Touch Me, Tiger!

William Shakespeare: Viel Lärm um Nichts, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Regie: Marius von Mayenburg)

Von Sascha Krieger

Let the show begin: Für seine Adaption von Shakespeares bitterböser Komödie Viel Lärm um nichts hat Nina Wetzel in der Schaubühne eine elegante Varieté-Bühne aufgebaut – umrahmt mit pinkfarbenem Leuchtstreifen, gekrönt von einer ebensolchen Muschel und ausstaffiert mit bis in den Zuschauerraum reichenden Wandverkleidungen in Zartrosa. Gleich zwei goldfarbene Vorhänge öffnen sich, um den Blick auf Kay Bartholomäus Schulze freizugeben, der im edlen Smoking und begleitet von zwei wunderbar kostümierten Revuetänzerinnen und Backgroundsängerinnen mit wunderbarer Bassstimme Leonard Cohens „Everybody Knows“ zum Besten gibt, jene sarkastisch aufgeladene und doch so nonchalant präsentierte Ballade, die uns erzählt, dass alles im Leben Schein, Betrug und Intrige sei und das doch ohnehin jeder wisse. Als Einstieg in ein Stück, in dem es um das Spiel von Sein und Schein geht, in dem sich letztlich alles – auch und gerade die Liebe – auf den Anschein, auf das Einander-Etwas-Vormachen reduzieren lässt, in dem alles Produkt von Manipulation – im Guten wie im Bösen ist – ein durchaus passender Beginn, der die Bühne öffnet für eine Revue des Künstlichen, der Kopie des Abklatschs.

Tanz den Nosferatu (Foto: Arno Declair)

Tanz den Nosferatu (Foto: Arno Declair)

Marius von Mayenburg inszeniert Shakespeares so abgrundtief böse Intrigenkomödie als Abfolge vorgefertigter Bilder, festgefressener Klischees. So wie im Stück die Paarwerdung ein extern konstruierter Vorgang ist, entwickelt der Regisseur und Übersetzer seine Geschichte aus Ab- und Vorbildern. Wechselnd zwischen Live-Spiel und Videoprojektion durchschreitet das Ensemble lustvoll einen Kriegsfilm, wechselt in expressionistischen Grusel und in Abenteuer à la Tarzan. Zwischendurch probiert man kulturelle Einsprengsel (das mexikanische Totenfest) und Gebrauchsästhetik aus Werbung und Pornografie durch. Nichts, kein Satz, kein Gefühl, keine Handlung, ist hier echt, alles ist vorgegeben und wird nachgekaut. Virtuos wechseln die Darsteller vor und in die Leinwand, am eindrucksvollsten wohl in den Szenen, in denen den Streithähnen Benedick und Beatrice vorgegaukelt wird, der jeweils andere sei in sie verliebt. Da spielen die Intriganten auf der Leinwand ihre Schmierenkomödie, während der oder die Einzufangende als Zuschauer davorsteht. Irgendwann wechselt die Perspektive, wie auch die Unterscheidung zwischen echt und gespielt, Wahrheit und Fake sich aufhebt. Hier spielt jeder eine vorgegebene Rolle, die Frage ist nur, wer dies überzeugender tut.

Und gespielt wird hier, was das Zeug hält: Zwischen Sebastian Schwarz und Eva Meckbach als Benedick und Beatrice fliegen die Fetzen, Moritz Gottwald, der sich gerade noch durch den Romeo kalauerte brilliert im grotesk überzogenen Durchexerzieren sämtlicher Verliebtheitsklischees, während Robert Beyer seine Doppelrolle als Don Pedro und Don John mit ungeahnter Wandlungsfähigkeit angeht – sein Jetset-Pedro im Tennisdress bleibt ebenso in Erinnerung wie sein Nosferatu-haft säuselnder John. Hinzukommt Schulze als Leonato und Margaret: ein mit allem zu beschreibendes leeres – und nach dem beschreiben umso bunteres – leeres Blatt austauschbarer Identitäten. Das ist streckenweise zum Niederknien, in den Tarzanposen Gottwalds, den perfekt getimten Schlagabtauschen von Schwarz und Meckbach und in den zahlreichen Liedeinlagen, die als strukturierendes Element fungieren – schließlich sind wir in einer Revue. Da wird ironisiert, ins Absurde gezerrt, aber auch emotional verstärkt. An einem Ende der Skala Schwarz‘ zwerchfellzertrümmernde Elvis-Imitation, Meckbachs raunendes „Touch Me Tiger“, gerichtet an den im Tigerkostüm steckenden Benedick, oder Gottwalds Barroom-Version von Kiss‘ „I Was Made For Loving You“, während sich auf der Leinwand das Objekt der Begierde (Jenny König) lasziv rekelt.

Am anderen Ende ist König selbst: Wenn sie zwischen Verzweiflung und Resignation „Sometimes I Feel like a Motherless Child“ ins Mikrofon haucht, weht ein kalter Schauer durch den Zuschauerraum. Denn das Spiel der Oberflächen, der Wettstreit des Rollenspiels kennt auch Verlierer. Von brachialer Wucht ist denn auch Heros Absturz, ihr Identitäts- und Existenzvernichtung. Ein perfekt inszeniertes Schauspiel auch das, aber eben eines das Folgen hat. Schulzes hilflose Wut und Königs namenloser Schmerz stehen Gottwalds geckenhafter Selbstgerechtigkeit gegenüber.

Ohne Zweifel: Das ist zuweilen etwas ich aufgetragen, da geht der Affe, dem hier reichlich Zucker gegeben wird, mitunter durch wie ein wildes Pferd. Und doch ist das über weite Strecken ein stringentes Spiel um die Konstruktion und Konstruierbarkeit von Identitäten, eine groteske Farce der Selbsterschaffung, ein Thema, das in Zeiten von Youtube, Blogs und Selfies so aktuell ist wie nie zuvor. Und ein Spiel, das scheitert in dem Moment, da es triumphiert. Denn der Preis ist hoch, jemand bleibt auf der Strecke. Da mutet der Schluss mit seiner wiederhergestellten Harmonie nur noch an wie Hohn: Gottwalds Gesicht ist längst zur fratzenhaften Maske des gar nicht mehr schönen Scheins erstarrt, im Hintergrund explodiert die Welt, das Glitzerkonfetti, das am Ende herunter regnet, glänzt kalt. Ein starker Saisonauftakt an der Schaubühne.

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