Potemkinscher Wartesaal

Ödön von Horváth: Don Juan kommt aus dem Krieg, Berliner Ensemble (Regie: Luc Bondy)

Von Sascha Krieger

Die Figur des Don Juan hat eine lange Tradition: Seit Tirso de Molinas Drama El burlador de Sevilla o convidado de piedra aus dem frühen 17. Jahrhundert geistert sie durch die europäische Literaturgeschichte – und wurde neben Faust zu einem der zentralen Mythen der Neuzeit. Wurde die Figur zunächst vor allem unter moralisch-religiösen Gesichtspunkten betrachtet und sukzessive immer komplexer und mit unterschiedlichsten Themen aufgeladen, erfolgte spätestens in der Romantik eine zunehmende Psychologisierung des Serienverführers, der im Zuge seiner Entwicklung immer attraktivere Züge bekam oder zumindest eine Faszination gewann, die ihm Tirso noch absprach. Im 20. Jahrhundert kehrte sich das Juan-Bild dann um: Bei Max Frisch wird er zum Mathematiker, der seinem Ruf nicht entfliehen kann und bei dem die Frauen zur handelnden Instanz werden. Ähnliches widerfährt ihm in Ödön von Horváths Don Juan kommt aus dem Krieg, in dessen Schlüsselsatz es heißt, er könne den Frauen nicht entfliehen. Besondere Ironie: Im Gegensatz zu Tirsos, Molières oder Mozarts Helden scheitern ihre Verführungen nicht – obwohl oder weil sie zumeist gegen ihren Willen geschehen.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Horváth verortet seinen Helden klar in der Moderne: Sein Juan ist ein Kriegsheimkehrer, der nicht die Frauen begehrt, sondern nur eine einzige. Seine zahlreichen Eskapaden sind Folge der Unerreichbarkeit dieser einen, die er, so analysiert es eine seiner Amouren, sich nun stückchenweise zusammensetzen müsse. Hier spielt der Weltkrieg als Zeitenwende eine Rolle, die das bürgerliche Selbstverständnis hinweggefegt hat. Ist die romantische Liebe noch möglich nach dem Weltenbrand? Horváth beantwortet die Frage nicht mit einem klaren Ja. Auch die Zerstückelung des Ichs als zentrales Diktum moderner Welterfahrung (und Literatur) äußert sich hier. Wo die Welt in Stücke zerbarst, ist die Einheit des Selbst kaum mehr denkbar.

Es lohnt sich, dies alles einer Rezension von Luc Bondys Inszenierung des Stücks voranzustellen – denn dort findet sich kaum etwas davon wieder. Eindrucksvoll die Bühne: ein gezackter, wie irgendwo herausgebrochener Monolith, versehen mit geraden und geschwungenen Linien, die wechselweise erleuchtet werden und an die Lebens- und sonstigen Linien der menschlichen Hand gemahnen, im vorderen Teil eine Art Bar eingelassen, in der vor allem eines getan wird: gewartet. Ein Wartesaal menschlichen Begehrens, eine kahle Wüste der nie erfüllbaren Sehnsüchte. Ein grandioser Bühnenraum, der während der fast zwei Stunden weitgehend leer bleibt – in mehr als einem Sinne.

Denn was darauf geschieht, entbehrt jeglicher Akzentuierung: Don Juan taumelt gleichgültig und passiv von einem „Abenteuer“ ins nächste, wird auf vielfältige Weise zum Opfer, bevor er im Schneefall und auf einem riesigen Leichentuch endgültig scheitert. Dabei ist von den großen Fragen, die das Stück aufwirft, nichts zu spüren, Bondy bedien sich eines behäbigen Historismus‘, der stimmungsvoll die Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts beschwört, inhaltlich jedoch im Ungefähren bleibt. Sein Don Juan ist trotz Samuel Finzis nuancenreichen Spiels ein zwar interessanter Melancholiker, aber eben doch nur ein scheiterndes Individuum, dem jede Universalität fehlt. Blass bleiben auch die meisten Frauenfiguren, selbst Kathrin Angerer oder Ilse Ritter können nur sehr selten irgendeine Form von Akzent setzen. Alles köchelt auf kleiner Flamme und will doch nicht zusammenkommen.

Und so präsentiert Bondy nicht mehr als eine nette, etwas traurige und zumindest ein wenig interessante Geschichte, die uns nichts sagt und sagen will, die belanglos bleibt und sich jegliche Assoziationen, Korrespondenzen oder Bedeutungsebenen entsagt. Der Abend ist exzellentes Kunsthandwerk, dem jegliche künstlerische Ambition fehlt und das aufgrund seiner unterlassenen Figurenzeichnung nicht einmal zum Schauspielertheater taugt. Schön anzusehen ist das allemal – aber eben nur ein Potemkinsches Theaterdorf.

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