Vom Leben

Bachs Matthäus-Passion mit den Berliner Philharmonikern unter Sir Simon Rattle, in Szene gesetzt von Peter Sellars

Von Sascha Krieger

Zu Beginn stehen sie dicht an dicht in der Mitte der Bühne in der Berliner Philharmonie, schwarz gewandet, regungslos. Dann löst sich die Traube langsam auf, gehen die Blicke aus einander, suchend, aber auch einander vermeidend. Eine Sinnsuche beginnt, gemeinsam, allein, mit- und gegeneinander, vor allem aber im Dialog. So beginnt die Aufführung von Bachs Matthäus-Passion mit den Berliner Philharmonikern, in Szene gesetzt vom legendären amerikanischen Theater- und Opernregisseur Peter Sellars. Der hat ein Trauerritual auf das Philharmoniepodium gebracht, einen Prozess der Auseinandersetzung mit dem Leiden, dem Scherz, dem eigenen Menschsein. Bachs Leidensgeschichte Christi als persönlicher Transformationsritus: Das ist im Werk selbst durchaus angelegt – in seiner dialogischen Struktur, exemplifiziert durch die Eröffnungs- und Schlusschöre, die Besetzung mit je zwei Chören und Orchestern, die wiederholten Zwiesprachen von Soloinstrumenten und Vokalsolisten.

Bachs Matthäus-Passion in der Berliner Philharmonie (Foto: Monika Rittershaus)

Bachs Matthäus-Passion in der Berliner Philharmonie (Foto: Monika Rittershaus)

Es ist ein Gemeinschaftsbildungsprozess, ein kollektives Suchen, in das auch das Publikum einbezogen ist. Es ist kein Zufall, dass immer wieder Sänger aus dem Publikum kommen, im Zuschauerraum singen, dass sich Instrumentalsolisten dort verteilen und sich im Schlusschor des ersten Teils die Chöre vermischen – miteinander, vor allem aber mit dem Publikum, das eingeladen ist, mit auf diese Sinnsuche zu gehen. Sellars betont das Gemeinschaftsstiftende dieser Passionsgeschichte, die auch zu Bachs Zeiten stets inklusiv gemeint war, an die Gläubigen appellieren sollte. Dem dienen auch die dialogischen Figurenanordnungen: im eröffnenden Chor etwa oder auch in den Passagen, in denen er Soloinstrumente und –stimmen im Wortsinn gegenüberstellt. Eine Schlüsselrolle kommt den beiden Hauptfiguren zu: Christian Gerhaher als Jesus steht im ersten Teil im Bühnenhintergrund, im zweiten weit weg auf Emporen und beteiligt sich nicht am szenischen Spiel. Er ist nicht die Hauptfigur, bestenfalls Katalysator und Projektionsfläche. Stattdessen geht es um uns, repräsentiert vom Evangelisten. Er, verkörpert von Mark Padmore, steht im Zentrum, der vertritt Jesus in den Szenen, nimmt pantomimisch das Abendmahl zu sich, wirft sich betend vor Gott, lässt sich fesseln und erniedrigen. Er, der Repräsentant der Menschheit, erleidet Jesus Passionsgeschichte, er vollführt die Transformation, der Mensch steht im Mittelpunkt, nicht Jesus. Bach hätte das kaum unterschrieben, stringent ist das allemal.

Und wird auch im Musikalischen reflektiert: Die Zeiten, in denen die Matthäus-Passion überwältigen musste, in denen Pathos und Bombast regierten, sind lange vorbei – so radikal reduziert und auf seinen Kern verdichtet wie unter Sir Simon Rattles Dirigat war das Werk jedoch noch selten zu hören. Fast spröde gerät der Klang der Philharmoniker, brüchig und fragil das musikalische Gewebe mit seinen vielen Volten und Richtungswechseln. Rattle betont die verschiedenen Komponenten, aus denen dieses Weltenmosaik zusammengesetzt ist. Da sind die trockenen, schmerzhaft schneidenden Rezitative des Evangeliumstexts, die komplexen innigen Arien, die dramatischen, menschheitsumspannenden Chöre, die schlichten, protestantisch bewegenden Choräle. Rattle stellt sie nebeneinander, grenzt sie voneinander Ab, legt die auf Brüchen basierende Struktur des Werks frei, betont die Kontraste in all ihrer Härte. Erschütternd der plötzliche Einbruch des Rufs „Barrabam!“ in der Gerichtsszene, aufwühlend das hochkomplexe Ringen des Eingangschors, bewegend die innigen, in überwältigend direkter Schlichtheit interpretierten Choräle. Bach hat in seiner Matthäus-Passion das Streben und den Kampf jedes Menschen, schlicht, das Leben, auf exemplarische Weise ausgedrückt – und Sir Simon Rattle findet dafür den idealen Ton: schnörkellos, nüchtern, von bestechender Klarheit.

Das gilt auch für den wunderbar variablen, ausdrucksstarken und facettenreichen Chor – gewohnt perfekt einstudiert von Simon Halsey – vor allem aber für die grandiosen Solisten, die allesamt bravourös singen und agieren und unter denen doch zwei besonders herausstechen: Zum einen Christian Gerhahers nüchterner, klarer, zarter Bariton. Sein Jesus hat nichts Heldisches, aber auch die Verzweiflung ist ihm fern. Diese Stimme erzählt vom Leben, vom Menschsein: kühl, ehrlich, ohne Kompromisse. Und dann ist da Mark Padmore: Sein Evangelist ist ein Ereignis, nicht nur weil er mit einer berührenden Innigkeit agiert, die nicht kalt lassen darf. Seine glockenhelle Stimme durchmisst alle Facetten von Bachs Menschheitserzählung – von tiefer Verzweiflung und schmerzhafter Hilflosigkeit bis zu klarer Erkenntnis und akzeptierender Vernunft. Er singt mit einer schnörkellosen Klarheit, die unter die Haut geht und die den Zuhörer nicht außen vorlassen kann, selbst wenn er sich Sellars‘ Gemeinschaftsimpetus entziehen könnte. Am Ende ist da wieder der suchende Blick. Hier ist nichts zu Ende, die Transformation, die wir Leben nennen, nicht abgeschlossen, nicht abschließbar. Dann wird es dunkel, nur eine kleine, einzelne Lampe brennt. Ein einfaches Schlussbild – und ein grandioses dazu. So geht ein Abend zu Ende, der aufwühlt, bewegt, erschüttert – und noch lange in Erinnerung bleiben wird.

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Ein Gedanke zu „Vom Leben

  1. […] ein wiederkehrendes gestalterisches Motiv in dieser Aufführung ist, die – wie zuvor schon die Matthäus-Passion – der britische Opern- und Theaterregisseur Peter Sellars in Szene gesetzt hat. Immer wieder wird […]

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