„Das bringt doch nichts!“

Joanna Praml: Wenn du nicht mehr da bist. Rechercheprojekt mit drei Generationen, Theater an der Parkaue, Berlin (Regie: Joanna Praml)

Von Sascha Krieger

Man kann dem Club 4 des Berliner Theaters an der Parkaue wahrlich nicht vorwerfen, die jungen Theaterbesessenen würden sich mit Unwichtigem aufhalten, nein, die großen Themen sind es, die sie umtreiben. Zuletzt widmeten sie sich – sehr kreativ, verspielt und unterhaltsam – dem Thema Liebe: in ihrer gefeierten Arbeit Romeo und Julia, mit der sie es unter anderem auch zum Theatertreffen der Jugend schafften. Jetzt gelang ihnen der nächste Sprung: mitten hinein ins Repertoire des Theaters an der Parkaue. Und wieder ist es ein ganz großes Thema, das sie gemeinsam mit Regisseurin und Club-Leiterin Joanna Praml erarbeitet haben: Es geht um Abschiede im Allgemeinen und um den größten, einschneidendsten und unwiderruflichsten von allen, den Tod. Starker Tobak für die zehn Spieler an der Grenze zum Erwachsensein. Und doch ist es ein typischer Club-4-Abend geworden, wenn es denn so etwas gibt: Spielerisch, unterhaltsam und streckenweise hochkomisch nähern sie sich auf vielfältige Weise und mit unterschiedlichstem Blickwinkeln diesem so schwer erträglichen und nicht leichter fassbaren Thema, dem das spürbar gut tut. Dem Zuschauer ergeht es ähnlich.

"Komm, süßer Tod" (Foto: Christian Brachwitz)

„Komm, süßer Tod“ (Foto: Christian Brachwitz)

Zunächst dominiert ein leichter Ton: Leon Blaschke setzt ihn, indem er schelmisch grinsend auf das Publikum zugeht, behauptet, er würde bald sterben und fragt, ob denn nicht jemand mit ihm schlafen wolle. Auch später, wenn die Darsteller erzählen sollen, was sie in den letzten Wochen, Tagen, Minuten ihres Lebens tun würden, ist Sex ein Dauerbrenner, ebenso wie Drogen. Das dürfte man authentisch nennen, wenn das Wort nicht im Theaterkontext mittlerweile einen so schlechten Ruf hätte. Zuvor geht es aber noch mal um Abschiede: Da wird ein Bild vom Romeo-und-Julia-Projekt projiziert und der Abschied von der Gruppe, die im Zuge des Erwachsenwerdens tatsächlich vor der Auflösung steht, in einer augenzwinkernden Trauermesse zelebriert. Jeder darf reihum – charakterisiert – durch die Gruppe, „Tschüss“ sagen und abtreten. Das ist höchst unterhaltsam, vollkommen unsentimental und vermag in kurzen Augenblicken sogar ein wenig zu berühren.

Und es bildet den Auftakt zu einem furiosen Ritt über den Tod und das Abschied nehmen: Da werden Geschichten vom gestorbenen Hund erzählt, da wird ein mexikanisches Totenfest zelebriert, samt Auftritt eines stark berlinernden Todes, da werden Briefe oder E-Mails an ein ehemaliges Gruppenmitglied verlesen und Abschiedsszenarien – etwa das rituelle verbrennen der Kostüme aus fünf Jahren Club-Arbeit – diskutiert und durchprobiert. Später wird „Himmel TV“ gegeben, in dem Neuankömmlinge im Jenseits fröhlich in die Kamera winken dürfen. Dramaturgisches Verbindungstück ist dabei Felix Klinke, der vor einem Jahr in die USA aufgebrochen ist und dessen Abschied hier exemplarisch als Spielgrundlage dient. Etwas fragwürdig die Grundannahme, er sei gestorben, deren Widerlegung durch sein auftauchen während der Totenbeschwörung, Gruppendynamiken in Gang bringen soll und doch das dramaturgische Gebälk gehörig knirschen lässt. Gebraucht hätte es diese Volte sicher nicht, das Ganze lässt den Spielfluss doch spürbar stocken.

Das bleibt glücklicherweise nicht lange so. Das liegt auch an den vielen formalen Parallelen zu Romeo und Julia: Da ist das virtuose Spiel aus chorischem und individuellem Sprechen, Allgemeinem und Privatheit, universellen aussagen und zutiefst Persönlichem. Da sind die Gruppenchoreografien, die jegliche Realismusanmutung schnell wieder auf die Füße stellen. Und da ist die Metaebene: Der Entstehungsprozess des recherchebasierten Stücks wird vorgeführt – etwa in der furiosen Szene, in der Tobias Klee, Daten und Fakten zum Thema Tod vortragend sich in einen regelrechten Rausch redet, so dass seinen Mitstreitern nichts übrigbleibt, als ihn mit Klebeband ruhig zu stellen – aber auch hinterfragt und zur Disposition gestellt. Das artet zuweilen in Streit aus, etwa über die Sinnhaftigkeit des Ganzen, das vermeintliche Abweichen vom Geprobten oder das In-Frage-stellen der ganzen Idee aber auch der Annahme, Abschiednehmen könne sich in vernünftige Bahnen lenken lassen. Je länger der Abend dauert, desto brüchiger wird die Grenze zwischen Spielgeschehen und Metaebene, desto mehr treten beide in Dialog, intensiviert sich durch diese Offenheit die Auseinandersetzung mit dem Thema, wird diese härter und geht zunehmends an die Substanz.

Hier helfen Spiel und Ironie, Leichtnehmen und Drüberweglachen nicht mehr. Zumal die Spieler irgendwann nicht mehr allein sind, treten doch ihre Mütter, Väter, Großeltern hinzu, zunächst als Visionen des gealterten Ichs, später als Partner wie Gegenspieler in der Auseinandersetzung mit Tod und Abschied, die zunehmends virtuoser und vielgestaltiger wird: Da wird der Abschied vom erwachsenen Kind zwischen wiedergewonnener Freiheit und nicht zu füllender Leere behandelt, fliegen Vorwürfe durch den Raum, bleiben zuletzt die beiden Großmütter zurück und sinnieren altersweise und doch alles andere als trocken über Altwerden, Abschiede und den näher kommenden Tod, während draußen – per Videoleinwand projiziert – aus einer wüsten Beschimpfungsorgie eine tränentriefende kollektive Versöhnung wird. Auf die Frage, was sie an ihrem letzten Tag tun würde, hatte Yollanda Rüchel gesagt, sie würde sich wünschen, „dass ich weiß, wie man Abschied nimmt“. So endet der Abend in einer versöhnlichen Abschiedsvision, die womöglich nur dies bleiben wird und doch ein wenig Hoffnung spendet.

Natürlich hat der Abend seine Schwächen: So funktioniert die dramaturgische Klammer, die er sich gibt, überhaupt nicht und wirkt bestenfalls kontraproduktiv. Auch ist der Ton über die Gesamtlänge von knapp 90 Minuten ein wenig zu leicht, gelingt die Balance zwischen spielerischem Ansatz und ernster Thematik nicht immer. Auch die Anwesenheit mehrerer Generationen wird nicht ausreichend genutzt: Die wirklich schwierigen und schmerzlichen Fragen wie die titelgebende nach dem, was ist, „wenn du nicht mehr da bist“, bleiben weitgehend ungestellt. Und doch bleibt ein äußerst anregender, streckenweise furioser, zu Tränen aller art animierender und ungemein berührender Theaterabend, der es sich nie leicht macht, immer wieder die Perspektive wechselt und dessen Humor und Spielfreude selten ablenken von dem, was da verhandelt wird, sondern vielmehr erhellen, Schlaglichter werfen auf das, was wohl die meisten von uns nur allzu gern verdrängen. „Ich kann das nicht“ und „Das bringt doch nichts“ sind Sätze, die wiederholt fallen. Immer wieder gerät das Spiel an seine Grenzen, erscheint es unpassend, nicht ausreichend, muss neu gestartet werden, in dieser Suche nach dem richtigen Ton, dem passenden Ausdruck. Es ist dieses Sich-Selbst-Hinterfragen, das diesen Abend so stark macht und ins Gedächtnis einbrennt. Vielleicht bringt das alles tatsächlich nichts – aber man kann sich ja auch irren.

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2 Gedanken zu „„Das bringt doch nichts!“

  1. […] Theater an der Parkaue – Junges Staatstheater Berlin „Wenn du nicht mehr da bist“ […]

  2. […] der Themenkanon in diesem Jahr war und wie hart so manche Auseinandersetzung: Näherte sich die Gruppe des Berliner Theaters an der Parkaue dem Tod auf spielerische und humorvolle Weise und erschlossen sich Grevenbroicher Schüler die […]

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