Grundton, sein schlanker Klang öffnet den Raum für Stobers ausdrucksstarken Gesang. Ein Abend, an dem es viel zu entdecken gab – auch eine großartige Solistin.

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