Im Reich der tanzenden Oma

Gob Squad: Western Society, Hebbel am Ufer/HAU2, Berlin

Von Sascha Krieger

Die westliche Gesellschaft steckt ja bekanntlich spätestens seit Beginn der weltweiten Finanzkrise im Jahr 2008 in einer Identitätskrise. Was sind ihre Werte, was ihre Existenzberechtigung, wodurch zeichnet sie sich aus und ist der Kapitalismus als ihre wirtschaftliche Grundlage eigentlich wirklich alternativlos? Fragen, die immer wieder, in unterschiedlichsten Schattierungen und mit variierenden Vorzeichen gestellt wurden und werden und die zu mindestens ebenso vielen Antworten führen, wie es Fragen gibt. Da trifft es sich, dass die deutsch-britische Gruppe Gob Squad das Herz der „Western Society“ gefunden hat: Es schlägt in  einem Youtube-Video, das zum Zeitpunkt seiner Entdeckung ganze vier Aufrufe hatte (mittlerweile sind es fast 200!) und eine Familienfeier samt Karaoke-Performance zeigt und in einem Wohnzimmer im kalifornischen Santa Barbara (westlicher geht es kaum) gedreht wurde. Es zeigt: Kuchenessende, mit ihrem Smartphone spielende und in einem Magazin blätternde Familienmitglieder. Mittendrin singt einer „Pretty Woman“, im Hintergrund tanzt die Oma.

Das ist alles? Ja, und doch finden Gob Squad darin genug für einen fast zweistündigen Abend. Der beginnt richtig stark: Beginnend mit einer Million Jahren v. Chr. setzt auf einer Videowand ein Countdown ein, der uns bis in die Jetztzeit bringt, begleitet zunächst von Urwaldgeräuschen, später dringen Lautsplitter der Menschheitsgeschichte durch. Dann erscheinen zunächst zwei nackte Gestalten, kurz darauf zwei weitere, die sich fragend umblicken und zuletzt goldglänzende Kleidungsstücke anlegen. Die Menschheitsgeschichte als auf das kalifornische Karaoke-Video zulaufendes Narrativ: Das hat ironisierende Kraft und ist inhaltlich gar nicht mal so falsch. Denn liegt in banaler Selbstausstellung dieser Art nicht tatsächlich so etwas wie der Kern unseres gern so genannten Internetzeitalters?

Und so passt es, dass die goldgewandeten Narzisse sich nun daran machen, das Video nachzustellen. Dies geschieht in einem passenden Wohnzimmerambiente, in das der Zuschauer bald nur über die vorgeschobene Videowand blickt. Ein gewohnter Blick, denn ist denn heute nicht jede Realität primär eine vermittelte, ja indirekte? In dieser Scheinwelt macht man sich bald an die Charakterisierung der Figuren, die bald mit Hilfe von Zuschauern nachgestellt werden. Später bricht die Gruppe auf, die Gob-Squad-Mitglieder übernehmen und liefern sich einen Wettkampf im virtuellen Wahrmachen ihrer Sehnsüchte und Fantasien: Das beginnt mit dem nachgeholten Abschiedsgespräch mit dem verschwundenen Vater und führt zum Durchspielen von Zukunftsszenarien mit potenziellen Ehegatten. Das Video wird zum lebendigen Bild und zum multiplen Möglichkeitsraum, in dem sich Vergangenheit und Zukunft verschränken und beide nur noch als Projektionen eigener Interessen existieren – so wie die Wirklichkeit so oft bloße Repräsentation ist.

Dass das auch mit Macht zu tun hat, verschweigen Gob Squad nicht: da ist der Wettstreit der vier Darsteller um die Besetzung des Möglichkeitsraums Bild, da sind die Kopfhörer, durch welche die mitspielenden Zuschauer Anweisungen erhalten, die sie dann umsetzen. Wenn am Ende einer von ihnen sagt, er wolle nicht mehr das tun, was ihm eingeflüstert wird, geschieht auch dies auf Anweisung. So wie es uns zunehmend schwer fällt, Realität zu erkennen, weil alles nur noch Vermittlung und Projektion und immer stärker die Frage in den Raum tritt, ob das Konzept einer „Wirklichkeit“ überhaupt noch haltbar ist, so verschwimmen hier die Grenzen zwischen Fremd- und Selbstbestimmung, wird die Möglichkeit zu letzterer zu einer immer weniger plausiblen Annahme. Und so lässt sich das Gruppenbild mit tanzender Oma als intakte Familie oder als Zeugnis der Vereinzelung des modernen Menschen interpretieren. Wer die Deutungshoheit hat, definiert die Wahrheit. Vielleicht ist das als Grundaussage ein wenig platt – stringent ist es allemal an diesem überaus ironischen, intelligenten und unterhaltsamen Theaterabend.

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Ein Gedanke zu „Im Reich der tanzenden Oma

  1. Maren Kumpe sagt:

    Ihre Kritiken lese ich wirklich am liebsten!
    Viele Grüße, Maren Kumpe

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