Alles auf Ende

She She Pop: Ende, Hebbel am Ufer/HAU3, Berlin

Von Sascha Krieger

Am Anfang ist das Wort. Langsam schält es sich aus dem Dunkel, in dem diese Schöpfungsgeschichte beginnt. Eine Schöpfungsgeschichte, der es nur um eines geht: ein Ende zu finden. Dieses im Auge zu haben, ist für jeden Anfang entscheidend, denn, so referiert Sebastian Bark zu Beginn, dass etwas anfängt, bedeute nicht, dass es auch ende, und dass etwas nicht ende, hieße nicht, dass es gut sei. Man sagt, jedem Anfang wohne ein Zauber inne, doch was nützt er, wenn er kein Ende, kein Ziel hat? Und so geht es zunächst um Anfänge, denn ohne sie kein Ende. Und wo findet man den ultimativen Anfang, wenn nicht in der biblischen Schöpfungsgeschichte? Einer, die ein klares, zeitlich vorgegebenes Ende hat, das wiederum einen Anfang beinhaltet, ihn erst ermöglicht. Und so geht es eben auch um dieses konstruktive Element des Etwas-Zu-Ende-Bringens, die Öffnung des Möglichkeitsraums für viele neue Anfänge.

Zunächst aber ist da Meat Loaf: Noch im Dunkeln singt Lisa Lucassen „Bat out of Hell“, den Titelsong seines gleichnamigen Album, das aus sieben Stücken besteht, die schön mit den sieben Tagen der Schöpfung korrespondieren. In ihm geht es – wie immer wieder auf dem Album – um das Enden und Neuanfangen und auch das Singen ist ein solches Ende, ein Exorzismus, wie Lucassen berichtet: Indem sie das gesamte Album singt, befreit sie sich von seinem Zwang, den es seit ihrer frühen Jugend ausgeübt hat. Und so ähnelt das hochgeklappte Erdenrund der Bühne auch einer Schallplatte, wird die Sängerin zu den Himmlischen Heerschaaren, wechseln Meat Loaf und Gott die Plätze.

Es wäre keine Schöpfungsgeschichte ohne Gott, ohne Adam und ohne Eva. Mieke Matzke ist Gott, beschäftigt damit, Ordnung ins Chaos zu bringen, in dem sie alles, was sich während der Proben angesammelt hat, fein säuberlich sortiert. Dabei stellt sie sich essenzielle Fragen wie: „Was ist das und wo kommt das hin?“ Das Namengeben, das Zuordnen von Bedeutungen als Ordnungsprinzip. Ilia Papatheodorou ist Eva und will das Bild der Frau am eigenen Beispiel dekonstruieren. Dazu arbeitet sie sich an Geschlechterklischees ab, welche die anderen an die Rückwand geschrieben haben. Sebastian Bark wiederum arbeitet daran, sich in seiner Bewegungsfreiheit immer weiter einzuschränken, bis er zu nichts mehr zu gebrauchen sei. „Ende ist, wenn nichts mehr geht.“ Wird er sagen. Es geht also, so ließe sich zusammenfassen, um die Überwindung des Bestehenden, das Schaffen von Sinn, das Sich-Klammern an die Vergangenheit, den Zwang nützlich zu sein, das Eingezwängtsein in Rollenvorgaben. Ein Ende also, das befreit, das den Raum freimacht für nie gedachtes Neues, ein Ende, das Voraussetzung ist für Zukunft, das Schlussmachen als Zukunftsvision.

Die vier Darsteller von She She Pop spielen das überaus virtuos durch, im stetigen Wechsel aus Tag und Nacht, Licht und Dunkel, Sehen und Hören. Sie scheuen das Alberne nicht, kratzen immer wieder an der Grenze von Allgemeinem und Persönlichem, Spiel und Privatem. Und er ist ehrlich genug, den Wunsch nach einem Ende als Utopie zu entlarven. Nur Etappensiege seien möglich, sagt Papatheodorou. So kommen immer wieder neue Klischees zur Liste hinzu, die nicht mehr abgearbeitet werden können, kann selbst der Gefesselte noch seinen erlernten Dominanztrieb ausleben, fegt „Gott“ am Schluss die fein sortierte Ordnung wieder zusammen. Dass etwas kein Ende hat, so könnte man das Eingangsstatement variieren, heißt auch nicht, dass es nicht gut ist, vielleicht sind Ende und Anfang nicht nur ohne einander nicht zu denken, womöglich sind sie sogar ein und dasselbe. Und ob das einzige wirkliche Ende des Abends, das Komplettieren des Albums, den gewünschten Effekt hat, bleibt abzuwarten.

Das trägt eine Weile und scheitert letztlich dann doch an seiner Repetitivität. Irgendwann erlischt das Interesse daran, womit Bark sich als nächstes fesseln oder knebeln wird, welches Ordnungsprinzip Matzke nun ausprobiert, womit sich Papatheodorou als nächstes deformiert. Da ist die dramaturgische Decke doch zu dünn, sie trägt die 90 Minuten Dauer nicht und so kommen zur Dauerwiederholung auch immer banalere narrative Einschübe, die das Gedankengebäude zunehmend bedrohen. Der Spannungsbogen bricht zusammen, mit fortschreitender Dauer kehrt eine einschläfernde Routine ein, die jegliches Interesse an dem, was da passiert, abtötet. Das Grundproblem des Abends ist, dass er zwar eine spannende These und eine überzeugende Grundidee hat, dort aber stehenbleibt. Das Herunterspulen dieser Idee ist dann eben doch zu wenig. Und so kann es passieren, dass auch dem geneigten Rezensenten, der sein Notizbuch schon längst zugeklappt hat, irgendwann – aus dem freien Gedankenspiel oder dem einsetzenden Halbschlaf voraus – eine andere Stimme erscheint, ende Fabian Hinrichs, der sein Mantra aus René Polleschs Kill Your Darlings herausbrüllt: „Da fehlt doch was! Das reicht doch nicht!“

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