Glänzende Fassade

Die Berliner Philharmoniker unter Leitung von Karl-Heinz Steffens

Von Sascha Krieger

Dirigentendebüts sind bei den Berliner Philharmonikern in jeder Spielzeit an der Tagesordnung. Immer wieder stehen Dirigenten zum ersten Mal an einem der begehrtesten Pulte der Musikwelt – und hoffen stets auf eine baldige Wiedereinladung. So alltäglich das ist: Wenn Karl Heinz Steffens die Philharmoniker zum ersten Mal dirigiert, ist das etwas besonderes, schließlich ist er alles andere als ein Unbekannter: Zwischen 2001 und 2007 war Steffens Solo-Klarinettist des Orchesters, das wer verließ, um sich auf seine Dirigentenkarriere zu konzentrieren. Nun kehrt er zu den einstigen Kollegen zurück – unter denen mit Andreas Ottensamer auch sein Nachfolger ist –die Freude ist spürbar und ähnlich groß wie die spannende Erwartung. Eine triumphale Rückkehr ist es leider nicht geworden, zu wenig vermag Steffens eigene Akzente zu setzen, zu ereignisarm plätschert das Konzertprogramm dahin.

Die Berliner Philharmoniker (Foto: Berliner Philharmoniker / Monika Rittershaus)

Die Berliner Philharmoniker (Foto: Berliner Philharmoniker / Monika Rittershaus)

Dabei hat er es durchaus sorgfältig ausgesucht: Mit Franz Schubert und Bernd Alois Zimmermann hat er zwei Komponisten in den Mittelpunkt gestellt, die zu Lebzeiten verkannt wurden und erst nach ihrem Tod die gebotene Anerkennung erhielten. Ihnen hat er mit der Leonoren-Ouvertüre Nummer 3 von Ludwig van Beethoven ein Werk vorangestellt, das erst in seiner zweiten Inkarnation als eigenständiges Orchesterwerk seinen Platz im musikalischen Repertoire gefunden hat. Und das an diesem Abend schon deutlich macht, wo sein Hauptproblem liegen wird: Genussvoll und mit meist verzücktem Gesichtsausdruck wirft sich Steffens in den melodischen Reichtum des großen Komponisten, macht weit ausgreifende Bewegungen, so als wolle er das ganze musikalische Universum in den Saal der Philharmonie holen. Heraus kommt dabei jedoch wenig mehr als glänzende Oberfläche. Steffens genügt der schöne Wohlklang, in die Tiefe geht er nicht. Der Klang bleibt intransparent, Spannung stellt sich nie ein. Näher war die komprimierte Dramatik des Werks nie an der Salonmusik.

Das ist bei Schubert leider nicht viel anders: Die Ouvertüre zu seiner Bühnenmusik Rosamunde kommt recht eindimensional daher, immerhin setzt er diesmal dramatische Akzente, die sich jedoch vor allem in deutlich zu schwer geratener Wuchtigkeit äußern. Auch hier gewährt er keinen Einblick in die musikalische Komplexität des Werks, erlaubt den italienisch anmutenden Passagen keinerlei Leichtigkeit und bleibt erneut nur an der Oberfläche. Schuberts dritter Symphonie, lange als leichtgewichtiges Jugendwerk belächelt, ergeht es kaum besser: Dabei nimmt er den Schwung des Werks auf, auch wenn beispielsweise der tänzerische Ansatz des zweiten Satzes ein wenig gebremst daher kommt. Die Philharmoniker schenken dem Werk einen vollen, glitzernden Klang, doch auch hier fehlt die Durchsichtigkeit, die durchaus spannenden kompositorischen Finessen des 18-jährigen Komponisten kommen nicht zum Vorschein. Steffens geht hier jeder Sinn für Feinheiten ab, stattdessen lässt er seine Opernexpertise walten und erdrückt damit das filigrane Gebilde zu oft in oberflächlich dramatischer Schwere.

Das ist auch bei Zimmermanns Sinfonie in einem Satz der Fall, in welcher der junge Komponist seine Kriegserfahrungen verarbeitet hat. Plakativ stellt Karl-Heins Steffens die gewalttätig marschartigen Passagen den verloren schwebenden getragenen Klangflächen gegenüber. Das Ergebnis ist paradox: Statt Spannung zu erzeugen, heben sich sie Widerparts weitgehend auf, beschränkt sich doch der Interpretationsansatz auf dem Widerstreit von laut und leise. Für die um einiges vielfältigeren Klangwelten Zimmermanns bleibt da kein Platz. Etwas besser gelingt die Orchesterpartie in Zimmermanns sprödem Canto di speranza für Cello und Orchester. Behutsam tastend, mit fast kargen Klangeffekten nähert sich das Orchester dem fragmentarischen Material Zimmermanns, lässt dabei zunächst aber den Solisten Ludwig Quandt, im Hauptberuf 1. Solo-Cellist der Philharmoniker, lange allein, erst im letzten Teil des Werks kommt die eigentlich gewünschte Einheit von Solostimme und Orchester zustande. Quandt entledigt sich seiner Aufgabe dabei mit Bravur: Hochexpressiv laviert er zwischen rauer Schroffheit und inniger Kantabilität, bringt sei Instrument zum Singen wie zum schmerzerfüllten Stöhnen und durchmisst dabei ein Ausdrucksspektrum, welches Steffens das Orchester bestenfalls andeuten lässt. Am Ende strahlen die Musiker mit ihrem ehemaligen Kollegen um die Wette, Abzuwarten bleibt, wann sie sich in dieser Konstellation wiedersehen werden.

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