Die Besessene

Rainer Werner Fassbinder: Die bitteren Tränen der Petra von Kant, Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin (Realisation: Patrick Wengenroth)

Von Sascha Krieger

„Ich habe sie nicht geliebt. Ich wollte sie nur besitzen“: Es ist vielleicht der Schlüsselsatz von Rainer Werner Fassbinders 1971 uraufgeührtem Stück Die bitteren Tränen der Petra von Kant – und womöglich auch ein zentraler Satz in seinem gesamten Oeuvre. Menschliche Beziehung sind bei Fassbinder stets Macht- und Abhängigkeitsverhältnisse, es geht ums Beherrschen des Anderen, um Dominanz und Unterwerfung. Nirgendwo ist das mehr der Fall als in dem 1972 mit Margit Carstensen und Hanna Schygulla verfilmten Stück. Hier weht der Machtkampf durch jede Beziehung: die der Titelfigur mit der Mutter, jene mit der eigenen Tochter, auch der mit der „besten Freundin“ und erst recht jener mit der stummen Haushälterin Marlene. Im Mittelpunkt jedoch steht die Liebes- und Unterwerfungsbeziehung mit der jungen und bildschönen Katrin, der die erfolgreiche Modeschöpferin Petra von Kant hoffnungslos verfällt und die sie schließlich in die Knie zwingt. Denn die Besitzenwollende wird zur Besessenen, die Machtspielerin zur Überwältigten. Eine bittere, trostlose Geschichte.

Jule Böwe und Iris Becher (Foto: Gianmarco Bresadola)

Jule Böwe und Iris Becher (Foto: Gianmarco Bresadola)

Die Fassbinder-Spezialist Patrick Wengenroth auf Distanz hält. Elaboriert und anspielungsreich schon das Bühnenbild von Mascha Mazur: Es ist eine Abfolge eleganter, bordeauxroter, goldumrandeter und rüschenbesetzter Rahmen, drei hintereinander folgende , die an Bühnen gemahnen, an Leinwände oder gar eine Spiegelflucht. Fenster im Fenster im Fenster. Eine Distanzierung und zugleich eine Vervielfältigung. Die Künstlichkeit, den Performance-Aspekt der Situation betont Wengenroth zusätzlich durch immer wieder klar gesetzte Figurenanordnungen, augenblicksweises Aus-der-Rolle Fallen, statisches Frontalsprechen. Die Figuren sind Spieler, Schauspieler gar, die sich Rollen überstreifen, hinter denen, das, was Wahrheit sein könnte, kaum noch zu sehen ist. Am eindrucksvollsten ist das bei Katrin (Lucy Wirth) der Fall: Wie sie alle Wahrhaftigkeit abstreift, lernt, Rollen anzunehmen und zuletzt zur Rolle zu werden, ist exemplarisch.

Jule Böwe als Petra vollzieht die Gegenbewegung: Ihr, die zu Beginn herrscherinnengleich in einem wahnwitzigen Designer(alb)traum dasteht, kommen zunehmend alle Rollen abhanden, zum Schluss ist sie buchstäblich auf den Knien, aufgelöst im Dessousensemble. Der Abend ist auch so etwas wie die Wiederentdeckung der Großschauspielerin Böwe: Rotzig dominant kommuniziert sie ihre Macht, still sehnt sie sich nach Nähe, hysterisch schafft sich die Verzweiflung Luft, geisterhaft resigniert sie zuletzt. Dabei kippt der Ton zuweilen mitten im Satz, erschüttern die Stimmungswechsel zunehmends, bricht Böwe die Distanz auf, indem sie sie stets aufrecht erhält. So vorgeführt, wirkt sie umso intensiver. So stark und eindringlich war Jule Böwe lange nicht mehr, auch dies ein Verdienst des Abends.

Wengenroth, der auch die Marlene gibt, findet einfache, plakative und doch eindrückliche Bilder für das sich ständig verschiebende Machtgefüge: Dominanzverhältnisse werden ausgedrückt durch Positionswechsel auf der dreistufigen Bühne, aber auch durch ein virtuoses Spiel von Stehe, Sitzen, Kauern. Frontales Sprechen drückt Vereinsamung aus, das Sich-Einander-Zuwenden ist wörtlich zu nehmen. Das ist durchaus simpel und doch äußerst wirkungsvoll, spielt sich dieses Hin und Her und auf und ab doch wie beiläufig, wie nicht gewollt ab und spiegelt doch stets die aktuellen Machtverhältnisse ab. Am Ende kriecht Petra verzweifelt über den Flokati-Teppich, eine Erniedrigte, die das Machtspiel Beziehung verloren hat und über der die eisig lächelnde Tochter (Iris Becher) thront. Gern hätte man auf die überflüssigen, allzu plakative V-Effekte schaffen wollenden Gesangseinlagen verzichtet und doch bleibt ein Abend, der aus Distanz Nähe schafft, aus Künstlichkeit Berührung, der so fern und fremd bleibt wie er nahe geht.

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