Kalte Welt

Friedrich Schiller/Mario Salazar: Demetrius/Hieron. Vollkommene Welt, Deutsches Theater, Berlin (Stephan Kimmig)

Von Sascha Krieger

Wenn der Regisseur einer Uraufführung dem zu inszenierenden Stück in einer Doppelaufführung ein zweites zur Seite stellt, kann das sicherlich eine Reihe von Gründen haben. Vielleicht will er einen Kontext schaffen, Korrespondenzen ausloten, Aussagen durch Parallelität oder auch Gegensätze schärfen. Was auch immer der jeweilige Beweggrund sei: Es spricht zumindest nicht dafür dass dem Text selbst zugetraut wird, in seiner ersten Inkarnation auf einer Bühne  für sich selbst zu stehen. Da hilft es auch wenig, die Uraufführung besonders prominent zu platzieren, etwa zur Spielzeiteröffnung. Trotzdem hat Stephan Kimmig für die Uraufführung von Mario Salazars Hieron. Vollkommene Welt genau diesen Weg gewählt. Warum, erschließt sich auch nach diesem in seiner Gesamtheit misslungenen Abend nicht.

Foto: Sascha Krieger

Foto: Sascha Krieger

Dabei kann ausgerechnet Kimmigs Interpretation des uraufgeführten Werks weitgehend überzeugen. In Hieron. Vollkommene Welt stellt Salazar Fragen nach Macht und Ohnmacht, Unterdrückung und Aufbegehren, dem Glücksversprechen von Diktaturen und der Wirkung, die Unterdrückung auf den Menschen hat. Das Stück spielt in einer albtraumhaften Zukunftswelt: Der Diktator Hieron hat die Erde befriedet, die Menschen sind ausschließlich zu Arbeitskräften reduziert – er habe aus leben Arbeit und aus der Welt eine Maschine gemacht, heißt es an einer Stelle – Produktivität ist der alles zusammen haltende Grundwert. Wer überflüssig ist, ergo seine Arbeit verliert, wird hingerichtet. Berührungen sind verboten, es gibt keine Privatheit, die Gesamtheit des Lebens ist reglementiert, die Menschen fügen sich – meist mit Begeisterung – in ihr Schicksal. Salazar spielt das an zwei beispielhaften Figurengruppen durch: einer „normalen“ Arbeiterfamilie auf der einen, dem Duo Hieron-Simonides (Hierons Berater) auf der anderen. Das ist alles nicht gerade neu, etwas plakativ geraten und auch ein wenig holzschnitthaft konstruiert, wobei die betont archaisierende Sprache ein Übriges tut.

Stephan Kimmig gelingt es jedoch, Salazars Text in atmosphärisch dichter Form auf die Bühne zu bringen, die Katja Haß mit Plattenbaufragmenten vollgestellt hat, deren Funktion unklar bleibt. Die dröhnende Stille in den Familienszenen, leise wie von fern herüberwehende Opernarien beim Auftritt Hieron: Kimmig zeichnet das Bild einer verlassenen, einer leeren Welt, die alle Rudimente von Zivilisation und Wärme beseitigt hat, einer Welt ohne Zeit (auch diese wurde abgeschafft zugunsten nie endender Zirkularität) und Raum, die doch so klaustrophobisch ist, dass es frösteln macht. Hieron, von Felix Goeser als gebrechliches Wrack gezeichnet, presst seine Sätze ebenso mechanisch und monoton rhythmisch daher wie die Arbeitsmaschinerie arbeitet. Auch der Erschaffer der entmenschlichten Welt ist längst Roboter geworden – anders als die, deren Menschsein er nehmen wollte. Da ist Michael Goldberg, der verzweifelt gegen die Leere anrennt, aber auch Judith Hofmann, die sich in stiller Festigkeit in ihr Schicksal ergibt, aber auch dies als bewusste Entscheidung verwirklicht. Hier scheint vielleicht Hoffnung auf in dieser düsteren Zukunftsvision, die in ihrer Radikalität vielleicht – vom Text her – zu eindimensional gestrickt ist, deren Konsequenz, die eine des auch uns nicht unbekannten Strebens nach Effizienz auf allen Lebensebenen, nach dem Primat der Leistung, eines Utilitarismus, der in unsere Lebenswirklichkeit längst Einzug gehalten hat, auch wenn er sich freundlicher verkauft als zu Zeiten des Frühkapitalismus aber auch des „real existierenden Sozialismus“, ist. Die Kälte, mit der Kimmig den Raum flutet, ist keine einer plumpen Anti-Utopie, sondern die einer ganz realen Gefahr.

So weit, so gut, doch darauf will Kimmig es nicht beruhen lassen und fährt den Theaterkarren nach der Pause krachend gegen die Wand. Schillers Demetrius-Fragment soll gegeben werden, jene Parabel um Macht und Moral und Legitimität und Herrschaftsanspruch, die mehr mit seiner Gegenwart und dem aufstrebenden Bürgertum zu tun hatte als mit den Thronfolgekämpfen im Russland des 16. Jahrhunderts. Felix Goeser ist dieser Demetrius, eigentlich Dmitri, der Anspruch auf den Zarenthron erhebt. Hier mutiert er zum dauerpanischen Paranoiker, der so lange gehetzt über die Bühne rast, bis auch der letzte vergessen hat, warum eigentlich. Kimmig setzt wirkungsvoll Videoelemente ein: So steht Goeser halbnackt in der Reichstagsszene hinter einem Gazevorhang, auf den die Gesichter der Fürsten riesenhaft projiziert werden. Das ist ebenso eindrucksvoll wie dünn. Ein Spiel von Macht und Machtbehauptung soll es wohl sein – schon bald hebt sich der Vorhang und die „Riesen“ stehen geschrumpft neben dem Prätendenten. Nur interessieren Schillersche Machtanalysen und -philosophien kaum: Pappkameraden sagen ihre Verse auf , lediglich Hofmann und Ole Lagerpusch dürfen kurzzeitig – in resignativer Stille oder hilfloser Unruhe – das Dauergeplapper durchbrechen, ansonsten passiert hier nichts inmitten all der albernen Kostüme, allzu deutlichen Anspielungen, hektisch heruntergebrüllter Texte. Mit dem ersten Teil des Abends hat das gar nichts zu tun, hier steht nichts in Beziehung oder prallt aufeinander, es ist lediglich eine beziehungslose Abfolge einer dichten und konzentrierten Inszenierung, gefolgt von einem planlosen Laienspiel. Die Frage nach dem Warum bleibt unbeantwortet.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: