Ein Mordsspaß

William Shakespeare: Titus Andronicus, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin (Regie: Sebastian Klink)

Von Sascha Krieger

17 Tote, drei abhackte Hände und eine Doppelvergewaltigung: Verglichen mit dem Blutbad in seiner frühen Tragödie Titus Andronicus sind die meisten Dramen Shakespeares harmlose Gute-Nacht-Geschichten. Lediglich die Schlussszene des Hamlet, in welcher der Autor quasi sein gesamtes Personal vernichtet kann es mit dem abschließenden Massaker des Frühwerks aufnehmen. Titus Andronicus ist ein irrwitziger Blutrausch, der zwar viele Fragen, die den späteren Shakespeare umtreiben, anspricht – jene nach Moral und macht, nach der Natur des Menschen, nach dem Treibstoff der Geschichte – aber dabei so maßlos ist, so dermaßen überzieht, dass ein Kippen ins Groteske fast unvermeidlich ist. Kein Wunder, dass Titus Andronicus seit jeher als schwächstes Stück des elisabethanischen Dichters gilt, eigentlich gilt der Stoff erst seit Heiner Müllers Interpretation Anatomie Titus Fall of Rome als hoffähig. Wie also kann man sich heute diesem seltsam entgrenzten Stück nähern?

Wir sind Aaron.(Foto: Thomas Aurin)

Wir sind Aaron.(Foto: Thomas Aurin)

Regisseur Sebastian Klink hat es mit Studenten der Ernst-Busch-Hochschule auf der Probebühne der Volksbühne probiert. Die Perspektive, die sie gewählt haben, ist die des Aaron, intriganter Strippenzieher, „Mohr“ und Geliebter der nach Rache dürstenden Gothenkönigin Tamora, die zur römischen Kaiserin wird. Aaron, der gegen Ende den bemerkenswerten Satz sagt, wenn er je in seinem Leben etwas Gutes getan hätte, täte ihm dies aufrichtig Leid. Nacheinander reihen sich die acht Darsteller auf den schwarzen, T-förmigen Laufsteg auf und stimmen in den Chor ein, der mit Inbrunst erklärt: „Ich bin Aaron“. Gegen Ende werden sie nochmals gemeinsam die selbstbewusste Reueverweigerung sprechen. Aaron, das sind wir alle, soll uns das wohl sagen. Der immerwährende Durst nach Ruhm und Macht, ob auf der großen politischen oder der kleinen privaten Bühne , nach „Erfolg“ und Ich-Setzung, das nie still stehende Perpetuum Mobile sich selbst reproduzierender Gewalt, kurz, die Welt, wie wir sie kennen: Hier ist sie auf die folgerichtige Spitze getrieben. Eine Welt, die die unsere ist, für die wir verantwortlich sind.

Immer wieder wechseln die Darsteller – ritualhaft durch Kleiderablegen und Seitenwechsel oder auch mitten in der Szene – die Rollen: Aus Tamora wird Lavinia, aus Aaron Andronicus, aus Kaiser Saturnin der zur Schlachtbank geführte Sohn des Titus. Identitäten verschwimmen, Geschlechter ebenso, jeder ist Held und Bösewicht, Unschuldiger und Schlächter, Gut und Böse verschwimmen wie Mann und Frau. So austauschbar wie die ausdruckslosen Gesichter in Großaufnahme, die über weite Strecken des Abends auf die Rückwand projiziert werden, sind die Rollen, die unschuldig weißen Gewänder des Beginns sind am Ende allesamt blutbefleckt. Kling startet in medias res, mit einer ersten Mordszene – er hätte auch den eigentlichen beginn, der hier erst später folgt, nehmen können, oder jede andere Szene – der Blutrausch kann und will nicht enden. Der interpretatorische Ansatz ist durchaus plausibel, aber ist auch ein bisschen dünn für die zwei Stunden Spieldauer.

Und so ist ein Großteil des Abends eher Theatersport, wenn auch dessen Hochleistungsvariante. Die Nachwuchsschauspieler werfen sich wild grimassierend und mit vollem Körpereinsatz in die theatrale Schlacht. Von absurdem Slapstick bis berührender Zartheit, von großer deklamatorischer Geste bis zu subtil realistischem Spiel, von greller Farce bis zu brachialer Brutalität reicht das Spektrum, das jeder der acht Akteure vermisst. Dabei kippt der Schwerpunkt schnell ins Komische, ja, Lächerliche. Auch ein Problem der Inszenierung: Hier schüttet Klink das Kind mit dem Bade aus, statt sich ironisch mit dem seltsamen Konglomerat des Stückes auseinanderzusetzen, zieht er es über weite Strecken komplett durch den komödiantischen Kakao. Da wird gegeifert und gehechelt, verkommt Saturninus zum kindisch-egoistischen Tölpel, ist Tamora etwas zu sehr intrigante Hexe und ermüdet die Bürokratenparodie von Titus‘ Bruder Markus doch recht schnell. Ohne Zweifel: Die Spielwut, aber auch das darstellerische Spektrum der acht Akteure beeindruckt und doch geht zu viel in den plumpen Zitaten (von „Full Metal Jacket“ bis „Der Untergang“) oder dem bemüht jugendsprachlichen Gepöbel unter. Das ist ein Mordsspaß, der das Publikum aber viel zu oft deutlich unterfordert. Dem Abend fehlt die Linie, viel zu lange geht es um wenig mehr als das Spiel um des Spiels Willen, ergötzt man sich in elaboriert B-Movie-haftem Armstümpfen und Kunstblutorgien und gerät die Frage nach dem Warum in Vergessenheit. Schade, denn eigentlich hat Klink darauf ja sogar eine Antwort.

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