Bevor das Eis schmilzt

Maria Milisavljevic: Brandung, Deutsches Theater (Box), Berlin (Regie: Christopher Rüping)

Von Sascha Krieger

Das Rauschen des Meeres, das Schreien der Möwen: Hin und wieder ist sie zu hören, die titelgebende Brandung in der Uraufführung von Maria Milisavljevics Stück. Eine Illusion, erzeugt durch Benjamin Lillie, ein Mikrofon und ein paar Soundeffekte. Auf Jonathan Mertz‘ Bühne tost kein Meer, alles Wasser ist hier längst zu Es erstarrt. Im Wortsinn: Zentrales Bühnen Element ist eine Wand aus Eisblöcken, die im Laufe des Abends langsam zu schmelzen beginnen. Das Meer, das Wasser im Allgemeinen, ist Fluchtpunkt in Milisavljevics Text, im guten wie im schlechten Sinne: Ort der Ruhe, des Zu-Sich-Kommens, aber auch Symbol des Weglaufens – vor der Welt, vor sich, vor dem, was schmerzt. Das Meer als See von Tränen, das gefrorene Wasser als Zeichen der Erstarrung: Der Text ist voll von ebenso klaren wie eindrucksvollen Wasserbildern. So ist das Rauschen des Meeren mehr als ein Sehnsuchtspunkt: Es steht auch für das Unstete, das Ungesagte, das Unerledigte – wie das unaufhörliche Rennen, ein weiterer Topos des Stück. So stark ist die Sehnsucht nach Stillstand, nach Ruhe, nach einem Zur-Ruhe- und Zu-Sich-Kommen – und so unerreichbar.

Brandung ist einer der stärksten Theatertexte der letzten Jahre, obwohl – oder weil? – er in erster Linie epischer Natur ist. Eine namenlose Ich-Erzählerin breitet einen Kriminalfall aus: Karla, ihre Freundin, Mitbewohnerin und Nebenbuhlerin, ist verschwunden, gemeinsam mit Vlado, beider Freund und Geliebter, und Schwester Martina, macht sie sich auf die Suche und taucht ein in einen Sog, der sie schon bald aus der Suche nach der Freundin in die Suche nach sich selbst, nach dem eigenen Ort in der Welt, nach dem Platz im Geflecht derer, die am nächsten scheinen führt. Milisavljevics entspinnt ein faszinierendes Netz aus Krimielementen, Psychodrama, Tagträumereien und surrealistischem Zerrspiegel, in dem die Zeit ritualhaft beschworen wird und doch schon bald zerfließt, wie das Meer. Heute, Gestern, und Morgen sind kaum mehr unterscheidbar, Geschichten von Flucht und Heimatlosigkeit treffen auf ungesagte Familiengeheimnisse und über allem steht die Frage nach dem Ich, der Identität. Hinter dem Verschwinden kommt eine Dreiecksgeschichte zum Vorschein, die vielleicht ein Vier- oder Fünfeck ist und doch immer wieder auf den Einzelnen zurückführt. „Ich“, Vlado, Martina, Karla: Sie alle sind Verlorene, Angespülte, versucht die Augen nicht zu öffnen, in der Hoffnung, innen drin die Stille zu finden, derer sie so bedürfen.

Christopher Rüping hat diesen schwierigen epischen Text kongenial auf die Bühne gebracht: Unaufhörlich tropft das schmelzende Eis und liefert den Herzschlag in dieser nur scheinbar heilen und normalen Welt. Christoph Hart, ein seltsames Fabelwesen mit Fischschwanz, hat eine stimmungsvolle wie anspielungsreiche Bühnenmusik komponiert, die verstärkt, ironisiert, gegensteuert – und die spricht, wo die Figuren, die sich nur mühsam aus dem Text schälen, schweigen oder ihre Sprachlosigkeit schreiend überspielen. Im Mittelpunkt steht Natalia Belitski als Erzählerin. Sie ist die eine Hauptfigur, die Sprache und ihr zwingender Rhythmus, ihr unentrinnbarer und unvorhersehbarer Fluss die andere.

In Natalia Belitski kommen sie zusammen: Wie sie die Sprache mit ihrer klaren, festen und doch unerhört biegsamen Stimme formt, wie sie dem Text mit ihren Augen und Händen Gestalt verleiht, wie sie zwischen realer Körperlichkeit und flüchtigem Traumgebilde changiert, von Sicherheit zu Verletztlichkeit, Gewissheit zu Ratlosigkeit wandelt, ist atemberaubend. Benjamin Lillie als Vlado ist Sparringspartner, Projektionsfläche, er bestätigt, wo Fragen entstehen, ironisiert, wenn Gewissheiten drohen, er ist mehr Spiegel- und Zerrbild als Akteur. Auf der anderen Seite steht Martina, normalerweise von Barabara Heynen verkörpert, in der rezensierten Aufführung durch Johanna Berger verkörpert. Sie ist die Realitätsfläche, der sich die anderen Stellen müssen, unerbittlich, kompromisslos. Der Vernunftpol, wo Vlado für die Fantasie, den Traum steht.

Und doch ist das alles nicht so einfach, stehen wir mehr als Prototypen, als verkörperten Prinzipien gegenüber, entstehen doch alle Figuren aus dem Meer der Sprache, steigen an die Oberfläche und sinken wieder herab. Die Sprache ist die Brandung, die nicht enden will, nicht enden kann. Gegen Ende wird es ganz still. Das Eis ist zerbrochen, Hart spielt zauberhafte Akkorde auf der Harfe, Ruhe ist eingekehrt. Frieden oder nur Vereisung der Gefühle, Versteinerung des Ichs? Rüping verweigert Antworten wie sie auch der Text verweigert. Es bleiben Fragen – und ein Theaterabend, der so tief berührt wie lange keiner. Ein kleines Theaterwunder im gar nicht ewigen Eis.

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