Blick in die Tiefe

Yannick Nézet-Séguin dirigiert das London Philharmonic Orchestra in der Londoner Royal Festival Hall

Von Sascha Krieger

Um ein Orchester zu verstehen, seinen Charakter zu erkennen, seine Eigenheiten auszumachen, so sagt man, muss man es in seiner Heimstatt erlebt haben – abseits der Gastspiele mit ihren sattsam eingespielten, sorgsam tourneetauglich gestalteten Programmen. Das ist so ganz richtig nicht, stimmt aber insofern, als Orchester bei ihren „Heimspielen“ Facetten zeigen, die  bei Gastspielen oft nicht zur Geltung kommen können. Und so lassen sich gelegentlich auch Klangkörper neu entdecken, die man gemeinhin in der zweiten Reihe verortet. Das London Philharmonic Orchestra ist so ein Fall: Ein Spitzenorchester zweifelsohne, aber seit jeher die Nummer zwei in der eigenen Stadt hinter dem London Symphony und in letzter Zeit auch ein wenig im Schatten des Philharmonia mit seinem richtungsweisenden Chefdirigenten Esa-Pekka Salonen. Da hilft es, als ersten Gastdirigenten einen Mann zu haben, der weltweit zu den führenden seiner Generation gezählt wird und auch in der Nachfolgediskussion um Sir Simon Rattles Posten bei den Berliner Philharmonikern, bei denen er seit 2010 wiederholt am Pult stand, immer wieder genannt wird: Yannick Nézet-Séguin. Was Dirigent und Orchester aneinander haben, zeigte ein Konzert mit Werken von Henri Dutilleux und Dmitri Schostakowitsch in der Londoner Royal Festival Hall.

Dutilleuxs Tout un monde lointain zählt zu den wenigen bedeutenden Cellokonzerten des 20. Jahrhunderts. Nézet-Séguin entwickelt das fragile und sanft schillernde Werk aus seinen Einzelteilen, wie die Entstehung eines Organismus aus einer einzelnen Zelle schält er das Stück aus vereinzelten Tönen und Noten heraus, lässt er es sich organisch entwickeln. Die Dynamik, die er dem Stück dabei verleiht, schöpft es ganz aus sich selbst, er muss keine Kontraste betonen oder Gegensätze aufeinanderprallen lassen, die Spannung, die stets eine zerbrechliche bleibt, entsteht ganz natürlich. Der Kanadier lässt das Orchester die Musik auf sich selbst zurückwerfen – und welch ein zartes, farbenreiches Wunderwerk entsteht dadurch! Es ist ein suchendes Tasten, das Nézet-Séguin entwickelt du das auf wundersame Weise zu einem ruhigen und doch nuancenreichen Fließen wird. Solist Jean-Guihen Queyras erweist sich dabei als kongenialer Partner: Auch er verweigert die große Geste, brilliert im Pianissimo, tritt in den Dialog mit dem Orchester, um gemeinsam den Tönen nachzulauschen, ihren Kern auszuloten. Ein wunderbar, zarter, hoch transparenter und die Musik zu sich selbst finden lassender Beginn.

Um einiges kraftvoller danach der Zugriff auf Schostakowitschs 13. Symphonie, eine von zwei Vokalsymphonien, in der der Komponist ungemein gesellschaftskritische Texte des damals jungen sowjetischen Dichters Jewgeni Jewtuschenko vertont hat und deren Themen von der Judenvernichtung bis hin zur angsterfüllten Atmosphäre der gerade vergangenen – und doch noch wirklich überwundenen – Stalin-Zeit reichen. Das Erstaunlichste: Nézet-Séguin gibt das Werk dem Orchester zurück, gibt ihm die Hauptrolle trotz der zeitlich dominierenden Vokalpassagen. Orchester, Chor und Solist sind hier Partner, aber die Führung gehört den Instrumentalisten. Den ersten, denn Massakern von Babi Jar gewidmeten Satz lässt er als schweren, erdigen Trauermarsch spielen, die Zuspitzung insbesondere in der erschütternden Anne-Frank-Episode entwickelt sich organisch, ist kein Ausbruch wie so oft, sondern ein natürlich entstehender Höhepunkt größter musikalischer Kraft. Gespenstisch der Nachhall im plötzlichen anschließenden Piano, das wie der von fern heran wehende Schrei all der verlorenen Seelen klingt.

Während im ersten Satz der Tuba die zentrale Rolle zukommt, gehört der zweite Satz den Holzbläsern. Auch hier entwickelt Nézet-Séguin eine streckenweise kaum erträgliche Schärfe, die stets mit höchster Klarheit – im Sinne von klanglicher Transparenz und rhythmischer Prägnanz – verbunden ist und die zuweilen ins Groteske kippt, ein Wesenszug von Schostakowitschs Musik, der in diesem Werk weniger deutlich zum Vorschein kommt als in früheren Symphonien. Der dritte satz, eine Hommage an die hart arbeitende russische Frau, hinterlässt einen schwebenden Eindruck, geprägt durch einen düsteren Teppich von Celli und Bässen, der in einer von großer Zartheit geprägten lyrischen Passage kulminiert.

Im vierten Satz lässt der Dirigent sein Orchester dunkel dräuen (in den Streichern) und grollen (im Schlagwerk), der Chor, der durchwegs wie eine zusätzliche Orchestergruppe eingesetzt wird und sich durch große Ausdruckskraft und erstaunliche Flexibilität auszeichnet, ist zu einem düsteren Murmeln reduziert, zu einem Flüstern, welches das Thema des Satzes, die Angst, eindrucksvoll wiedergibt und das auch Orchester und Solist reflektieren. Nuancenreich und detailscharf gerät dann der Schlusssatz, kontrastreich in seinem Wechselspiel lyrischer und lebhafter Passagen. Erneut öffnet Nézet-Séguin das gesamte musikalische Universum Schostakowitschs, erlaubt den Blick in die Tiefe, legt offen, was diese Musik zusammenhält, ohne ihre Konsistenz zu zerstören. Bei aller Kraft und Härte bleibt immer Raum für das Fragile, Zarte, bei aller düsteren Grundstimmung verschwindet die Poesie der Hoffnung nie. Nézet-Séguin und dem London Philharmonic Orchestra gelingt eine eindrucksvolle Interpretation von Schostakowitschs 13. Symphonie, die nur leicht durch den Solisten Michail Petrenko (Bass) getrübt wird, der in Bezug auf stimmliche Kraft und Ausdrucksreichtum ein wenig abfällt. Ein ganz starkes „Heimspiel“ ist das Konzert nichtsdestotrotz – und ein erneuter Beweis, dass auch das London Philharmonic seinen Status als Spitzenorchester voll und ganz verdient hat.

Wer das London Philharmonic trotz allem bei einem Gastspiel erleben will: Das Orchester ist in Kürze auf Europatournee und spielt unter anderem am 21. November in der Berliner Philharmonie.

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